Stadtentwicklung

Countdown für Viktoria-Quartier

Die vorgesehene Fläche für das neue Stadtquartier Viktoriastraße in Bochum (rot umrandet)

Die vorgesehene Fläche für das neue Stadtquartier Viktoriastraße in Bochum (rot umrandet)

Foto: WAZ

Bochum.   Gut 20 Männer und Frauen stecken diesen Freitag die Köpfe zusammen, um eine der wohl städtebaulich wichtigsten Entscheidungen für die City der Nachkriegszeit zu treffen. Hinter verschlossenen Türen geht es um das 200-Millionen-Euro-Projekt „Innenstadt-Center“.

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Gut 20 Männer und Frauen stecken diesen Freitag die Köpfe zusammen, um eine der wohl städtebaulich wichtigsten Entscheidungen für die City der Nachkriegszeit zu treffen. Hinter verschlossenen Türen geht es um das 200-Millionen-Euro-Projekt „Innenstadt-Center“. Die WAZ wird in dieser Woche das Mega-Bauvorhaben aus verschiedenen Perspektiven beleuchten. Das Preisgericht wählt Freitag zwischen den beiden verbliebenen Entwürfen aus.

Der Bau des geplanten Einkaufszentrums auf dem Justizareal an der Viktoriastraße lief lange Zeit schnurstracks auf die von Versandhaus-Pionier Werner Otto gegründete ECE zu. 2015 wollte die Hamburger Projektentwicklungsgesellschaft ihren Einkaufstempel in der Bochumer City eröffnen. Wie ernst die ECE es mit ihrer Ansage aus dem Jahr 2007 meinte, unterstrich schon der Kauf der strategisch wichtigen Gebäude Viktoriastraße 10 und Junggesellenstraße 6-8, zudem besaß das Unternehmen bis Ende 2012 ein Vorkaufsrecht auf den Telekomblock.

„Wir sind zum Stillschweigen verpflichtet“

Dass der Platzhirsch nach WAZ-Informationen nun nicht einmal am Investorenwettbewerb teilnimmt, ist eine faustdicke Überraschung. Was ist passiert? „Wir sind zum Stillschweigen verpflichtet“, sagt ECE-Development-Manager Torsten Christian Welsch. Der Schweigepflicht sind alle Investoren bis zur Entscheidung und Verkündung des Preisgerichtes verpflichtet, die Unterlagen für den Wettbewerb angefordert haben. „Überrascht“ zeigte sich Welsch von der Informationspolitik der Stadt. Dass Stadtbaurat Kratzsch sich vor Ende des Verfahrens zum Kauf des Telekomblocks durch Andor Baltz äußerte, kam in Hamburg gar nicht gut an. Der Verkauf des Telekomblocks habe natürlich „Auswirkungen auf das Thema“, so Welsch. „Was das für uns strategisch bedeutet, werden wir aber frühestens in der kommenden Woche mitteilen.“

Überrascht von dem mangelnden Investoreninteresse am Bau des Quartiers mit Einkaufszentrum als Keimzelle zeigt sich auch die Geschäftsführerin des Einzelhandelsverbandes Ruhr-Lippe, Marion Runge. „Der Bedarf an großen Verkaufsflächen ab 400 Quadratmetern aufwärts ist nach wie vor da.“ Der hohe Kaufpreis für das Justizgelände – der Bau- und Liegenschaftsbetrieb NRW als Eigentümer hatte ursprünglich 16,75 Mio. Euro (minus Abrisskosten) ausgerufen – und die auf maximal 20.000 qm festgelegte Verkaufsfläche schrecken Runge zufolge Interessenten ab. „Das ist nicht interessant, da stimmt die Rendite nicht.“

Eine einmalige Chance

Ganz genau beobachtet die örtliche Immobilien-Szene das Geplänkel um die Entwicklung des sogenannten Viktoria-Quartiers. Beinahe wie ein Krimi hören sich etwa die Details an, die nun zum Telekomblock-Deal durchsickern. Nachdem ECE und Stadt kein Interesse am Erwerb des Areals mit seinen gut 6100 Quadratmeter hatten, brachten sich außer der zuletzt erfolgreichen Firma Baltz auch andere in Stellung.

Die Bochumer Logos-Gruppe hatte, so Geschäftsführer Hans-Joachim Hauschulz, einige Anstrengungen unternommen, dort den Zuschlag zu bekommen. Durchaus verständlich. Denn Logos gehört bereits die sogenannte Schlegel-Ecke. Dies ist zwar mit 1300 Quadratmetern Grund nur ein recht kleiner Zipfel. Die Situation vor der Sitzung des Preisgerichtes bewertet Hauschulz so: „Ich fürchte, dass sich nun die einmalige Chance für ein Gesamtkonzept nicht gerade einfacher gestaltet. Es sieht so aus, als gäbe es nur Verlierer.“ Er kritisiert vor allem die Stadt, die sich den Telekomblock selbst hätte sichern können. Wie berichtet, hatte Logos sich mit der Idee eines City-Hotels auf dem Schlegel-Gelände ins Gespräch gebracht. Dies mache aber nur Sinn, wenn es zu einer engen Abstimmung mit anderen Beteiligten komme.

Gründe für den Rückzieher

Ganz ähnlich ventiliert Gerd Uhle, Gründer des Hannibal-Centers, und so etwas wie der deutsche Nestor der Entwickler von Einkaufscentern. Seine Bochumer euco-Unternehmensgruppe gehörte zu Beginn des Wettbewerbsverfahrens zu den Interessenten für die Entwicklung des City-Quartiers.

Uhle nennt drei harte Gründe, warum seine Immobilien-Gruppe einen Rückzieher machte und die eigenen Planungen für ein City-Einkaufscenter nicht mehr weiter verfolgte:

  • Die vom Land geforderten zwölf Millionen Euro für das Justizareal sei einfach zu teuer.
  • Hinzu komme, dass die Entsorgung der zum Teil mit Altlasten belasteten Abbruchmassen Risiken berge und außer derm Abriss ebenfalls vom Käufer zu bezahlen sei.
  • Die Investitionskosten seien zu hoch, die Verkaufsfläche zu klein. Daher kämen zu wenig Mieteinnahmen zusammen. Kurz: Es rechne sich nicht.
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