Schauspielhaus

Familien stellen fest: „Wir müssen reden!“

Alles sieht irgendwie prima aus, aber irgendwie täuscht der Eindruck auch: Am Familientisch versammelt sind (v.li.) Günter Alt, Anke Zillich, Jana Deppe, Lisa Jopt und Therese Dörr.

Alles sieht irgendwie prima aus, aber irgendwie täuscht der Eindruck auch: Am Familientisch versammelt sind (v.li.) Günter Alt, Anke Zillich, Jana Deppe, Lisa Jopt und Therese Dörr.

Foto: Diana Küster

Bochum.   Laura Naumanns neues Stück macht sich Gedanken über die Kommunikations- und Umgangsformen im privaten Umfeld. Heraus kommt ein launiger Abend.

Als zweite Premiere des Auftaktwochenendes nach „Volksverräter!!“ hieß es am Freitagabend: „Wir müssen reden“. Im Theater Unten feierte Laura Naumanns neues Stück Uraufführung.

„Mama schafft es, all’ meine Alpträume wahr werden zu lassen“: Was im Song von Pink Floyd vom Band schallte, konnte man auf der Bühne hautnah erleben: „Wir müssen reden“ zeigt Menschen im Ausnahmezustand. Nicht im Urlaub oder auf der Arbeit, sondern am Abendbrottisch.

Totaleinsatz fürs Rotkehlchen

Naumann, Regisseurin Anna Fries und die Schauspieler/innen hatten sich für diese Auftragsarbeit des Schauspielhauses bei Bochumer Familien zum Abendessen eingeladen. Aus dem, was sie erlebten, baute die Autorin dann ihr Stück. Die O-Töne vom Familientisch dienten als Rohstoff für die künstlerische Verfremdung.

„Wir müssen reden“ versammelt, bühnenwirksam und dramaturgisch geschickt verwoben, ein Typenkabinett, wie es so oder anders in wohl jeder Familie vorkommt. Der Onkel, der nach zwei Flaschen Bier „was Falsches“ sagt, und den Familienabend ruiniert. Die Hausfrau/Mutter, die sich trotz Totaleinsatz an der „Front“ nicht genug gewürdigt fühlt. Die Mama-Glucke, die ihren Beschützerinstinkt über ihre Familie auf das „süße“ Rotkehlchenpaar ausweitet, das im Balkonkasten brütet.

Zum Teil sind die vorgeführten Verhaltens- und Redemuster so banal, dass man denken möchte: So what? – So ist es halt. Doch sind die oft aus Sprachlosigkeit, Verlustangst, Herrschaftswillen und/oder Gleichgültigkeit geborenen Befindlichkeiten eben nicht nur privat, sondern auch politisch. Die Familie funktioniert als „Staat im Kleinformat“, deren Spielregeln dann auch im Großen gelten, im Zusammenleben, in der Gesellschaft. Wie soll man eine politisch andere Meinung aushalten, wenn man schon die der Tochter nicht annehmen kann? Doch solche Gedanken muss der Zuschauer selbst entwickeln, das Stück bietet außer seiner Folie des Erzählens kaum Ansätze kritischer Reflexion.

Zwischen Slapstick und böser Pantomime

Regisseurin Fries erliegt zum Glück nicht der Versuchung, das Ganze dokumentarisch aufzubereiten. Vielmehr nutzt sie einfallsreich die limitierten Möglichkeiten des Theaters Unten, um eine Lebendigkeit hervorzuzaubern, die man dem engen Rahmen des Stücks kaum zutraut. Die schönen, die schmerzhaften, die scheinbar banalen und doch immer einzigartigen Momente des Familienlebens kommen, heftig verfremdet, manchmal wie Slapstick, manchmal wie eine böse Pantomime über die Zuschauer, die ganz nah am Geschehen sitzen.

Komödiantische Momente fehlen nicht, man denke an Günter Alt im knallroten Bodysweater, der ein Fertiggericht anrührt. „Wir müssen reden“ ist mit Therese Dörr, Anke Zillich, Günter Alt und Jana Deppe top-besetzt. Dazu gesellt sich mit Lisa Jopt, neu im Ensemble, eine Vollblut-Schauspielerin, die vor Power förmlich zu platzen scheint.

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