Premiere

Im Bochumer Schauspielhaus wird „Judas“ zum Schmerzensmann

   

   

Foto: Judith Buss

Bochum.   Nackt auf der Leiter: Im Schauspielhaus zeigt Steven Scharf, wie packend und intensiv Theater sein kann. Das Publikum ist schwer beeindruckt.

Wenn ein Schauspieler, der noch nie in Bochum aufgetreten ist, so euphorisch gefeiert wird wie Steven Scharf nach der Premiere von „Judas“ im Schauspielhaus – dann muss Außergewöhnliches passiert sein. Ist es auch: Scharfs Solo über den gefallenen Apostel entfaltet eine Suggestionskraft, der man sich nicht entziehen kann.

„Judas“ (Regie: Johan Simons) hatte 2012 an den Münchner Kammerspielen Erstaufführung, als Simons dort Intendant war. Der Text stammt von Lot Vekemans, der niederländischen Theaterautorin, die hierzulande vor allem durch ihr Ehedrama „Gift“ bekannt ist. Mit dem Wechsel nach Bochum brachte Simons seine Inszenierung mit; sie ist nun Teil des Spielplans im Schauspielhaus. Und auch der Hauptdarsteller Scharf wird bald Dauer-Bochumer.

Er spielt aktuell in Simons’ „Woyzeck“ am Burgtheater die Titelrolle und soll, wie das Büchner-Drama auch, ab nächster Saison fix an der Königsallee vertreten sein. Von daher könnte der ehrerbietige Applaus, in dem der 44-Jährige am Ende badete, schon Ausdruck der Vorfreude des Publikums gewesen sein: auf einen bemerkenswerten Darsteller, der für sein Solo 2013 mit dem Eysoldt-Ring geehrt worden war.

Hoher Kunstanspruch

„Judas“ ist eine sehr ungewöhnliche und ungewöhnlich gewagte Inszenierung. Simons lässt Scharf den 60-minütigen Vekemans-Monolog vor dem herabgelassenen Eisernen Vorhang sprechen. Steven Scharf ist als Christus-Verräter nackt; auf einer vier Meter hohen Leiter, die an den „Eisernen“ gelehnt ist, verrichtet er Schwerstarbeit. Immer wieder versucht er, sich umzuwenden, doch die meiste Zeit sitzt er mit dem Rücken zum Saal auf seiner Leiter des Leidens, „die zwischen Himmel und Hölle ins Nichts geht, wie auf einer Kinderzeichnung“. Das Ganze wirkt wie ein verzerrtes Kruzifix des genagelten Christus’, was natürlich Absicht ist. Die Atmosphäre im Großen Haus ist so, wie man sie wohl noch nie erlebt hat: Das Parkett bleibt komplett leer, die Zuschauer sitzen ausschließlich im Rang. Aus großer Höhe sieht man dem Schauspieler bei seinem Balanceakt zu; das Setting vergrößert den Abstand zum Geschehen, strahlt aber auch eine mysteriöse Intimität aus, die uns mit dem gefallenen Judas zu verbinden scheint.

Das ist Extrem-Theater, wie man es kaum je sah

Scharf bietet eine grandiose körperliche und schauspielerische Leistung, das ist Extrem-Theater, wie man es kaum je sah. Simons wagt inszenatorisch das Äußerste, weil es in dem „Fall Judas“ um das Äußerste geht: eben um den Verrat Christi. Aber, entgegen der Lesart der Bibel, geht es in Vekemans (teilweise recht simplen) Text auch um die Übernahme von Verantwortung. Judas, einmal schuldig geworden, muss zu seiner Tat stehen, um sich nicht selbst zu verleugnen: „Wenn jemand für Eure Sünden gestorben ist, dann bin ich das!“, sagt er, bevor er im Wortsinn von der Leiter „in die Hölle“, den geöffneten Bühnenboden, absteigt.

Der entschlossene Kunstanspruch von Johan Simons’ Aufführung ist unverkennbar, und er nötigt Respekt ab. Man verlässt das düstere Theater, wie wenn man aus einer archaischen Höhle hervortritt. Dieser Abend nimmt einen mit. Zu dem „Judas“, der möglicherweise in jedem von uns steckt.

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