Propsteifriedhof Allerheiligen

Gräber von Waisenkindern dürfen nicht vergessen werden

Sollen nicht in Vergessenheit geraten: Die Gräber auf dem Propsteifriedhof der Waisenkinder und zweier Wattenscheiderinnen, die 1944 durch Bombenangriffe ums Leben kamen.

Sollen nicht in Vergessenheit geraten: Die Gräber auf dem Propsteifriedhof der Waisenkinder und zweier Wattenscheiderinnen, die 1944 durch Bombenangriffe ums Leben kamen.

Foto: Claudia Heindrichs / FUNKE Foto Services

Wattenscheid-Mitte.  Bernd Albers erinnert an den Tod von Wattenscheider Waisen durch Bombenangriff auf Geseke vor 75 Jahren. Gräber werden an Allerheiligen gesegnet.

Die Nachricht schockiert Wattenscheid, löst Trauer und große Bestürzung in der Bevölkerung aus. Als die Bombenangriffe auf die Ruhrregion im Zweiten Weltkrieg zunehmen, werden 40 Jungen des damaligen Wattenscheider Waisenhauses im Rahmen der Kinderlandverschickung nach Geseke (NRW, Kreis Soest) evakuiert. Doch die vermeintliche Sicherheit trügt. Am 31. Mai 1944 um 11 Uhr ereignet sich die Katastrophe: Bei einem Fliegerangriff werden elf Kinder zwischen drei und zehn Jahren aus der Hellwegstadt getötet, zehn weitere verletzt. Auch zwei erwachsene Wattenscheiderinnen kommen um. Auf ihre Geschichte und Gräber möchte Bernd Albers (74) an Allerheiligen aufmerksam machen.

Schicksale bekannt machen

Schlicht und unauffällig zeugen elf Steine auf einem eigenen Feld auf dem Propsteifriedhof in Wattenscheid von der Tragödie. Zu unauffällig, befindet St. Gertrud-Gemeindemitglied Bernd Albers: „Der Ehrenfriedhof liegt hier so versteckt, es ist frustrierend. Wie soll den denn jemand finden?“ Der umtriebige Wattenscheider macht es sich daher zur Aufgabe, auf die Schicksale aufmerksam zu machen: „Schließlich jährt sich das Ereignis zum 75. Mal.“

Kerzen weisen den Weg

Im Anschluss an eine Andacht in der Friedhofskapelle „Christus, unsere Auferstehung“ (ab 15.30 Uhr) werden Seelsorger der Propsteigemeinde die Gräber am Freitag (1. November) segnen. Darunter die Begräbnisstätten der gefallenen Soldaten aus zwei Weltkriegen sowie die elf Gräber des „Dramas von Geseke“. Den Eingangsbereich des mittig gelegenen Ehrenfriedhofs wird Albers durch viele rote Kerzen und zwei Hinweisschilder sichtbar machen, dazu elf weitere weiße Kerzen auf den letzten Ruhestätten platzieren.

Zuvor hat er sich mit der Geschichte vertraut gemacht, in drei Büchern von Eduard Schulte, Franz-Werner Bröker sowie einem gemeinsamen Werk von Hartmut Schürbusch und Alfred Winter recherchiert. „Neun Steine in dieser Reihe erinnern an die getöteten Waisenkinder. Die anderen zwei Jungen wurden in den Gruften ihrer bereits verstorbenen Eltern beigesetzt“, informiert Bernd Albers.

Schwester Neidert opferte ihr Leben

Die beiden ersten Steine in der Elfer-Reihe ehren das Andenken an zwei verstorbene Erwachsene. Die Hausangestellte Elisabeth Goer und Schwester Gregori Neidert (Inschrift auf Grabstein „Lucia“) kamen ebenfalls vor 75 Jahren um. Aufopferungsvoll bedeckte Schwester Neidert mit ihrem eigenen Körper ein kleines Kind, gab ihr Leben für den Jungen, der den Angriff unverletzt überlebte.

Vom Drama erfuhr Albers bereits vor vielen Jahren: „In den 1960er Jahren besuchte ich oft das damalige Kinderheim, den Nachfolger des Waisenhauses, an der Berliner Straße und habe dort viel mit den Kindern gesungen und Spiele-Nachmittage durchgeführt. Die Vinzentinerinnen des Hauses erzählten mir von dem schrecklichen Ereignis in Geseke.“

Beerdigung wird zum Eklat

Von einem „Eklat“ bei der Beerdigung (4. Juni 1944) berichten derweil Überlieferungen, führt Albers weiter an: „Die Nazis wollten aus der Beisetzung in Wattenscheid eine Show machen; die Gemeinden, katholische und evangelische, hingegen den kirchlichen Charakter und das Andenken an die verstorbenen Kinder in diesem schrecklichen Krieg wahren.“ So soll es auch zu einem Disput zwischen Propst Bernhard Hellmich und der Kreisleitung der NSDAP gekommen sein.

Ehrenfriedhof soll sichtbarer werden

Neben der Andacht und der Segnung der Gräber machen sich Albers und Propst Werner Plantzen dafür stark, den Ehrenfriedhof künftig besser kenntlich zu machen. Albers: „Er muss offengelegt werden, damit die Leute hier rein gehen und aufmerksam werden.“ Propst Plantzen nennt zudem permanente Schilder am unscheinbaren Eingangsbereich als weitere Möglichkeit.

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