Hupen und Klingeln

Pimp my Rollator

Foto: Dietmar Wäsche / WAZ-Fotopool

Mitte.   Senioren des Theaterensembles aus dem Marienstift ließen sích ihre Rollstühle und Gehhilfen aufmotzen. Aktion im Fahrradladen

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Anne Bömelburg hat sich für einen Donald-Kopf als Hupe entschieden, der ab jetzt ihren Rollator ziert; für Ute Grafs Rollstuhl soll es die ARD-Fernsehmaus sein. Die beiden Bewohnerinnen des St. Marienstifts haben sich – gemeinsam mit weiteren Senioren – ihre Fortbewegungsmittel optisch und akustisch ausstatten lassen.

„Pimp my Rollator“ nennt die Regisseurin Merima Horozovic die Aktion mit dem Fahrradladen „Balance“, die mit dem Theaterstück zusammenhängt, das sie fürs Westendfest mit Bewohnern des Pflegeheims einstudiert. „Natürlich sollen diese Accessoires später auch auf der Bühne eingesetzt werden. Es dient aber auch dazu, dass die Senioren mal aus ihrer vertrauten Umgebung herauskommen, damit sie sehen, was sie noch alles machen können.“

Quietschgelbe Warnweste

So besucht sie mit ihnen Geschäfte im Umfeld, in die die Leute von sich aus nicht hineingehen würden. Auch, um Kontakte zur jüngeren Generation knüpfen zu können. Als die Gruppe an der Kortumstraße ankommt, sinnieren alle darüber, wie es früher hier ausgesehen hat, welche Läden es gab.

Ohne Scheu stöbern die Männer und Frauen dann durch den Fahrradladen, der auch Theaterartikel anbietet. Der Sound jeder Klingel, jeder Hupe, wird ausprobiert, bevor Franziska Fuhrmann aus der Werkstatt sie an den Rollstühlen befestigt. Brigitte Lange, die keine Gehhilfe braucht, bevorzugt eine quietschgelbe Warnweste.

Anne Haas aus Langendreer ist die Einzige, die nicht im Marienstift wohnt. Sie hatte sich aus eigenem Antrieb bei Marima Horozovic gemeldet, um mitzuwirken. Ganz bescheiden wählt sie einen künstlichen Blumenkranz, den sie sich abwechselnd auf den Kopf und um den Hals legt. „Ich wollte nichts so Teures nehmen. Schließlich bekommen wir alles geschenkt.“ Derweil kommt Bärbel Krol in den Laden. Sie hat in der WAZ von dem Theaterstück gelesen und will mitmachen: „Ich war gerade im Marienstift, wo ich erfuhr, dass sie hier im Bermuda-Dreieck sind. Mir wäre egal, was ich tun soll, Hauptsache, ich bin dabei.“

Das Theaterstück dreht sich um alternde Märchenfiguren. Es ist ein Beitrag zum Westendfest am 30. August. Die Marienstift-Schauspieler wollen sich auch darüber hinaus als feste Gruppe in der Einrichtung etablieren. Über die komplette Inszenierung drehen Nicola Przybylka und Martin Lindner von „Daheim TV“ einen Film.

Anton Lückenotte ist mit 92 Jahren der Älteste im Ensemble. Er spielt Klavier, Geige, Mundharmonika, Akkordeon, Keyboard – und jetzt auch die klassische Hupe. Wie musikalisch er ist, erfährt Henning Wilhelms zu Bickern, einer der Geschäftsführer von „Balance“, zum Schluss: Aus dem Stegreif singt und reimt Anton Lückenotte einen mehrstrophigen Dank. Dann geht’s, frisch aufgepimpt, zurück zum Stift. Beim Aufstellen fürs Gruppenbild trotzen die Senioren einem Lieferfahrzeug, dessen Fahrer richtig sauer wird, als sie sich nicht sofort verscheuchen lassen: „Ich muss hier durch.“ Die selbstgewussten Alten haben eine Antwort parat: anhaltendes Hupen und Klingeln.

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