Houellebecq-Abend

Doppelpremiere im Schauspielhaus erfordert Sitzfleisch

Männer in Frauenkleidung (Mourad Baaiz, hinten) und Nacktheit als Methode. Szene aus „Plattform“ mit Guy Clemens, Stefan Hunstein (vorn) und Lukas von der Lühe (v. li.).

Männer in Frauenkleidung (Mourad Baaiz, hinten) und Nacktheit als Methode. Szene aus „Plattform“ mit Guy Clemens, Stefan Hunstein (vorn) und Lukas von der Lühe (v. li.).

Foto: Tobias Kruse/Ostkreuz

bochum.   Johan Simons inszeniert Michel Houllebecq am Schauspielhaus Bochum. Notizen von der Doppelpremiere „Plattform/Unterwerfung“.

Nicht ganz ausverkauft war das Schauspielhaus bei der Doppelpremiere von „Plattform/Unterwerfung“ am Samstag. Intendant Johan Simons hatte sich eigenwillig, aber künstlerisch überzeugend zweier Stoffe des Skandal-Autors Michel Houellebecq angenommen (siehe Rezension im Hauptteil).

Männerblick

Im Publikum herrschte gespannte Erwartung; nach dem „Skandal“ um Herbert Fritschs „Philosophie im Boudoir“ nach Marquis de Sade war man neugierig, was der gleichfalls nicht gerade wegen Prüderie bekannte Houellebecq so bringen würde. Man darf sagen: eine Menge! Die Männerfantasien des sexuell manischen Erzählers kamen drastisch und ausführlichst zur Sprache. So gesehen, war dieser Abend latent „pornografischer“ als es die kunstvoll verbrämte de-Sade-Aufführung je hätte sein können.

Gesprochen, nicht gezeigt

Aber gemach: Gesprochen ist nicht gezeigt, und natürlich erspart Johan Simons sich und uns eine plakative Freizügigkeit (auch wenn die Schauspieler durchweg leicht bekleidet umherspazieren). Vielmehr setzt der Regisseur auf die Kraft der Fantasie. Ein Beispiel: Während des detailreichen Berichts über den ersten sexuellen Kontakt zwischen dem Erzähler Michel (Stefan Hunstein) und seiner Geliebten Valérie (Karin Moog) ziehen die beiden sich nicht gegenseitig aus, sondern an. Ein Schelm, wer Übles darin sieht!

Zwei Rückkehrer

Mit Hunstein und Moog waren zwei Schauspieler/innen zu erleben, die in Bochum in bester Erinnerung sind. Hunstein gehörte dem Steckel-Ensemble an (lange her!), Moog war in der Goerden-Spielzeit am Schauspielhaus; viele kennen Sie noch als „June Carter“ in der legendären „A Tribute to Johnny Cash-Show“ von Arne Nobel. Bei diesem Doppelabend haben sie den größten Sprechanteil; und es war zumal bei Hunstein unglaublich, welch’ ein Pensum er hochkonzentriert über bald vier Stunden absolvierte. Respekt!

Bochum international

Moog und Hunstein waren Erste unter Gleichen in einem internationalen Ensemble, das gleichfalls Darstellertheater „vom Feinsten“ zelebrierte. Mourad Baaiz, Guy Clemens, Lukas von der Lühe und Marcy Dorcas Obeno heißen die neuen Ensemblemitglieder, auf die man bei zukünftigen Auftritten ein Auge haben sollte.

Suppe zur Stärkung

Der Premierenabend erforderte Sitzfleisch, man fühlte sich an Vontobels „Nibelungen“ vor fünf Jahren erinnert. Zweimal 1:50 Stunden dauern die Houellebecq-Stücke, dazwischen 60 Minuten Pause. Die konnte man dazu nutzen, sich die Beine zu vertreten – oder endlich mal wieder ‘was zu essen. Im oberen Foyer hatte das Schauspielhaus-Team eine Art Biergarten aufgebaut; jedenfalls sahen Tische und Bänke so aus, als hätte sie Johan Simons aus dem Englischen Garten mitgebracht. Zur Stärkung gab’s Gulaschsuppe, aber auch Vegetarier kamen auf ihre Kosten: lecker, das Chili sin carne!

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