Datenpanne

Polizei schickt Zeugendaten nach Unfallflucht an Verdächtige

Verkehrsunfallflucht beschäftigt die Polizei täglich. Hier klebt ein Bochumer Polizeibeamter eine Schadensfläche an einem Auto ab, um Spuren zu sichern. Ganz wichtig sind der Polizei bei der Aufklärung auch Zeugenaussagen. Foto:Ingo Otto

Verkehrsunfallflucht beschäftigt die Polizei täglich. Hier klebt ein Bochumer Polizeibeamter eine Schadensfläche an einem Auto ab, um Spuren zu sichern. Ganz wichtig sind der Polizei bei der Aufklärung auch Zeugenaussagen. Foto:Ingo Otto

Bochum/Dortmund.   Die Polizei hat in einer Strafsache versehentlich die Daten eines Zeugen an die Beschuldigtenseite geschickt. „Ein bedauerlicher Fehler.“

Aufgrund eines Versehens der Polizei ist ein Zeuge in eine sehr unangenehme Situation geraten. Der 40-jährige Bochumer hatte der Polizei eine Unfallflucht gemeldet – und wenig später erreichte ihn auf seinem privaten Handy ein Anruf von Seiten der Beschuldigten. Zum Schutz von Zeugen, die nicht manipuliert oder unter Druck gesetzt werden dürfen, darf die Polizei die persönlichen Daten wie Adresse und Rufnummer grundsätzlich nicht mitteilen.

Der Bochumer hatte vor einigen Wochen auf einem Parkplatz in Dortmund beobachtet, wie eine ältere Frau mit ihrem Kleinwagen beim Ausparken einen anderen Kleinwagen erheblich beschädigt und ohne sich zu kümmern einfach weggefahren sein soll. Angeblich beträgt der Sachschaden rund 2000 Euro. Der Zeuge notierte sich das Kennzeichen der Verdächtigen und informierte die Polizei. Dort gab er auch seine vollständige Adresse und seine Rufnummer an.

Es drohen Nötigung und Erpressung

Vor einigen Tagen bekam er von der Dortmunder Polizei per Post einen Zeugenaussage-Bogen. „Interessant ist, dass meine vollständige Adresse mit Telefonnummer wohl ebenfalls beiden Parteien mitgeteilt wurde. So erreichte mich ein Anruf des Sohnes der Unfallverursacherin eines Abends ebenso unerwartet wie der Dankesanruf des Geschädigten einen Tag später“, berichtet der Unfallzeuge. Der Sohn der Beschuldigten habe von ihm wissen wollen, ob er den Geschädigten kenne und ob alles mit rechten Dinge zugehe. Außerdem: „Er wollte meine Version hören.“ Zu manipulieren versucht habe der Anrufer ihn zwar nicht. Trotzdem sagt der Zeuge: „In dem Moment ist man dann froh, keinen Mord beobachtet zu haben oder einem ,Rabauken’ als Unfallverursacher damit ,auf die Füße getreten’ zu sein.“ Die Polizei habe ihm bei einer entsprechenden Rückfrage gesagt: „Nötigung und Erpressung von Zeugen kämen sehr häufig vor, ich sollte froh sein, dass ich wohl Glück hätte.“

Beamter wählte falsches Formular

Auf WAZ-Anfrage räumte die Polizei Dortmund ein, dass bei ihr im Hause „ein bedauernswerter Fehler“ passiert sei. Es sei nicht vorgesehen, dass Daten von Zeugen an die Unfallbeteiligten herausgegeben würden. Ein Mitarbeiter der Polizei habe in diesem Fall leider „ein falsches Formular gewählt“ und in die Post gegeben. „Es tut uns leid.“ Man werde bei dem Zeugen auch um Entschuldigung bitten.

Allerdings ist es bei Straftaten – eine Unfallflucht ist eine solche – nie ausgeschlossen, dass Zeugendaten in die Hände von Beschuldigten gelangen. Das kann immer über den Weg von Rechtsanwälten gehen: Diese haben ein Recht auf Akteneinsicht – und darin stehen auch die persönlichen Daten von Tatzeugen.

>> 3192 UNFALLFLUCHTEN IM LETZTEN JAHR

Bei normalen Verkehrsunfällen mit bloßen Sachschäden, wie sie alle Tage vorkommen, werden die persönlichen Daten von Zeugen nicht auf dem polizeilichen Unfallbogen/Unfallbericht angegeben.

In der Stadt Bochum wurden der Polizei im vergangenen Jahr 3192 Fälle des „unerlaubten Entfernens vom Unfallort“ gemeldet. Das bedeutet einen kontinuierlichen Anstieg seit vielen Jahren.

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