Klimanotstand

Klimanotstand: Stadtwerke Bochum pushen den Ökostrom-Verkauf

Am Offshore-Windpark Borkum West in der Nordsee sind die Bochumer Stadtwerke beteiligt.

Am Offshore-Windpark Borkum West in der Nordsee sind die Bochumer Stadtwerke beteiligt.

Foto: Jan Oelker / Stadtwerke Bochum

Bochum.  Ökostrom zum Nulltarif. Das Angebot der Stadtwerke Bochum lässt Kunden (noch) kalt. Dabei investiert die Firma Millionen in Erneuerbare Energien.

Die Ökostrom-Initiative der Stadtwerke Bochum läuft schleppend an. Seit Vorstellung des „CO2-Sparer“-Tarifs „2-1-0“ Anfang Oktober hat der städtische Energieversorger erst rund 500 „Grünstrom“-Kunden hinzugewonnen.

„Zufrieden sind wir damit nicht. Für den Start ist das Ergebnis aber auch nicht so schlecht, weil wir den Tarif noch nicht aktiv beworben, sondern nur über die Medien bekannt gemacht haben“, sagt Stadtwerke-Sprecher Kai Krischnak. „Wir wachsen langsam, aber stetig.“

Klimaschutz soll sich jeder leisten können

Binnen weniger Monate sollte die Zahl der zuletzt 9000 „Öko-Kunden“ verdoppelt werden. „Klimaschutz geht uns alle an. Und ab jetzt kann es sich auch jeder leisten“, preist die Stadttochter ihren neuen Tarif.

Wer umweltfreundlichen Ökostrom aus norwegischen Wasserkraftwerken beziehen will, kann dies jetzt kostenfrei tun. Dafür steht die Null. Bislang berechneten die Stadtwerke einen Euro pro Monat zusätzlich zum normalen Stromverbrauch.

Ökostrom-Offensive als Reaktion auf den Klimanotstand

Besonders umweltbewusste Kunden sollen mit einem Zusatzbeitrag von zwei Euro pro Monat künftig all diejenigen unterstützen, die Ökostrom nutzen, aber nicht extra dafür zahlen wollen oder können. So erklärt sich das 2-1-0-Prinzip.

Die Ökostrom-Offensive ist eine Reaktion der Stadtwerke auf den Klimanotstand, den die Politik für Bochum ausgerufen hat. „Wir wollen dazu unseren Beitrag leisten“, sagt Geschäftsführer Dietmar Spohn.

Seit Jahren engagieren sich die Stadtwerke im Bereich Erneuerbare Energien. Sie betreiben zur Erzeugung von grünem Strom eigene Anlagen in Bochum und sind über Partner an vielen Projekten deutschlandweit beteiligt.

Stadtwerke wollen Kapazitäten bis 2025 ausbauen

Spohn: „Wenn Ende 2019 der Trianel-Windpark Borkum II vollständig am Netz ist, können wir rechnerisch etwa die Hälfte aller 195.000 Bochumer Haushalte mit Ökostrom versorgen.“

Wie grün sind die Bochumer Stadtwerke? „In Deutschland gehören wir sicherlich zu den Top Ten“, so Spohn. „Unser Ziel ist es, bis 2025 rechnerisch 75 Prozent der Bochumer Haushalte versorgen zu können.“

In Bochum selbst erzeugen die Stadtwerke nur einen Bruchteil des eigenen Ökostroms (6,5 von 118,5 Megawatt). Insbesondere in sechs großen „Sonnenkraftwerken“ (Photovoltaikanlagen), im Wasserkraftwerk Stiepel und in der Deponiegasanlage Kornharpen.

Nur ein Bruchteil der EEG-Umlage fließt nach Bochum zurück

Energieversorger müssen veröffentlichen, wie sich der Strom, den sie vertreiben, zusammensetzt. Von den 1,4 Milliarden Kilowattstunden Strom, die die Stadtwerke jährlich in Bochum verkaufen, stammen demnach 42,6 Prozent aus Erneuerbaren Energien. Davon sind 35,3 Prozent gefördert nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) und 7,3 Prozent fließen aus sonstigen Anlagen inklusive Ökostrom aus Wasserkraft.

„In die EEG-Umlage in Höhe von bundesweit 27 Milliarden Euro haben die Bochumer Bürgerinnen und Bürger 2018 rund 96 Millionen Euro eingezahlt. Im gleichen Zeitraum flossen lediglich knapp sieben Millionen Euro Einspeisevergütung für EEG-Anlagen nach Bochum zurück“, so Kai Krischnak.

Die Stadtwerke kaufen Ökostrom aber auch auf den üblichen Handelsmärkten. Die Preise für den grünen Strom, der früher aus österreichischen und heute fast ausschließlich aus norwegischen Wasserkraftwerken stammt, liegen laut Krischnak „bis zu drei Prozent über den Großhandelspreisen für Graustrom“.

Energieversorger investiert 120 Millionen Euro zusätzlich

Auch deswegen sollen die eigenen Kapazitäten ausgebaut werden. 60 Megawatt zusätzlich sind geplant. „Dafür werden wir in den kommenden Jahren weitere 120 Millionen Euro in Erneuerbare investieren“, kündigt Spohn an. „Bis 2025 werden wir dann eine halbe Milliarde Euro ausgegeben haben.“

Das Ziel zu erreichen, sei aber gar nicht so einfach, sagt Spohn. Es werde immer schwieriger, geeignete Projekte zu finden, an denen die Stadtwerke sich beteiligen könnten. Im Markt seien wegen niedriger Zinsen auch viele Geldanleger und Beteiligungsfonds aktiv, die andere Renditeerwartungen als die Stadtwerke Bochum haben. „Renditen von zwei bis drei Prozent reichen uns nicht aus. Wir benötigen viereinhalb bis fünf Prozent“, so Spohn.

Konventionelle Kraftwerke tragen zur Versorgungssicherheit bei

Dass die Bochumer Stadtwerke eines Tages wie die Münchener Stadtwerke zu 100 Prozent Ökostrom vertreiben, glaubt Spohn nicht. „Am Ende des Tages wird es einen Mix aus Erneuerbaren Energien und nach wie vor konventioneller Energieerzeugung geben müssen, um die Versorgungssicherheit der Bürger zu gewährleisten.“

Das habe auch der Januar 2018 gezeigt, als alle Kraftwerke in Deutschland am Netz waren, weil keine Sonne schien und kein Wind wehte. „Der Begriff von der Dunkelflaute machte die Runde.“

Aber auch aus anderem Grund taugt Spohn das Münchener Modell zurzeit nicht. „Ich halte das für betriebswirtschaftlichen Blödsinn.“

Leserkommentare (6) Kommentar schreiben