Inklusion

Bühnen-Klassiker „Faust“ in neuem Licht präsentiert

„Da steh’ ich nun, ich armer Tor“: Das Claudius Theater wagt sich an den „Faust“.

„Da steh’ ich nun, ich armer Tor“: Das Claudius Theater wagt sich an den „Faust“.

Foto: Svenja Hanusch

Das inklusive Claudius-Theater wirft bei Goethes „Faust“ einen eigenen Blick auf die bekannte Vorlage. Premiere am 21. April bereits ausverkauft.

Mitte. „Sie sollen sich an der Abendkasse drängen! Ich wünsche mir stets ein ausverkauftes Haus.“ Zumindest, was die Premiere betrifft, ist Erzengel Raphaelas Wunsch bereits in Erfüllung gegangen. Jens Niemeiers Inszenierung von Goethes Faust ist ausverkauft – zu Recht. Und es wird sich lohnen, den folgenden Aufführungen beizuwohnen.

Noch wird hart geprobt im Haus der Begegnung an der Alsenstraße. „Wir müssen noch mehr Fokus auf den Text legen“, mahnt Regisseur Niemeier. Dabei hat er den 100-seitigen Text schon auf zehn Seiten zusammengedampft. Der 38-Jährige ist künstlerischer Leiter des Claudius-Theaters. Dessen Besonderheit: Es hat einen inklusiven Ansatz, heißt: Behinderte und Nicht-Behinderte spielen zusammen.

Es wird konzentriert gearbeitet an diesem Montagabend. Es wird aber auch viel gelacht. Bei aller Sprachamputation – der Faust ist jederzeit erkennbar. Stellen wie „Da steh‘ ich nun, ich armer Tor“, „des Pudels Kern“ oder „Aber was hält die Welt zusammen?“ hat Niemeier behalten. Und vielleicht transportiert er ungewollt seine inklusive Botschaft: Das Band zwischen Behinderten und Nichtbehinderten – genau das hält die Welt zusammen.

Begleitet werden alle Proben, die bereits im November begonnen hatten, von Sozialpädagogen. Und von Carina Langanki. Die 27-Jährige ist sogar besonders wichtig für diesen Faust. Denn Niemeier hat einen körperlichen Zugriff auf den Stoff. Vieles soll durch Bewegung vermittelt werden. Da ist Langanki die Richtige; sie hat bereits viele Choreografien am Jungen Schauspielhaus Bochum erarbeitet. Sie schnippt nur mit den Fingern, und weist mit wellenförmigen Armbewegungen die Darsteller an, welche Bewegungen sie sich vorstellt.

Langanki sagt: „Ich kann eigentlich nicht viele Unterschiede erkennen, wenn ich mit Behinderten arbeite.“ Und fügt hinzu: „Während der Arbeit habe ich auch viel über mich selbst erfahren, auch, nicht alles als selbstverständlich zu sehen und offener für Neues und Unbekanntes zu sein.“

Mit dieser Inszenierung, das wird schon bei einer der letzten Proben klar, könnte sich ein neuer Blick auf einen vermeintlich bekannten Klassiker der Literatur eröffnen.

Noch hat die Souffleuse Arbeit. Die Texte kennen die Laienschauspieler, nur bei den Einsätzen hapert es manchmal noch. Aber das ist bei Profis auch so. Wenn’s mal wieder stockt, egal. „Macht einfach weiter“, meint Niemeier gelassen. „Wir proben sehr entschleunigt.“

Dass der Faust von gleich vier Darstellern verkörpert wird, kann man inhaltlich interpretieren. Doch der Regisseur hatte auch einen ganz pragmatischen Hintergedanken. Er habe es schon erlebt, dass ein Schauspieler vor Nervosität einfach die Bühne verlassen hat, abgehauen ist. „Wenn also drei Leute statt vier den Faust spielen – macht doch nichts.“ Recht so.

Da passt es auch, dass kleine Aktualitäten in den Text eingebaut wurden. An einer Stelle heißt es: „Fack ju, Göthe!“

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben