Bühne

Kammerspiele: Liederabend versinkt im geordneten Chaos

„Johanna, hast du noch etwas Konfetti?“ Karsten Riedel und Johanna Eiworth (Mitte) mit Nils Imhorst (links) und Christoph König in dem Liederabend „Der Liebe Lust, der Liebe Schmerz“ in den Kammerspielen.

Foto: Sebastian Kirch

„Johanna, hast du noch etwas Konfetti?“ Karsten Riedel und Johanna Eiworth (Mitte) mit Nils Imhorst (links) und Christoph König in dem Liederabend „Der Liebe Lust, der Liebe Schmerz“ in den Kammerspielen. Foto: Sebastian Kirch

Bochum.   Mit „Der Liebe Lust, der Liebe Schmerz“ huldigt Karsten Riedel den Poemen von Shakespeare bis Wedekind. Das Konzept wirkt seltsam verkrampft.

Gerade gab’s mal wieder mächtig Konfusion: Die Regieassistentin schneite von der linken Seite auf die Bühne und flüsterte dem Musiker Karsten Riedel etwas ins Ohr, der daraufhin wüst schimpfend vom Klavier aufsprang und verschwand. Als die Bühne dann eine Weile leer war, kam von rechts die Schauspielerin Johanna Eiworth hinzu, die ein wallendes Kleid trug wie Königin Elisabeth I., und sie schaute gespielt verdutzt in die Runde: „Karsten, wo bist du?“ rief sie. „Jetzt trage ich schon diesen elisabethanischen Fummel – und keiner ist da!“

Es sind Szenen wie diese, die sich wie ein Störfeuer durch den Liederabend „Der Liebe Lust, der Liebe Schmerz“ ziehen, den Riedel gemeinsam mit Christoph König (Geige, Bratsche) und Nils Imhorst (Kontrabass) in den Kammerspielen zeigt. An jedem Abend gesellt sich ein Gast hinzu: Auf Johanna Eiworth, die während der ersten beiden Vorstellungen dabei war, folgen Roland Riebeling (27.) und Matthias Eberle (30.12.) – sowie Tilo Nest am 9. und 15.12.. Tilo Nest ist ein guter Bekannter: Von 1986 bis 1992 war er bereits am Schauspielhaus engagiert und gehört seit dieser Spielzeit dem neu formierten Berliner Ensemble an.

Abende wandeln sich mit jedem neuen Gast

Gut möglich also, dass sich der Abend mit jedem neuen Gast neu wandeln wird, und das wäre gewiss nicht verkehrt. Denn nach der zweiten (leider nur schwach besuchten) Vorstellung ahnt der Besucher: Da ist noch Luft nach oben.

Karsten Riedel frönt in seinem Liederabend seiner alten Liebe zu den Sonetten von Shakespeare, die er seit vielen Jahren vertont, sowie zu den Werken von Frank Wedekind und Dylan Thomas.

Darbietungen sind musikalisch erstklassig

Musikalisch ist das erstklassig. Als Drei-Mann-Combo sind Riedel, König und Imhorst eine Bank. Die lyrisch verspielten Sonette, von Riedel mit Inbrunst gesungen, gehen ihnen ebenso leicht von der Hand wie die im Pathos ertränkten Poeme von Dylan Thomas. Riedel scheint einen Tipp nach der Premiere beherzigt zu haben und lässt die passenden Texte dazu auf einen Tageslichtprojektor legen – doch die Buchstaben sind dermaßen winzig, dass sie schon in Reihe vier niemand mehr entziffern kann.

Und genau hier liegt auch das Problem: Die Aufführung brüstet sich förmlich damit, „unfertig“ zu sein. „Wir hatten einfach keine Zeit zu proben“, entschuldigt sich Riedel jedes Mal aufs Neue, wenn mal wieder etwas schief geht. Doch so richtig mag dieser Running Gag nicht zünden, zu offensichtlich und viel zu ungelenk kommt er daher. Wenn Chaos zum Konzept dieses Abends gehören soll, müsste es schon etwas schmissiger und weniger steif und angestrengt wirken.

>>>>>Riedel ist an renommierten Theatern zu Hause

Karsten Riedel (*1970 in Wattenscheid) braucht man nicht groß vorzustellen: Seit 1989 arbeitet er als selbstständiger Musiker, große Erfolge feierte er mit seiner Band „Alpha Boy School“. Seit 2001 arbeitet er vermehrt als Komponist und Bühnenmusiker.

Während der Intendanz von Matthias Hartmann entdeckte er sein Herz fürs Theater und wirkte u.a. am Thalia Theater, dem Grillo und der Wiener „Burg“. In Düsseldorf sorgte er im Februar für die Musik zu „Michael Kohlhaas“. Die Regie führte Matthias Hartmann.

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