Premiere

Büchners „Woyzeck“ im Kampf gegen den Rest der Welt

Beim Doktor: Die berühmte Büchner-Szene wird am PRT zur Erbsenschlacht. Mitten drin: Sophie Killer (links) und Helge Salnikau.   

Beim Doktor: Die berühmte Büchner-Szene wird am PRT zur Erbsenschlacht. Mitten drin: Sophie Killer (links) und Helge Salnikau.  

Foto: Sandra Schuck

Bochum.   Am Prinz-Regent-Theater nähert sich Regisseur Jakob Arnold dem Klassiker auf so verspielte wie radikale Weise – mit nur zwei Schauspielern.

Mit solch einer Skepsis ist man schon länger nicht zu einer Premiere ins Prinz-Regent-Theater gefahren. Büchners Wahnsinnswerk „Woyzeck“, heruntergebrochen auf ein Duett für zwei Schauspieler: Macht das Sinn? Und mag das überhaupt funktionieren?

Doch siehe da, am Ende einer turbulenten, nur knapp 70-minütigen Aufführung, die im ausverkauften Haus begeistert bejubelt wird, bleibt die durchaus verblüffende Erkenntnis: Auf schräge Art funktioniert diese Woyzeck-Annäherung, die mehr einem Versuch denn einer handfesten Auseinandersetzung mit dem Text gleicht, durchaus. Büchner-Exegeten werden zwar die abgrundtiefe Tragik vermissen, über die Helge Salnikau in der Titelrolle bisweilen arg gut gelaunt hinwegspielt, und vieles wird gekürzt.

Verspielte Interpretation, ohne die Wucht zu nehmen

Und doch bietet der junge Regisseur Jakob Arnold dem Klassiker erstaunlich unerschrocken die Stirn und tritt nebenher den Beweis an, dass man „Woyzeck“ auch verspielt interpretieren kann, ohne dem Drama seine ganze Wucht zu nehmen.

Direkt die Einstiegsszene gibt die Richtung vor: Da steht Woyzeck mit großen Augen auf der Bühne und hält das leuchtend rote Kleid seiner Marie in den Händen. Dass er sie bedingungslos liebt, scheint klar, und doch ist ihm von seiner großen Liebe nicht viel geblieben – außer eben ihr Kleid. Marie selber hat sich schon längst in die Arme des Tambourmajors geflüchtet, der in Jakob Arnolds Strichfassung gar nicht auftaucht.

Vieh, Dreck, Abschaum

So erweist sich das Konzept dieser Aufführung gleichzeitig als große Bürde: Arnold lässt das Stück mit nur zwei Schauspielern spielen. Während Helge Salnikau Woyzeck bleibt, schlüpft seine Spielpartnerin Sophie Killer in alle anderen Rollen. Sie ist mal Marie, mal der Hauptmann und mal der Erbsen spuckende Doktor (besonders imposant in einem mächtigen Fett-Anzug). Doch weil Sophie Killer, so energisch sie auch auftritt, schlecht mit sich selber spielen kann, fallen viele Szenen unter den Tisch, die vor allem Maries Entwicklung hätten begreifbar machen können.

Bei Jakob Arnold sind alle Figuren direkt auf Konfrontation gebürstet. Als geschundene Kreatur, als „Vieh, Dreck und Abschaum der Gesellschaft“ kämpft Woyzeck einen hoffnungslosen Kampf gegen all die übermächtigen Gegner, die aus dem hinteren Teil der mit langen Plastikplanen zugehängten Bühne (von Fivos Theodosakis) hervortreten. Die vielen Umziehpausen, in denen Sophie Killer ihre Kostüme wechseln muss, werden von Musikerin Alexandra Palamaroudas mit zarter Akustik ironisch untermalt.

Am Ende wird Woyzeck, dieser armseligste Mörder der deutschen Literaturgeschichte, seine Marie mit dem Messer erstechen. Die eigentliche Tat spart Arnold aus, dafür findet er für ihren Tod ein einleuchtendes Bild: Die letzte Plastikplane auf der Bühne gehört der Dame in Rot. Blutverschmiert steht Woyzeck daneben und kramt leise grinsend ein paar Zigaretten hervor. Erstmal eine rauchen...

Wieder 27./28. Januar, 17./18. Februar und 23./24. März. Karten (16, erm. 8 Euro) : 0234 / 77 11 17.

>>> Zur Person: Jakob Arnold

Mit „Woyzeck“ findet die Kooperation zwischen dem Prinz-Regent-Theater und der Folkwang-Uni ihre Fortsetzung. Seit vier Jahren gibt es diese Zusammenarbeit, die es jährlich einem Regie-Absolventen erlaubt, auf großer Bühne zu arbeiten, um sich damit auch an anderen Theatern empfehlen zu können.

Jakob Arnold (28) begann sein Regie-Studium an der Folkwang Universität der Künste im Jahr 2014. Seine Abschlussarbeit war „Die Kontrakte des Kaufmanns“ von Elfriede Jelinek. Am Theater Rottstraße 5 zeigte er im vergangenen Jahr Sophokles’ „Ödipus“ in rekordverdächtigen 50 Minuten.

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