Kammerspiele

Premiere: „Träum weiter“ pendelt zwischen Drama und Komödie

Verloren in der Bahnhofshalle: Szene mit Dennis Herrmann und Almila Bagriacik.

Foto: Diana Küster

Verloren in der Bahnhofshalle: Szene mit Dennis Herrmann und Almila Bagriacik. Foto: Diana Küster

Bochum.   Erstes Theaterstück der gefeierten Autorin Nesrin Șamdereli bietet ein wildes Durcheinander an Ideen. Darsteller spielen beherzt auf.

Mist, kein Handyempfang! Kein Netflix! Und nirgends ein Zug in Sicht. Doch warum hat die Bahnhofsuhr eigentlich keine Zeiger? Die junge Nil läuft gelangweilt durch die große, leuchtend blaue Halle, bis es ihr irgendwann dämmert: Sie ist gefangen in einer Art Transitzone zwischen Leben und Tod. Nil liegt im Koma. Doch selbst dort kann’s ganz lustig sein...

Mit „Träum weiter“, einem Auftragswerk fürs Bochumer Schauspielhaus, hat die Dortmunder Autorin Nesrin Șamdereli ihr erstes Theaterstück geschrieben. Bekannt wurde sie durch ihr Drehbuch für die Filmkomödie „Almanya“, das mit dem Deutschen Filmpreis in Gold ausgezeichnet wurde.

Auch ihr Bühnendebüt, von Regisseurin Selen Kara schwungvoll in den Kammerspielen inszeniert, ist eher eine locker, leichte Angelegenheit, wobei sich der Zuschauer allerdings etwas ratlos die Frage stellt, welcher Spielrichtung er hier knapp 90 kurzweiligen Minuten lang beiwohnt. Für eine Komödie fehlt das Tempo, für ein handfestes Familiendrama fehlt die Tiefe. Und das Dauerthema Migration, das immer wieder aufleuchtet, wabert eher im Hintergrund.

Wildes Durcheinander an Ideen

Ähnlich wie die arme Nil scheint also auch das ganze Stück im Nirgendwo festzustecken. Man mag das etwas unentschlossen nennen, aber vermutlich ist das wilde Durcheinander an Ideen von der Autorin durchaus so gewollt.

Dennoch entwirft Șamdereli in kurzen Szenen eine Reihe scharf gezeichneter Figuren, die durchaus in Erinnerung bleiben. Auf imposanter Drehbühne (Lydia Merkel) schaut man abwechselnd in Nils Kopf und dann auf die Krankenstation, wo statt der jungen Frau auf wundersame Weise ein Cello im Koma liegt.

Als türkisch-griechisches Ex-Ehepaar wachen die Eltern (Sabine Osthoff und Henrik Schubert) am Bett ihrer Tochter und zoffen sich nebenher ausufernd, aber witzig über die eigenwilligen Mentalitäten ihrer Heimatländer. Gehörig die Leviten gelesen bekommen sie nur vom strengen Chefarzt, der stolz in Damenkleidern auftaucht und gern mal eine Watschn verteilt: Dennis Herrmann gelingen hier schillernde Auftritte. Anne Eigner als Nils Ex-Partnerin Nora bleibt hingegen etwas blass.

Derweil bekommt Nil Besuch aus der Vergangenheit: Ihr erster Freund und die ehemalige Kunstlehrerin (Veronika Nickl) schauen vorbei und erinnern die verwirrte junge Dame daran, welchen Wert echte Freundschaft besitzt. Gerade in den leichtfüßigen, unbeschwerten Momenten holt die junge Schauspielerin Almila Bagriacik aus ihrer Figur eine Menge heraus. Nils tragische Verlorenheit gelingt ihr indes nicht ganz überzeugend.

Am Ende gibt es ein wunderbares Treffen mit Nils Großvater, von dem Schauspieler Vedat Erincin mit viel Wärme gegeben, der den schönsten Satz des Abends fallen lässt: „Unterschätze niemals die Menschen, die dich lieben.“

Herzlicher Beifall.

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