Pflegefamilien

Patchworkfamilie schenkt einem Pflegekind ein neues Zuhause

Steffi Rogowski und Markus Benther haben gemeinsam mit Leon (l.) und Luis (r.) ein Pflegekind bei sich aufgenommen: Niklas kam vor etwa eineinhalb Jahren zu ihnen.

Steffi Rogowski und Markus Benther haben gemeinsam mit Leon (l.) und Luis (r.) ein Pflegekind bei sich aufgenommen: Niklas kam vor etwa eineinhalb Jahren zu ihnen.

Foto: Dietmar Wäsche

Bochum.  Vor eineinhalb Jahren haben Steffi Rogowski und Markus Benther ein Pflegekind bei sich aufgenommen. Der Verein Plan B unterstützt sie dabei.

Manchmal sagt Niklas* Mama, häufiger aber nennt er sie Steffi. Steffi, die für ihn Zeit hat und ihm zuhört, die er manchmal fast zur Weißglut bringt und die ihm doch eine Sicherheit gibt, die der Achtjährige in seinem alten Leben nicht gekannt hat. Steffi, eigentlich Stephanie Rogowski, ist Niklas‘ Pflegemutter. Gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten Markus Benther, 42, den sie im Herbst heiraten wird, und ihren Söhnen aus erster Ehe, Leon und Luis, hat die 45-Jährige Niklas vor eineinhalb Jahren bei sich zu Hause aufgenommen.

Auch Markus Benther hat einen leiblichen Sohn, der regelmäßig zu Besuch kommt – Patchwork vom feinsten.

Untergebracht in einer Schutzstelle

Für Steffi Rogowski war schon lange klar, dass sie gern ein Kind aufnehmen würde. Es sei noch so viel Platz in ihrem Herzen, sagt sie. Bei der Internet-Recherche zum Thema Pflegefamilie stieß sie auf den Verein Plan B, der sich unter anderem um die Schulung, Vermittlung und Begleitung von Pflegeeltern kümmert. Weil ihre Söhne einverstanden waren und sie ein Zimmer im Haus übrig hatten, nahmen Steffi Rogowski und Markus Benther an Vorbereitungskursen teil und lernten schließlich Niklas kennen, der zu diesem Zeitpunkt in einer Schutzstelle in Essen untergebracht war.

Im Dezember 2016, einen Tag nach Weihnachten, zog der Junge bei ihnen ein. Anfangs sei er „lieb und schüchtern“ gewesen, erzählt Steffi Rogowski. Erst nach etwa zwei Monaten gab es die ersten Reibereien. „Er hat uns getestet.“ Gleichzeitig habe ihr sein Verhalten aber auch gezeigt, dass Niklas nun richtig angekommen war.

Pflegekinder bringen ihre Geschichte mit

„Pflegekinder bringen ihre Geschichte mit“, sagt Plan-B-Geschäftsführerin Gülseren Celebi. „Sie sind ja nicht umsonst in Obhut genommen worden“. Die Sozialpädagogin und Familientherapeutin ist selbst Pflegemutter. Sie weiß von den Eigenheiten, die dem Teil eines Lebens geschuldet sind, der zwar hinter den Kindern liegt, aber sich nicht einfach so wegwischen lässt.

„Manche Kinder haben noch nie ein Stück Obst gegessen, andere sprechen kein Deutsch, einige haben Gewalt erlebt oder haben Eltern, die schwer psychisch krank oder süchtig sind“, sagt die Sozialarbeiterin Vanessa Petrat, die Niklas‘ Pflegefamilie betreut und zur engen Vertrauten geworden ist.

Bei Niklas war es die Sache mit dem Essen: „Er musste immer nachschauen, ob der Kühlschrank gefüllt ist.“ Seine leibliche Mutter sei damit überfordert gewesen, ihrem Kind genug zu essen zu geben und die Wohnung in Ordnung zu halten. Manchmal habe sie ihn auch geschlagen. Mit der aktuellen Situation scheint sie besser zurecht zu kommen. Bei den regelmäßigen Besuchskontakten verhalte sie sich „wie eine gute Mutter“, sagt Celebi. „Seine leibliche Mutter wird immer seine Mutter bleiben“, sagt Steffi Rogowski. „Aufwachsen darf er aber bei uns.“

Damit hat Niklas großes Glück gehabt – denn die Plätze in Pflegefamilien sind rar. „Pflegefamilien werden dringend gesucht“, sagt Gülseren Celebi. „Uns erreichen pro Woche im Schnitt vier Anfragen aus verschiedenen Städten.“ In Bochum sind bei Plan B nur drei Familien für die Dauerpflege registriert. Sie haben bereits Kinder aufgenommen und keine weiteren Kapazitäten. Auch Steffi Rogowski und Markus Benther würden gern noch einem Kind ein neues Zuhause geben, doch es fehlt ihnen der Platz.

Ein Stern für Niklas

„Es gibt ganz viele schöne Momente“, sagt Steffi Rogowski, „und Momente, in denen man zweifelt. Aber jedes Lachen von Niklas macht das wieder wett. Ich habe ihn so lieb wie meine eigenen Kinder.“

Vor kurzem hat sie sich ein neues Tattoo stechen lassen: die Namen ihrer leiblichen Söhne, eingerahmt von Sternen. Niklas hat gefragt, warum sein Name fehlt. „Weil du nicht mein Bauchkind bist“, hat Mama Steffi ihm erklärt. Dann durfte er sich einen der Sterne im Tattoo aussuchen, der nur für ihn stehen soll.

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