Premiere

„Orest in Mossul“: Wenn Theater ins Kriegsgebiet einrückt

Auf einem Platz in Mossul wurde diese Szene aus dem Krieg nachgestellt. Rechts Regisseur Milo Rau mit der Kamera. Die Film-Dokumentation wird Teil des Bühnengeschehens.

Auf einem Platz in Mossul wurde diese Szene aus dem Krieg nachgestellt. Rechts Regisseur Milo Rau mit der Kamera. Die Film-Dokumentation wird Teil des Bühnengeschehens.

Foto: Brüggemann

Bochum.  Am Schauspielhaus Bochum inszeniert Milo Rau die „Orestie“ als eigenwillige Bühnencollage. Schauplatz ist die zerstörte Stadt Mossul im Irak.

Der Krieg als Geißel der Zivilisation ist im Theater oft gegenwärtig; sehr viele Stücke machen die Gräuel und deren Folgen für die Überlebenden zum Thema. Auch in „Orest in Mossul“ ist das so. Aber die Vorgehensweise von Regisseur Milo Rau geht weit über das Übliche hinaus. Er rückte mit seinem Theaterstück im Wortsinn ins Kriegsgebiet ein.

Collage aus Spiel, Ton und Bild

Milo Rau, Intendant des Theaters NT Gent und Bochumer Peter-Weiss-Preisträger 2017, hat Motive der „Orestie“ des Aischylos in Mossul/Irak mit europäischen und irakischen Schauspielern inszeniert und filmisch festgehalten. Nun kommt seine Collage aus Spiel, Ton und Bild in Bochum auf die Bühne, nachdem das Stück im April Uraufführung in Gent feierte.

Mit dabei ist Elsie de Brauw. Die niederländische Schauspielerin spielt die Rolle der Klytämnestra in dem antiken Drama, das als eines der kulturellen Fundamente Europas gilt. Mit dem Produktionsteam reiste de Brauw in den Nordirak nach Mossul, einer zerstörten Stadt. „Dort liegt alles am Boden, überall Trümmer und Ruinen. Ich hatte ein bisschen Angst, dort zu sein“, sagt die Schauspielerin. Die Welt wurde 2014 auf Mossul aufmerksam, als der selbst ernannte „Kalif“ Abu Bakr al-Baghdadi, Anführer der Terrororganisation „Islamischer Staat“, in der Drei-Millionen-Stadt ein „Kalifat“ ausrief. Die Schlacht um Mossul begann zwei Jahre später. Sie kostete Tausende von Menschenleben.

Warum hat Rau die „Orestie“ ausgerechnet dort inszeniert? „Das Stück handelt von einem endlosen Zyklus der Gewalt“, sagt der Regisseur. Wie man ihn heute in Mossul noch immer erlebe, wenn Autobomben explodierten und alte Rechnungen beglichen werden. In Mossul weise jede Biografie Parallelen zu den Charakteren aus der antiken Tragödie auf. Dabei fasse das Leben gerade erst wieder Fuß, sagt Elsie de Brauw: „Wir haben das Stück mit Studenten der dortigen Schauspielschule einstudiert. Die sagten: Kunst ist das einzige, was uns rettet.“

Rache oder Straffreiheit

Über die politische Dimension hinaus geht es dem Regisseur um die Frage, wie antike Stücke überhaupt lebendig gehalten werden können. Jedenfalls nicht, so seine Meinung, wenn man sie wieder und wieder in Form von Sprechtheater auf die Bühne bringt. Der Kern der „Orestie“ sei das „Paradoxon des Verzeihens“, sagt Rau.

Da es im Aischylos-Drama nur Extreme gebe, also blindwütige Rache oder komplette Straffreiheit, könne „Friede nur auf Kosten der Gerechtigkeit – und damit der Opfer – erfolgen“. Das klingt als Theatersansatz nicht nur ambitioniert, das ist es auch. „Aber Theater darf ruhig verstörend sein“, findet Elsie de Brauw.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben