Familienhilfe

Hilfe vom Jugendamt ist in manchen Stadtteilen nicht gefragt

Geht es einem Kind wirklich schlecht oder hat es nur einen schlechten Tag? Jugendamtsmitarbeiter müssen genau hinschauen und gut abwägen.

Geht es einem Kind wirklich schlecht oder hat es nur einen schlechten Tag? Jugendamtsmitarbeiter müssen genau hinschauen und gut abwägen.

Foto: imago

Bochum.   Hilfsangebote sollen vermeiden, dass ein Kind in Obhut genommen werden muss. Die meiste Unterstützung nehmen Wattenscheider Familien in Anspruch.

Bevor er den Begriff genauer erklärt, dieses sperrige Wortungetüm mit dem unheilvollen Klang, die „familienersetzenden Maßnahmen“, ist es dem Leiter des Jugendamtes ein Anliegen, eine Sache klarzustellen: „Wir sind nicht die Kinderklaubehörde“, sagt Dolf Mehring mit Nachdruck. „Es ist nicht unser Ziel, Kinder aus den Familien herauszunehmen, sondern Familien so zu unterstützen, dass sie die Kinder in ihrem Umfeld behalten können.“

Deshalb sind den „ersetzenden“ die „begleitenden“ Maßnahmen vorgeschaltet. „Wir haben ganz klar einen familienerhaltenden Auftrag“, sagt auch Ruth Piedboeuf-Schaper, die den Sozialen Dienst des Jugendamtes leitet.

Polizei meldet häusliche Gewalt

Doch was genau hat man sich unter den „Hilfen zur Erziehung“, kurz „HzE“, wie die Jugendamtsmitarbeiter ein ganzes Bündel an Maßnahmen zusammenfassend nennen, vorzustellen?

Zunächst einmal, erklärt Piedboeuf-Schaper, müsse auf irgendeinem Wege folgende Erkenntnis das Jugendamt erreichen: In Familie XY ist Unterstützung vonnöten. Oft seien es Nachbarn oder Lehrer, denen etwas merkwürdig vorkommt und die ihre Beobachtung dem Jugendamt schildern. Auch die Polizei melde standardmäßig jeden Fall von häuslicher Gewalt, wenn im Haushalt auch Kinder leben.

„Wir schauen dann nach, was los ist“, sagt Dolf Mehring. Danach gilt es abzuwägen, wie groß das Problem der Familie ist und wie man am besten damit umgehen kann, ohne dass jemand Schaden nimmt. Ist beispielsweise eine Erziehungsberatung sinnvoll? 2496 solcher Beratungen wurden in Bochum im Jahr 2014 durchgeführt.

Niedrige Mieten ziehen Problemfamilien an

Doch die Unterstützung ist nicht überall gleich stark gefragt: In Stiepel, Wiemelhausen/Brenschede, Hordel und Weitmar-Mark wurden zwischen 2012 und 2014 die wenigsten familienbegleitenden Hilfen in Anspruch genommen – in Wattenscheid-Mitte, Gerthe und Werne waren es die meisten.

„Das hat viel mit der angebotenen Bausubstanz in den Ortsteilen zu tun“, sagt Dolf Mehring. Je niedriger die Mieten, desto mehr Menschen zögen hin, die bereits Probleme im Gepäck hätten. Im ruhrgebietsweiten Vergleich allerdings habe Bochum kein Viertel, „in dem es gar nicht mehr geht“.

Dass in den „besseren Milieus“ weniger Hilfen zur Erziehung in Anspruch genommen würden, liege aber auch daran, so Ruth Piedboeuf-Schaper, dass diese Familien tendenziell „andere Ressourcen“ hätten, um sich Hilfe zu organisieren, teilweise aber auch „abgeschotteter“ leben würden, weshalb Schwierigkeiten seltener von anderen bemerkt würden.

Mehr Inobhutnahmen seit 2014

In 482 Fällen reichten begleitende Maßnahmen 2017 nicht aus – eine Inobhutnahme wurde nötig, etwa wegen Gewalt und Missbrauch, Vernachlässigung, Drogensucht oder gravierenden psychischen Erkrankungen der Eltern.

