Ausbildungsmarkt

Jugendliche wollen mehr als nur irgendeinen Beruf erlernen

In der Lagerlogistik sind allein in Bochum derzeit noch 22 Ausbildungsstellen nicht vergeben. Deborah El Mortadi (l.) und Sebastian Hamacher haben ihre Lehrjahre bei einem Düsseldorfer Betrieb schon hinter sich.

In der Lagerlogistik sind allein in Bochum derzeit noch 22 Ausbildungsstellen nicht vergeben. Deborah El Mortadi (l.) und Sebastian Hamacher haben ihre Lehrjahre bei einem Düsseldorfer Betrieb schon hinter sich.

Foto: Lars Heidrich

Bochum.  Das Ausbildungsjahr 2019/20 beginnt. Azubis, so ein aktueller Report, legen immer mehr Wert auf einen Beruf mit Perspektive und Sinn.

Heute geht’s los. Für viele Jugendliche beginnt der vermeintliche Ernst des Lebens. Am 1. August fangen traditionell viele Berufsausbildungen an. Etwa 1300 junge Frauen und Männer starten in Bochum heute oder am 1. September ihre Lehre. 725 Jugendliche sind aber immer noch unversorgt.

Auf den ersten Blick ist das unverständlich. Schließlich listet allein die Agentur für Arbeit noch 802 unbesetzte Ausbildungsstellen in der Stadt, dazu kommen vermutlich noch einige weitere. Gesucht werden angehende Verwaltungsfachangestellte (59) Einzelhandelskaufleute (53), Verkäufer (51), Bürokaufleute (33), Lagerlogistiker (22) und und und. Da könnte für jeden „Unversorgten“ etwas dabei sein.

Azubi-Report gibt Aufschlüsse

Ist es aber nicht. Und das hat nicht nur etwas mit dem möglicherweise fehlenden Schulabschluss zu tun. Tatsächlich ist das „Matching“, wie im Neudeutsch das Zusammenbringen von Schülern und Unternehmen mit dem passenden Ausbildungsplatz heißt, ein schwieriges Geschäft. Und es wird offenbar immer schwieriger, wenn es nach den Ergebnissen des aktuellen Azubis-Reports des bundesweit tätigen, in Bochum angesiedelten Portals „ausbildung.de“ geht.

„Jugendliche wollen nicht einfach nur 40 Stunden in der Woche für möglichst viel Geld arbeiten“, sagt Studienleiterin Eva-Maria Friese. „Sie haben einen hohen Anspruch an Transparenz, an Weiterbildungsmöglichkeiten und vor allem möchten sie etwas Sinnvolles tun.“ Weniger Karriere und Einkommen, mehr Perspektive und Erfüllung, so lautet der große Nenner für die aktuelle Azubi-Generation.

Bauchgefühl spielt eine Rolle

„Diesen Trend haben wir schon in der Vergangenheit erkannt. Aber diesmal ist es das stärkste Ergebnis unserer Untersuchung“, so Studienleiterin Friese. Das passe auch zur allgemeinen Entwicklung, „man denke nur an Fridays for Future“, so Friese. „Jugendliche wollen ernst genommen werden. Die Arbeitsstelle, die Atmosphäre und die künftigen Arbeitskollegen spielen bei der Entscheidung für eine Lehre eine große Rolle.“ 58 Prozent der Befragten sagen, „dass schon die Atmosphäre im Bewerbungsgespräch entscheidend für das Bauchgefühl ist“, heißt es im Report. Noch wichtiger als das Vorstellungsgespräch sei aber die Chance, sich praktisch auszuprobieren und den Arbeitsalltag kennenzulernen.

Insgesamt 16.628 Personen haben an der Befragung teilgenommen – etwa 9000 Schüler, 7000 Azubis und 240 Personalverantwortliche in Unternehmen. Auffällig ist, dass unter den jungen Frauen und Männern, die bereits eine Ausbildung absolvieren, nur ein Drittel ihren Traumberuf ansteuern und sich später im Job weiterentwickeln wollen. Zwei Drittel haben sich also erst einmal damit arrangiert, nicht die Ausbildung ihrer ersten Wahl anzutreten. Damit sind sie auch dem Rat von Ausbildungsvermittlern gefolgt, die angesichts von mehr als 350 Ausbildungsberufen in Deutschland zur Flexibilität bei der Berufswahl raten.

Unternehmen müssen erlebbar sein

Weniger pragmatisch und offenbar deutlich mehr idealistisch geht die jüngste angehende Azubi-Generation an die Berufswahl. „Darauf müssen Unternehmen reagieren und die Aus- und Weiterbildung weiter entwickeln“, fordert Studienleiterin Eva-Maria Friese. Und: „Unternehmen müssen für Schüler erlebbar sein. So werden Hürden abgebaut.“ Immerhin: Den Willen dazu hat sie bei vielen Firmen festgestellt.

Allein: Das reicht noch nicht aus Sicht von Regine Schmalhorst, Leiterin der Arbeitsagentur Bochum. Anders als in anderen Regionen sei der Ausbildungsmarkt in Bochum „nicht ausgeglichen und es werden mehr Ausbildungsplätze benötigt. Ich möchte daher noch einmal an alle Arbeitgeber appellieren, Ausbildungsstellen zu melden.“ Der Aufruf geht nicht zuletzt an Betriebe, die bislang noch gar nicht ausgebildet haben. Denn: Die Ausbildungsquote in Bochum liegt mit 21,8 Prozent (2018) unter dem Landesdurchschnitt.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben