Industriegeschichte

Die Menschen waren die Seele des Bochumer Vereins

 Abstich am Hochofen in den 1950er Jahren.

 Abstich am Hochofen in den 1950er Jahren.

Foto: W.K. Müller/WAZ-Fotograf, dessen Archiv sich heute im Stadtarchiv befindet

Bochum.   Vor gut 50 Jahren erloschen die Hochöfen in Bochum. Mit Geschichten ehemaliger Mitarbeiter soll an Stahltradition erinnert werden.

Ziemlich genau 50 Jahre sind vergangen, seitdem der letzte Hochofen des Bochumer Vereins für Gußstahlfabrikation für immer erloschen ist. Wir nehmen dieses Ereignis, das den Beginn des Sterbens auf Raten dieses einst mit Abstand größten Bochumer Industrieunternehmens markiert, zum Anlass, um dieses Unternehmen vorzustellen.

Dabei bekommen insbesondere ehemalige Mitarbeiter die Gelegenheit, ihre Geschichte, ihre Erinnerungen mit anderen zu teilen.

Arbeit im sogenannten Adlerhorst

Den Beginn macht Heinz Rittermeier (siehe Text unten). Der heute 68-Jährige begann seine Lehre beim Bochumer Verein und landete bald in der Verwaltung des Hochofenwerkes. Er arbeitete im so genannten „Adlerhorst“. Dieses Verwaltungsgebäude hockte neben den mächtigen fünf Hochöfen. Von den Büros hatten man einen imposanten Überblick auf das Hüttenwerk und die Bahnanlagen.

Als Rittermeier seine Ausbildung begann, war die komplette Schließung des Hochofenwerks schon beschlossen. Schon seit 1958 besaß der Krupp-Konzern, ermöglicht durch den schwedischen Industriellen Axel Leonard Wenner-Gren, die Mehrheit beim ehemaligen Bochumer Konkurrenten. 1965 war die Übernahme abgeschlossen, und der Name „Bochumer Verein“ verlor seine Bedeutung. In den Köpfen und Herzen der Bochumer bestand das Unternehmen jedoch fort. Wie tief er im lokalen Bewusstsein verankert ist, zeigt auch, dass seit 1998 die Radsatzschmiede ihn wieder stolz als Namen führt.

Zurück zum Hochofenwerk: Zwischen 1876 und 1878 baute das Unternehmen zunächst zwei Hochöfen. Schon im ersten kompletten Jahr 1877 erzeugte der Bochumer Verein 26.200 Tonnen Roheisen. Das Ziel, eine völlige Unabhängigkeit in der Roheisenversorgung zu erlangen, konnte jedoch zunächst noch nicht erlangt werden.

Erste Stahlkrise vor gut 50 Jahren traf Bochum heftig

Später thronten fünf mächtige Hochöfen hoch über der Gahlenschen Straße. Ein Teil des benötigten Koks brachte eine Seilbahn von der Kokerei der Zeche Carolinen-glück heran. Ältere Autofahrer erinnern sich, wie die Gefäße manchmal gefährlich schaukelnd auch über der alten B1 schwebten. Die Erze kamen über die Erzbahntrasse vom Gelsenkirchener Hafen Grimberg am Rhein-Herne-Kanal ins Werk.

Doch es half nichts, die Stahlkrise Ende der 60er Jahre zwang Krupp zum Handeln. Die Hochöfen in Rheinhausen lagen logistisch weit günstiger am Rhein, so dass das Aus für Bochum zwangläufig kam. Nur ein Hochofen blieb 1968 noch in Bereitschaft, falls es mit dem Nachschub aus Rheinhausen Probleme gegeben hätte.


Heinz Rittermeier hat ein präzises Gedächtnis. Zwar arbeitete er als Lehrling nur wenige Wochen in der Verwaltung des Hochofenwerkes, war sozusagen 1968 an der Abwicklung beteiligt, doch sein Erinnerung ist genau: „Mein alter Ausbilder sagte mir damals, dass er nicht mehr an die Zukunft des Werkes glaube“.

Eine Familie im Stahlwerk

Mit Heinz Rittermeier, der später in vielen Positionen beim Deutschen Gewerkschaftsbund arbeitete, endete auch eine Tradition in seiner Familie. Sein Urgroßvater mütterlicherseits, Georg Volkenandt, gehörte um 1880 zu den ersten Arbeitern im Hochofenwerk. Viele Mitglieder der Familie, wie etwa auch sein Vater Erwin Rittermeier, arbeiteten beim Bochumer Verein. Erwin Rittermeier tat dies als Schichtführer im Stahlwerk.

Seinem Sohn sagte Erwin Rittermeier: „Wenn erst die Hochöfen still stehen, ist dies der Anfang vom Ende der Stahlindustrie in Bochum.“ Er sollte nicht ganz recht behalten. Denn bis heute arbeiten ehemalige Teilbereiche des Bochumer Vereins, etwa das Walzwerk in Höntrop oder die Schmiedbetriebe auf dem Gelände der ehemaligen Gußstahlfabrik, weiter.

Einige Treppenstufen erinnern ans Hochofenwerk

Heinz Rittermeier erinnert sich noch gut, wie es zu Ende ging mit dem Hochofenwerk. Wo früher in der Spitze allein 2000 Menschen beschäftigt waren, gab es zum Schluss nur noch ein paar Hundert. „Bis auf ein paar Angestellte und Vorarbeiter waren das meist Leiharbeiter.“

Mit der Schließung des Hochofenwerkes zwischen 1967 und 1968 konnten Entlassungen aus der Stammbelegschaft noch vermieden werden. Die Leute wurden in andere Betriebsteile versetzt. Böse traf es allerdings damals schon die Leiharbeiter.

>>> INFO: Erinnerungen ehemaliger Mitarbeiter gesucht

  • Tausende Menschen arbeiteten seit 1842 für den Bochumer Verein. 1956 etwa, waren es 16.000 Arbeiter und Angestellte. In der neuen Serie soll der Mensch eine wichtige Rolle spielen.

  • Wir suchen ehemalige Mitarbeiter oder Mitarbeiterinnen, die ihre Geschichte mit dem Bochumer Verein erzählen. Gleich, ob jemand im Stahlwerk, der Verwaltung oder einem Schmiedebetrieb gearbeitet hat.

  • Willkommen sind aus Fotos vom ehemaligen Arbeitsplatz. Post an: WAZ-Redaktion, Stichwort BVG, Huestraße 25, 44787 Bochum, Mail an m.weeke@waz.de oder telefonisch: 0234/966-1432

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