2007 ist die Zahl im Vergleich zum Vorjahr erstmals deutlich angestiegen. Zu dieser Zeit sorgten in mehreren Städten drastische Fälle von Kindesmisshandlung mit Todesfolge für Schlagzeilen. Das habe nicht nur Jugendämter landesweit, sondern auch die Bürger sensibilisiert, erklärt Piedboeuf-Schaper. Sie melden sich seither häufiger, wenn sie den Eindruck haben, dass in einer Familie etwas nicht stimmt.

2014 stiegen die Fallzahlen dann ein weiteres Mal sprunghaft an, um sich in den vergangenen Jahren auf diesem höheren Niveau einzupendeln. Als einen wesentlichen Grund nennt der Sozialbericht die hohe Anzahl unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge, die „standardmäßig in Obhut“ genommen würden.

Chaotische Wohnverhältnisse

Bei allen anderen Fällen ist es Aufgabe des Jugendamtes, die Lebensumstände einer Familie genau in Augenschein zu nehmen. „Wir müssen uns ein Bild von den Kindern und ihrem Umfeld machen, das geht nicht an der Haustür“, so Piedboeuf-Schaper.

Auch ein Blick in die Schränke gehöre dazu. Nach den Besuchen wird das Gesehene besprochen. Manchmal sei es sinnvoll, ein Kind nur kurzzeitig aus der Familie zu nehmen, um sich am nächsten oder übernächsten Tag noch einmal in Ruhe zu unterhalten und Möglichkeiten auszuloten.

Geht es etwa um unsaubere, chaotische Wohnverhältnisse, in denen ein Kind nicht gefahrlos leben kann, erhalten Eltern die Chance, die Situation zu verbessern, damit ihr Kind zurückkehren kann. Die Jugendamtsmitarbeiter müssen dabei stets aufpassen, dass sie nichts übersehen, alles richtig bewerten.

Ersatzeltern für den Notfall

Manchmal lasse sich die Unsicherheit trotzdem nicht ganz ausräumen, sagt Piedboeuf-Schaper. „Es gibt Situationen, in denen man sich nicht sicher ist: Wie handelt man jetzt richtig? Kann das Kind wirklich dort bleiben, kann ich das verantworten?“

Je kleiner das Kind, desto dramatischer die Situation. „Je nachdem, wie man entscheidet“, sagt der Leiter des Jugendamtes Dolf Mehring, „besteht die Gefahr, dass man überreagiert hat oder dass doch etwas Schlimmes passiert“. Manchmal muss ein Kind sicherheitshalber von seiner Familie getrennt werden. Und dann? Springen Jugendhilfeeinrichtungen, Heime oder Pflegefamilien ein.

Über 400 Pflegefamilien registriert

Wenn wahrscheinlich ist, dass das Kind zu seinen Eltern zurückkehren kann, bringen die Mitarbeiter des Jugendamtes es in einer Bereitschaftspflegefamilie unter. Dabei können sie derzeit auf einen festen Pool von 12 bis 14 Familien in unterschiedlichen Städten zurückgreifen. Diese haben sich beworben, sind überprüft und geschult worden. Sie sind auch die erste Anlaufstelle für akute Notfälle: Einige Kinder bleiben nur 24 Stunden bei ihnen, andere bis zu einem Jahr.

Hinzu kommen die Bereitschaftspflegeangebote verschiedener Träger. „Erst wenn es kein Zurück gibt, beginnt die gezielte Suche nach Pflegeeltern“, erklärt Eva-Maria Greskowiak vom Pflegekinderdienst. Doch auch in diesen Fällen fängt man nicht jedes Mal bei Null an: Über 400 Familien haben sich registrieren lassen, um Kindern ein Zuhause zu bieten, wenn deren Eltern dazu nicht in der Lage sind.

413 Kinder leben in Vollzeitpflegefamilien

2017 lebten 413 Bochumer Kinder in Vollzeitpflegefamilien, 514 in Heimerziehung und fünf wurden adoptiert. Unter den Vollzeitpflegefamilien sind auch einige, die als „Profifamilien“ für heikle Fälle zur Verfügung stehen – für Kinder mit „spezieller Problematik“, wie Greskowiak es nennt, beispielsweise traumatisierte oder psychisch kranke Kinder.

„Die Zahl der Kinder mit erheblicher Vorschädigung steigt“, erklärt Mehring. Profifamilien haben daher zahlreiche Voraussetzungen zu erfüllen: So muss etwa ein Elternteil einen pädagogischen Hintergrund haben, außerdem muss immer jemand zu Hause sein.

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