Premiere

„Gertrud“ in den Kammerspielen: Auf der Spur der Übermutter

Drei für Gertrud: (v.l.) Wolfram Koch, Almut Zilcher und Antonia Bill bringen den sperrigen Wälzer von Einar Schleef in den Kammerspielen auf die Bühne – als Koproduktion mit dem Deutschen Theater Berlin.

Drei für Gertrud: (v.l.) Wolfram Koch, Almut Zilcher und Antonia Bill bringen den sperrigen Wälzer von Einar Schleef in den Kammerspielen auf die Bühne – als Koproduktion mit dem Deutschen Theater Berlin.

Foto: Arno Declair

bochum.   Mit einem erlesen besetzten Ensemble nähert sich Regisseur Jakob Fedler dem sperrigen Roman „Gertrud“ von Einar Schleef.

Wer war Gertrud Schleef? Eine Mimose? Eine Giftnudel? Und ein zänkischer Besen, wie man früher sagte? Oder vielmehr eine empfindsame, stolze und tief verletzbare Frau? Eine konkrete Antwort darauf bleibt Regisseur Jakob Fedler in seiner fein gesponnenen Hommage an „Gertrud“, die am Freitag ihre Bochumer Premiere in den Kammerspielen erlebte, zwar schuldig. Nur eines scheint gewiss: Gertrud war eine Grande Dame mit vielen Gesichtern – und nicht alle waren sympathisch.

Vor allem aber war Gertrud die (Über-)Mutter des Schriftstellers Einar Schleef (1944-2001), der ihr gleich zwei umfangreiche Bücher widmete, in denen sie in einer Art Dauer-Monolog und in einer schier endlosen Wehklage über die Untiefen des Daseins redete und redete. Wer Gertrud eigentlich war, das muss auch für den Sohn ein Mysterium geblieben sein. Vermutlich schrieb er sich die 1000 Seiten einfach nur von der Seele, um ihr endlich etwas nah zu kommen.

Ein Fest der Schauspielkunst

Den Roman zu lesen, ist harte Arbeit. Daraus einen Theaterabend zu formen, das haben sich bislang noch nicht viele Regisseure getraut. Jakob Fedler, der nach dem „Tod des Lehrers“ vor zwei Jahren erneut einen Schleef-Text auf die Bühne wuchtet, geht das Wagnis ein und kann sich dabei (ein Glück!) auf ein in jeder Sekunde hellwaches Ensemble verlassen. Ohne sie wäre diese „Gertrud“ verloren.

Doch so gerät der rund 100-minütige Blick in Gertruds verworrene Hirnwindungen zu einem Fest der Schauspielkunst. Mit Wolfram Koch, Almut Zilcher und Antonia Bill erlesen besetzt, wird die Figur in unterschiedliche Lebensphasen aufgeteilt, wobei die Übergänge fließend sind.

Alle drei sind Gertrud: Almut Zilcher spielt die noch rüstige Seniorin, die in einer thüringischen Kleinstadt ihren kranken Mann Willy pflegt. Antonia Bill ist die blühende Gertrud, die einst eine große Leichtathletin war. Und Wolfram Koch, der nach seinem Solo „Tod des Lehrers“ an sperrigen Schleef-Texten offenbar einen Narren gefressen hat, gibt wunderbar leicht die leidende Alte mit all ihren 1000 Zipperlein.

Antonia Bill eine echte Entdeckung

Im Team spielen sie groß auf, wobei vor allem die junge Antonia Bill eine Entdeckung ist. Mitten zwischen den beiden Bühnen-Schwergewichten Zilcher und Koch erhobenen Hauptes zu bestehen, ist eine achtsame Leistung. Almut Zilcher, die tief in den Abgründen von Gertruds Seele wühlt, erweist sich als ausdrucksstärkste unter den dreien. Ihre vom Dasein geschlagene Witwe („Ich will auch leben! Die paar Jahre noch“) geht ans Herz.

Doch wer war Gertrud? Auf der schrägen, kupferglänzenden Bühne von Dorien Thomsen, die einen Sarg zeigt, gibt es darauf keine Antwort. Und mehr noch: Es gibt keine Requisiten, keine Musik, nur wenige Lichtwechsel. Jakob Fedler mutet den Zuschauern einiges zu, weil er einzig auf den sperrigen Text baut. Wem dies genug ist, erlebt einen denkwürdigen Abend.

Wieder 31. Januar, 4. und 16. Februar. Karten: 0234 / 33 33 55 55.

>>> Das sagen die WAZ-Theaterscouts:

„Mich als Zuschauer hat diese Inszenierung verstört und begeistert zurücklassen. Grandiose Schauspieler, besonders Wolfram Koch, der wie unter Droge Emotionen detailgetreu darstellt. Die drei meist nebeneinander agierenden Personen halten lange innere Monologe von teils skurrilem Inhalt, die teils ohne Bezug zueinander stehen, aber immer irgendwie glaubhaft gespielt und bis ins Detail geplant sind. All das ereignet sich auf einer Bühne, die eine schräge kupferfarbene Grabstelle zeigt. Wirklich schräg das Ganze.“ Edgar Zimmermann

„Ein interessanter Abend, der einen hohen Anspruch an die Zuschauer stellt. Es ist empfehlenswert, sich für einen Besuch des Stückes ein wenig vorzubereiten, um der wirklich sehr sprunghaften Erzählform folgen zu können. Ein Genuss ist es, die Leistung der drei Vollblutschauspieler zu verfolgen, und originell ist der Entwurf der wandlungsfähigen Kostüme und die Gestaltung des Bühnenbildes als ein Grabhügel. Leichter zugänglich wäre das Stück, wenn die Erinnerungspassagen länger konzipiert wären, um sich besser in die Figur hinein denken zu können.“ Yvonne Mölleken

„Das Bühnenbild: ein monumentaler Sarg. Die Sprache verzerrt in einer Eigendynamik, eine oftmals verwirrende Wortakrobatik. Das gelebte Leben, in wechselnden Rollen von drei Schauspielern verkörpert, bewusst surreal. Keine Zukunft, Erinnerungen ohne Ausweg. In Teilen überzeugend gespielt. Mir war das Stück beim Zuschauen oft beklemmend und die Enge in der Unausweichlichkeit aus den Gegebenheiten beinahe unerträglich – auch in der Darstellung. Wer sagt denn, dass ein Theaterbesuch immer zur Entspannung und guten Laune beitragen soll?“ Astrid Hagedorn

„Großartige Schauspielkünstler in den Kammerspielen, die sogar die klamaukigen Hampeleien souverän präsentierten, vermochte dem Stück keinen Sinn einzuhauchen. Wahre Textberge aus Einar Schleefs zerfetzter Sprache und das sportlich anstrengende Spiel führten auch im Publikum zu Überforderungen. Allen Beteiligten dieses vermurksten Theaterabends stand am Ende buchstäblich der Schweiß auf der Stirn und im Gehirn. Wer ist Gertrud? Was hat sie uns mitzuteilen? Jetzt mal nachlesen!?“ Hermann-Josef Teigelkamp

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben
    Aus der Rubrik