WAZ-Medizinforum

Experten appellieren: Wer allein ist, muss nicht einsam sein

100 Leser kamen in der Lutherkirche am Stadtpark zusammen. Erstmals war ein Gotteshaus Schauplatz eines WAZ-Medizinforums.Vorne die Referentin, Diplom-Psychologin Marion Mohr.

100 Leser kamen in der Lutherkirche am Stadtpark zusammen. Erstmals war ein Gotteshaus Schauplatz eines WAZ-Medizinforums.Vorne die Referentin, Diplom-Psychologin Marion Mohr.

Foto: Gero Helm

Bochum.   Wer allein ist, muss nicht einsam sein: Beim WAZ-Medizindialog in Bochum machten Experten Mut, auch nach Verlusten die Gemeinschaft zu suchen.

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„Gut, dass wir einander haben“, singen die 100 Leserinnen und Leser zum Ausklang des WAZ-Medizindialogs. Zuvor ist in der Lutherkirche bedrückend deutlich geworden, dass allzu viele Menschen niemanden mehr haben, mit dem sie ihren Alltag, ihre Sorgen und Freuden teilen. „Einsamkeit im Alter“, so der Titel des Abends, frisst sich in die Seele, macht auch körperlich krank. Dabei gibt es vielfältige Hilfen. Man muss nur davon wissen – und bereit sein, sie anzunehmen.

Die Zahlen, die Prof. Georg Juckel vorlegt, sind alarmierend. Jeder zehnte Deutsche fühlt sich einsam, berichtet der Direktor der LWL-Klinik. Bei den über 80-Jährigen ist es jeder Fünfte. Einsam heißt für die Fachärzte: maximal einmal im Monat ein Gespräch mit einem nahestehenden Menschen zu führen. „Vereinzelung“ nennen die Experten die Tendenz und machen sie an der hohen Zahl der Single-Haushalte fest (in Bochum 41 Prozent). Tendenz: steigend. Ebenso wie Depressionen, Alkoholsucht, Suizidgefahr, die aus dem Alleinsein und der Anonymität erwachsen. Schrecklichste Konsequenz: Verstorbene werden erst nach Tagen, Wochen, gar Monaten in ihrer Wohnung entdeckt.

Menschen aufsuchen, die nicht mehr selbst die Gemeinschaft suchen

Im Alter wachse die Gefahr der Isolation, warnt Juckel. Der Ehepartner, Freunde und Bekannte „sterben weg“. Die Kinder leben mitunter weit entfernt. Krankheiten und Behinderungen erschweren soziale Kontakte. Geldknappheit kommt hinzu. Das Gefühl „Da ist nichts mehr“ stellt sich ein. Kraft und Lebensmut versiegen. Gerade deshalb fordert Juckel eine Neuausrichtung der „allesamt lobenswerten“ Einrichtungen wie Seniorenbüros, Nachbarschaftszentren oder Beratungsstellen. Sie müssten auch „aufsuchend“ tätig werden. Menschen aufsuchen, die nicht mehr selbst die Gemeinschaft suchen. Für den Klinikchef ist das „eine gesellschaftliche Aufgabe“, für die die öffentliche Hand Geld für zusätzliche Sozialarbeiter bereitstellen müsse.

Das Gefühl ist entscheidend

Unterstützt wird Juckel von Prof. Nottburga Ott, Sozialwissenschaftlerin an der Ruhr-Universität. Zwar macht sie „kein Massenphänomen Einsamkeit“ aus. Vielfach funktionierten nachbarschaftliche Netzwerke. Die Kommunen „haben dazugelernt“. Auch gebe es den Trend, dass Kinder und Eltern im Alter wieder zusammenrücken, in der Nähe oder gemeinsam wohnen. Die Statistiken, die Ott präsentiert, umfassen aber nur Senioren bis 85 Jahren. Es sei „klar“, dass in höherem Alter die Einsamkeit wieder zunehme. Für diese Gruppe seien „aufsuchende Angebote“ erforderlich. Auf diesem Weg könnten Menschen auch über Angebote vor Ort informiert werden, etwa Chöre. Denn: „Nicht das Alleinsein macht einsam, sondern das Gefühl, allein zu sein“, sagt Marion Mohr, Diplom-Psychologin am LWL-Klinikum.

Sehr wohl könnten Alleinlebende Erfüllung erreichen. Drei Dinge seien wesentlich: Freunde zu haben, genug zu tun zu haben und gebraucht zu werden. Bei Gruppenstunden, gemeinsamen Aktivitäten und auch dem Austausch im Internet könnten Menschen nach schweren Zeiten zurück ins Leben, in die Gemeinschaft finden: „Gut, dass wir einander haben.“

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