Ehrenamt

41 Jahre Häftlinge in Bochum betreut: Ex-Schulleiter geehrt

JVA-Leiterin Karin Lammel (li.), Ulrich Schlüter und JVA-Pressesprecherin Candida Tunkel (mit Vogelhäuschen als Geschenk) bei der Ehrung in der Kapelle der Krümmede in Bochum.

JVA-Leiterin Karin Lammel (li.), Ulrich Schlüter und JVA-Pressesprecherin Candida Tunkel (mit Vogelhäuschen als Geschenk) bei der Ehrung in der Kapelle der Krümmede in Bochum.

Foto: Kim Kanert / FUNKE Foto Services

Bochum.  Seit 41 Jahren kommt Ulrich Schlüter aus Bochum in die JVA, um Häftlinge zu betreuen. Ehrenamtlich. Der Mann hat dort viel erlebt.

Am 11. September 1979 schrieb Ulrich Schlüter (79) an den damaligen Leiter der JVA Bochum. Er bot an, sich künftig ehrenamtlich um die Gefangenen zu kümmern. Mit ihnen über alles Mögliche zu diskutieren, ihnen Nachrichten aus der Welt da draußen zu vermitteln, sie weiterzubilden, ihnen Mut zu machen, sie auf die Zeit nach der Haft vorzubereiten. Das Angebot wurde angenommen. Und wird es bis heute.

Für seine 41-jährige Arbeit in der JVA ist Schlüter am Dienstag in der alten Kirche der Krümmede besonders geehrt worden. Häftlinge haben ihm aus Dank ein großes Vogelhäuschen in der Arbeitstherapie gebaut. „41“ steht dort drauf.

In vier Jahrzehnten rund 5000 Häftlinge in Bochum betreut

Rund 5000 Gefangene hat Schlüter, der in wenigen Tagen seinen 80. Geburtstag feiert, bisher betreut. Immer donnerstags von 18 bis 20 Stunden saß er mit knapp zehn Häftlingen in einer Gruppe zusammen und redete mit ihnen, hörte ihnen zu, motivierte sie, machte Wissens-Quiz, regte zu Toleranz und Selbstreflexion an.

Im „Knastmagazin“, die damalige Gefangenenzeitung der JVA, stand bereits vor 20 Jahren: „So sicher wie jeden Samstag und Montag Blubber-Eintopf serviert wird, kommt jeden Donnerstag Herr Schlüter in das Haus 2, um eine Gesprächsgruppe zu leiten, welche eine echte Bereicherung des Freizeitangebotes darstellt.“

„Immer waren Gefangene da, die auf mich warteten“

Schlüter hatte bis 2003 die Grundschule An der Maarbrücke in Hamme geleitet. Aber auch nach seiner Pensionierung ging er weiter Woche für Woche in die JVA. „Ich hatte vor 1979 nie die Absicht, mich für längere Zeit in einem Gefängnis aufzuhalten“, sagte er am Dienstag. Aber: „Immer waren Gefangene da, die auf mich warteten.“

Schlüter hat in den vier Jahrzehnten Gefangene aus allen Gesellschaftskreisen kennengelernt. Solche, die Dinge verbrochen haben, die nur schwer vorstellbar oder gar nachvollziehbar sind, wie er vor vielen Jahren einmal sagte, und solche, die scheinbar zufällig aus der sicheren Bahn geworfen wurden. In vielen Gesprächen habe er auch gehört, wie viel Einsicht über begangenes Unrecht durch unverständliche Maßnahmen der Justiz wieder verloren gehe. „Ich weiß, dass im Gefängnis nicht nur die bösen und in Freiheit nicht nur die guten Menschen sind, sondern dass alles etwas komplizierter ist.“

Großer Dank von JVA-Leiterin Karin Lammel

Und weiter: „Sicher haben meine Erfahrungen im Gefängnis dazu beigetragen, dass ich nachdenklicher und empfindlicher gegen Selbstgerechtigkeit und auch gegen Ausgrenzung von Minderheiten geworden bin.“

JVA-Leiterin Karin Lammel betonte am Dienstag, dass Schlüter neben der Auseinandersetzung mit verschiedensten Themen und Meinungen auch das soziale Miteinander in einer Gruppe gefördert habe. „Bei Ihrer Arbeit mit den Teilnehmern erwarten Sie, dass Sie einander anhören, einander ausreden lassen, Meinungen anderer gelten lassen und auch den eigenen Standpunkt gelegentlich überprüfen. Die Bereitschaft, dies zu akzeptieren, ist bei den Inhaftierten nicht unbedingt selbstverständlich.“

Wegen der Corona-Krise finden Gruppengespräche zurzeit nicht statt, eine Kommunikation mit den Häftlingen läuft über Post und dies mit nur wenigen. Schlüter sagt dazu: „Ich hoffe sehr, dass trotz Corona-Schwierigkeiten die JVA bald einen Weg findet, das Recht der Gefangenen auf ehrenamtliche Betreuung wieder real werden zu lassen.“

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben