Zeugnisse

Bochumer WAZ-Familie diskutiert über Geld für gute Noten

Die WAZ-Familien-Söhne Bryan und Anthony Kuriewicz bekommen für ihre guten Zeugnisse Lob und Anerkennung – und Geld.

Foto: Ingo Otto

Die WAZ-Familien-Söhne Bryan und Anthony Kuriewicz bekommen für ihre guten Zeugnisse Lob und Anerkennung – und Geld. Foto: Ingo Otto

Bochum.   Manche Kinder kassieren für gute Noten auf dem Zeugnis viel Geld. Susan und Hannes Kuriewicz sind sich uneins, ob das sinnvoll ist.

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Zeugnisse sind eine gute Gelegenheit, Bilanz zu ziehen: Was ist gut gelaufen, wo hakt es, wo hat man sich noch einmal berappelt, wo muss man sich ins Zeug legen? Für manche Kinder aber steht zudem ein Kassensturz an: Die Eins bringt soundsoviel, die Zwei soundsoviel, auch die Drei ist noch rentabel. Auch bei den Kuriewiczs ist das Zeugnisgeld ein Thema – wenngleich ein umstrittenes.

Denn während Hannes und Susan lieber Lob und Anerkennung an Anthony und Bryan verteilen, gibt es von den Großeltern Bares. Mit unterschiedlicher Strategie: Die eine Oma lässt sich die Zeugnisse zeigen und beurteilt dann, wie hoch sie die Noten der Enkel bepreist.

Bei der anderen wird der Betrag jedes Jahr neu ausgehandelt. Der derzeit übliche Kurs: 50 Cent für eine Zwei, einen Euro für eine Eins. Das Geld gibt es aber nicht fürs Endzeugnis, sondern für jede Klassenarbeit und jeden Test, von dem die Oma erfährt. Natürlich sorgen die Jungs dafür, dass sie möglichst viel erfährt.

Geld ist ein angenehmer Nebeneffekt

Es wäre allerdings unfair, die Motivation der beiden nur im Zensurengeld zu vermuten: Anthony hat seine Schullaufbahn bereits im Blick und weiß, dass er fürs Abitur entsprechende Noten braucht. „In den E-Kursen muss es schon eine Zwei sein“, sagt der 13-Jährige.

Das Geld ist da zwar ein angenehmer Nebeneffekt – die wahre Motivation aber ist eine andere. Bryan macht sich um das große Ganze noch weniger Gedanken. Klar, im ersten Halbjahr der vierten Klasse habe er sich schon angestrengt, aber das Gymnasium war ihm ohnehin sicher. Nach den Sommerferien, vermutet Mama Susan, wird er mehr für die Schule tun müssen. „Bisher fliegt ihm vieles zu.“

Doch selbst wenn Bryans Leistung dann nachlassen würde: Zu Hause gäbe es nicht automatisch Stress. „Bei schlechten Noten fragt Mama, woran es gelegen hat“, sagt Bryan. Und kann direkt benennen, was sein derzeit größtes Problem ist: „Leichtsinnsfehler“. Mal hat er eine Aufgabe nicht richtig gelesen und deshalb falsch bearbeitet, mal hat er das Blatt nicht umgedreht und die Aufgaben auf der Rückseite nicht gesehen. Woran das liegt? „Ich möchte schnell in die Pause.“

Gemeinsame Ursachensuche mit den Eltern

Wenn dann, wie bereits vorgekommen, die Lehrerin unter dem Test vermerkt, dass Bryan „trotz Ermahnung“ 20 Minuten zu früh abgegeben habe, gibt es zu Hause auch mal ein paar ernste Worte. Auch Strafen? Susan kann zwar streng sein, „aber dann tut es mir auch leid“.

Sanktionen, so es sie denn geben soll, müsse Hannes durchsetzen. „Das darf ich doch gar nicht“, sagt er schmunzelnd. Allenfalls mal ein kleines Handyverbot oder ein bisschen Hausarbeit – viel mehr haben die Jungs nicht zu befürchten. Wichtiger ist den Eltern die gemeinsame Ursachensuche, auf dass sie bei den Kindern zur Einsicht führt.

Ohnehin lehnen sie es ab, Noten pauschal als „gut“ oder „schlecht“ einzuordnen: „Eine Drei kann genauso viel wert sein wie eine Eins“, sagt Susan Kuriewicz. Entscheidend ist für sie, ob sich die Jungs bemühen.

Stärken und Schwächen kennen

„Wir kennen die Stärken und Schwächen unserer Jungs“, sagt Hannes. Während Anthony sich in Deutsch und Englisch mehr, in Mathematik und Biologie etwas weniger anstrengen muss, kommt Bryan mit Deutsch wunderbar zurecht. Der Zahltag bei den Großeltern wird sich für beide in diesem Jahr wieder lohnen.

Auch Susan hat übrigens schon Zeugnisgeld bekommen – bei Hannes hingegen gab es das nie. „Ich halte so etwas für ein falsches Signal an die Kinder.“ Und toleriert es dennoch. Wobei er sich kleine Seitenhiebe nicht verkneifen kann: „Wenn sie mal schlechte Noten schreiben, müssten sie eigentlich Geld zurückzahlen, oder?“

Was Schulpsychologin Heike Neusser von Belohnung und Strafen hält 

Belohnung für gute Noten? „Dagegen ist grundsätzlich nichts einzuwenden“, sagt Heike Neusser (51) von der Schulpsychologischen Beratungsstelle der Stadt. Allerdings müsse sich die Anerkennung bei Eltern und Großeltern nicht in Geldscheinen widerspiegeln.

„Ein gemeinsam erlebter schöner Tag zeigt viel mehr, dass es nicht um die Zensur, sondern um den geliebten Menschen geht.“ Eine Würdigung haben dabei nicht nur Bestnoten verdient. „Auch wer in Mathe von einer Fünf auf eine Vier kommt, kann Großartiges geleistet haben.“

„Strafen zeugen von Hilflosigkeit“

Erst mal abregen – und dann Vernunft walten lassen: Das empfiehlt Heike Neusser allen Eltern, die sich morgen mit einem miesen Zeugnis konfrontiert sehen.

Moralisieren und Predigen („Wie oft habe ich dir schon gesagt...“), gar Stubenarrest, PC-Entzug oder das Streichen der Ferienfreizeit seien fehl am Platze. „Glauben Sie mir: Die Kinder fühlen sich schon schlecht und klein genug.“ Und: „Strafen zeugen immer auch von Hilflosigkeit und Ohnmacht.“

Stattdessen sollte dem ersten, verständlichen Zoff eine erste Analyse folgen. Was ist schief gelaufen im Unterricht, bei den Klausuren, bei den Hausaufgaben? Wer hat Fehler gemacht? Auch wir als Eltern? Auch die Lehrer?

Mängel erkennen und Ziele setzen

„Sind die Mängel erkannt, kann man sich gemeinsam Ziele für das neue Schuljahr setzen, verbunden mit ganz konkreten Verhaltensweisen“, sagt die Psychologin. Die Vereinbarungen sollten realistisch und erreichbar sein: „Niemand darf erwarten, in kurzer Zeit von einer Fünf auf eine Zwei zu kommen.“ Eine Vier würde es fürs Erste auch tun.

Das Wichtigste: Liebe darf niemals von Zensuren abhängig sein. Auch mit schlechten Noten hat jedes Kind ab morgen eines ganz bestimmt verdient: schöne Ferien!

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