Bochums Straßen

Hans-Schalla-Platz ist Bühne des Lebens vor Schauspielhaus

Besucher gehen über den Hans-Schalla-Platz zu einer Aufführung des Singspiels „Bochum“ ins Schauspielhaus.

Besucher gehen über den Hans-Schalla-Platz zu einer Aufführung des Singspiels „Bochum“ ins Schauspielhaus.

Foto: Ingo Otto / WAZ FotoPool

Bochum.  Der Theatervorplatz lebt von der kreativen Aura des Schauspielhauses und ist Schauplatz besonderer Ereignisse: Schnibbeldisko, Opel-Protest, Eröffnungsfest und Silvesterparty erzeugen besondere Magie der Gemeinsamkeit, die den Platz einzigartig macht. Intendant Anselm Weber schätzt Wirkung der Architektur.

Als der Hans-Schalla-Platz plötzlich ein Garten war, hieß er Grüne Bühne und war Teil des „This is not Detroit“-Projekts. Nicht nur einmal war er Ort der Solidarität für die bangenden Opelaner.

Die Aktion „Künstler für Opel“ geriet 2012 zu einem der bewegendsten Momente der Protestwelle gegen das Aus des Autowerks. Auf dem Theatervorplatz wurde schon gekocht, getanzt, musiziert, gemalt und diskutiert. Ab 1976 diente er Tom Pokatzky als Flohmarktplatz, bis er ihn 1982 wegen Platzmangels an das Rathaus verlegte.

Intendant schätzt Architektur

Es gab so viele besondere Momente auf dem Hans-Schalla-Platz. Doch was macht ihn im Alltag aus? Welche Stimmung ist typisch für den Platz vor dem Bochumer Schauspielhaus (1)?

Es ist der Zauber eines Theaterabends, bevor sich die Reihen füllen. Dann ist der Hans-Schalla-Platz „die Einzugschleuse“ in das Haus, wie Intendant Anselm Weber sagt. „Ich mag es architektonisch sehr, wie das Licht nach draußen strahlt. Die Fassade des Schauspielhauses ist einem klassischen Tempel nachempfunden. Die Lichtfläche wird nur durch die schmalen, weißen Säulen und vom Balkon gebrochen.“ So beschreibt Weber den einladenden Eindruck.

Schnittstelle zwischen dem Ehrenfeld und der Innenstadt

Der gebürtige Ehrenfelder Guido Kauhaus, der seit 1985 im Jago (2) am Hans-Schalla-Platz kellnert und es seit 1993 führt, ist der Platz „die Schnittstelle zwischen dem Ehrenfeld und der Innenstadt“. In besonderer Weise erinnert er sich an den letzten Spieltag unter Intendant Leander Haußmann. „Im Theater lief ,Peter Pan’ und gleichzeitig hier draußen der Sparkassen-Giro. Die Zuschauer auf dem Platz hörten, wie die Musik von Element of Crime im Theater immer leiser wurde. Das war ein außergewöhnlicher Tag“, schildert er. Haußmann sei es gewesen, der die Partys ab 1995 im Theater zum Kochen gebracht hätte. Schauspielhaus-Sprecherin Christine Hoenmanns bestätigt, dass seit seiner Intendanz die Silvestersause zur beliebten Bochum-Tradition geworden sei. Richtig groß sei der Jahreswechsel allerdings erst unter Matthias Hartmann ab 2000 gefeiert worden.

Funken in der Nacht wecken auch bei Anselm Weber warme Erinnerung. „Das Feuer, das wir bei den Nibelungen in den Pausen vor dem Schauspielhaus gemacht haben, fand ich ganz besonders. Das hat einen Moment der Gemeinsamkeit erzeugt.“ Er beschreibt damit treffend, was den Hans-Schalla-Platz ausmacht. Er hat als Ort der Kunst, als Schnittstelle zwischen Stadttheater und Stadtpublikum, eine Magie der Gemeinsamkeit, die bei jeder Aktion auf dem Platz spürbar wird und die ihn von den anderen Plätzen in der Stadt unterscheidet.

Skulpturen mit Theatergeschichte

Wenn nicht gerade Theaterluft das Publikum umfängt oder eine Kunstaktion die Seelen erregt, ist der Platz recht ruhig und nur wenig lenkt vom Blick auf das Schauspielhaus ab. Abgesehen von der Station von Metropolradruhr (3) erwecken zwei Skulpturen Aufmerksamkeit. Sie erzählen Geschichten aus dem Theater wie es einmal war. „Der Mensch“ (4) bleibt bis heute derjenige, der sein Ringen und Ächzen im Leben auf die Bühne bringt. Die Skulptur eines liegenden Kopfes auf einer Stahlstele, die zwischen 1990 und 1991 entstand, stammt vom Bühnen- und Kostümbildner Dieter Hacker, der mit Intendant Frank-Patrick Steckel arbeitete.

Auf der anderen Seite des Platzes sitzt sie dann, unsere Tana, und zeigt mit lässiger Geste auf ihre Wirkstätte, auf ihr zweites Zuhause, auf das Schauspielhaus. Seit 2012 erinnert das Denkmal (5) von Karl Ulrich Nuss an die Künstlerin, die bis zu ihrem Tod 2008 viele Herzen eroberte. Jemand hat ihr ein Buch hingelegt mit dem Titel: All die schönen Toten. Dass die Schöne immer dort ganz nahe am Theater sitzen bleibe, wünscht sich mancher Bochumer.

Schalla arbeitete mit Gründgens

Namensgeber des Platzes ist Hans Schalla (1904-1983), von 1949 bis 1972 Intendant des Schauspielhauses. Er war es 23 lange Jahre, und doch ist der gebürtige Hamburger als Direktor kaum mehr im Bochumer Bühnenbewusstsein präsent, anders als seine Nachfolger, etwa Zadek oder Peymann.

Schalla hatte in Berlin mit dem großen Gustaf Gründgens gearbeitet, der ihn nach dem Krieg als Schauspieldirektor nach Düsseldorf holte. Als der Ur-Intendant Saladin Schmitt in Bochum abtrat, riskierte es die Stadt 1949, den für seine modernen Inszenierungen bekannten Schalla als Generalintendanten zu verpflichten. Das Experiment gelang: Schalla brachte die Klassiker aktualisiert auf die Bühne, wurde so zu einem auch überregional geschätzten Vertreter des „neue Stils“, der Jean Anouilh, Jean-Paul Sartre und Bert Brecht ebenso auf die Bühne brachte wie Shakespeare & Co. Schalla war ein Ästhet, aber ein zupackender: „Ich spiele keineswegs gegen das Publikum Theater, denn ich will es überzeugen. Je aggressiver, je unbequemer ein Stück ist, um so mehr spiele ich für das Publikum“, sagt er einmal. 1972 übergab er an Peter Zadek. Es war ein Generationswechsel, aber auch einer, der für den Auf- und Umbruch des Theaters in die Ära nach 1968 stand.

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