WAZ-Serie „Best Ager“

Die jungen Alten sind am Arbeitsmarkt gefragt

Gute Vermittlungsquoten erzielen Detlev Kühn (li.) und Dirk Westerheide im „Job-Club“ an der Gerberstraße.

Foto: Ingo Otto / Funke Foto Services

Gute Vermittlungsquoten erzielen Detlev Kühn (li.) und Dirk Westerheide im „Job-Club“ an der Gerberstraße. Foto: Ingo Otto / Funke Foto Services

Bochum.  Die Generation der über 50-Jährigen hat wieder gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt. „Erfahrung ist gefragt“, beobachtet die Arbeitsagentur in Bochum.

„Ich gehöre noch nicht zum alten Eisen!“, sagt Norbert Kunze (Name geändert). Mit 55 will er „beruflich nochmal angreifen, etwas für die Rente tun“. Dass der Bürokaufmann seit drei Jahren arbeitslos ist, hätte ihm vor Jahren kaum eine Chance auf einen Neuanfang gelassen. Das sieht heute anders aus. „Auch Älteren eröffnen sich wieder Möglichkeiten auf dem Arbeitsmarkt“, weiß Detlev Kühn, Leiter des Job-Clubs „Best Ager“. Umso bedauerlicher, dass der Club zum Jahresende geschlossen wird.

Über 50. Erwerbslos. Perspektivlos. Dieser verhängnisvolle Dreiklang verschaffte der Arbeitsvermittlung von Ü-50-Kunden lange Zeit Seltenheitswert. Anlass für die damals rot-grüne Bundesregierung, 2005 das Förderprojekt „Perspektive 50plus“ zu starten. Ziel: Ältere Arbeitslose zu „aktivieren“, fachlich und mental zu stärken, alte Tugenden mit neuen Fertigkeiten zu verknüpfen, dazu beizutragen, „dass sich der Schalter umlegt“, wie es Detlev Kühn (63) ausdrückt. Für die Mut-Macher eine Mammut-Aufgabe: „Fast alle unsere Kunden haben schlechte Erfahrungen mit dem Jobcenter gemacht. Wir müssen sie davon überzeugen, dass wir es ernst meinen, uns die Zeit für sie nehmen, die die Vermittler in der Behörde oftmals nicht haben. Bei uns lernen sie wieder den aufrechten Gang.“

"Erfahrung hat Zukunft"

„Erfahrung hat Zukunft“: Unter diesem Leitwort wurden ab 2005 unter dem Dach der Gelsenkirchener Arbeitsförderungsgesellschaft Gafög elf Beratungsstellen im Revier gegründet – 2009 auch in Bochum, wo an der Gerberstraße 14 Mitarbeiter für die Best Ager im Einsatz sind: Beschäftigte der beteiligten Bildungsträger ebenso wie Dirk Westerheide (58), den das Jobcenter als Koordinator abstellt.

Vom Bewerbungs- bis zum Rückentraining, von Sprach- und PC-Lehrgängen bis zu Koch- und Motivationskursen (in Oberhausen wurde sogar ein eigenes Orchester gegründet): „Ganzheitlich“ nennt Detlev Kühn die Betreuung, die die Hartz-IV-Empfänger im Gerberviertel erfahren. Jährlich 890.000 Euro Fördergelder lässt sich das Jobcenter den Best-Ager-Club kosten. „Die Resultate sind beachtlich“, lobt Pressesprecher Johannes Rohleder. Seit 2009 durchliefen 5683 Frauen und Männer das (freiwillige) Programm. 1047 konnten in den ersten Arbeitsmarkt vermittelt werden: insbesondere im Sicherheitsgewerbe, aber u.a. auch als Telefonisten, Packer oder Begleiter in Alten- und Pflegeheimen. „Dabei kommt uns natürlich zugute, dass die Chancen älterer Arbeitnehmer deutlich gestiegen sind. Das Alter ist nicht mehr allein entscheidend. Es zählen auch wieder Erfahrung und Zuverlässigkeit“, so Dirk Westerheide.

Perspektiven als Sicherheitskraft

Davon will auch Norbert Kunze profitieren. Wie viele andere Erwerbslose möchte auch er die Chance ergreifen und sich zur Sicherheitsfachkraft ausbilden lassen. „Nicht zuletzt der Zustrom der Flüchtlinge dürfte die Branche auf Jahre hinaus krisenfest machen.“

Auf die Unterstützung des Best-Ager-Clubs können die Job-Oldies hingegen nicht mehr zählen. Das bundesweite Förderprogramm läuft Ende Dezember nach zehn Jahren aus. Die Mietverträge für die Räume an der Gerberstraße sind gekündigt. Manche der Helfer müssen im nächsten Jahr selbst davor bangen, arbeitslos zu werden.

Jobs für ältere Arbeitnehmer werden sicherer

„Die Unternehmen erkennen immer mehr, dass sie gut daran tun, ältere Arbeitnehmer im Betrieb zu belassen.“ Luidger Wolterhoff sieht eine Trendwende am Arbeitsmarkt. Waren es lange Zeit die älteren Beschäftigten, die bei einem Personalabbau ganz oben auf der Liste standen, erfahren die „Oldies“ in den Betrieben heute eine neue Wertschätzung, beobachtet der Leiter der Agentur für Arbeit. „Erfahrung, aber auch Zuverlässigkeit und Loyalität zählen wieder.“

Das spiegelt sich in bemerkenswerter Weise in der Statistik wider: In Bochum gibt es 129 289 Erwerbstätige. Davon sind nach den jüngsten Zahlen 39 854 Frauen und Männer zwischen 50 und 65 Jahren. Ein Jahr zuvor waren es erst 38 831. Heißt: Binnen zwölf Monaten stieg die Zahl der Ü-50-Mitarbeiter um über 1000. Das hat Folgen für die Arbeitslosenbilanz. Die Zahl der älteren Beschäftigten, die sich erwerbslos melden müssen, geht stetig zurück. Ende Oktober registrierte die Arbeitsagentur 5649 Erwerbslose über 50 Jahre. Vor Jahren lag der Wert noch bei über 7000.

Die Jobs für „Best Ager“ sind – auch als Konsequenz des zunehmenden Facharbeitermangels – sicherer geworden. Die andere Seite der Medaille indes ist weniger erquickend. „Es bleibt sehr schwierig, ältere Arbeitslose in Beschäftigung zu vermitteln. Hier ist das Alter nach wie vor ein Hemmnis auf dem Arbeitsmarkt. Das zeigt sich vor allem in den gewerblich-technischen Berufen“, beobachtet Luidger Wolterhoff. Die Gefahr, in die Langzeitarbeitslosigkeit abzurutschen, ist für ältere Erwerbslose somit nach wie vor groß. Aktuell weist die Bilanz des Jobcenters knapp 4000 Hartz-IV-Empfänger über 50 Jahre aus. Der Wert ist seit Monaten nahezu unverändert: Ausweis der allzu oft vergeblichen Bemühungen um einen neuen Job. Luidger Wolterhoff (54) macht gleichwohl Mut: „Es gibt durchaus auch Arbeitgeber, die Mitarbeiter mit über 60 Jahren einstellen.“

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