Bühne

Bochumer Prinz-Regent-Theater erinnert an Rio Reiser

Schauspieler

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Foto: Birgit Hupfeld

Bochum.   Zum Spielzeitauftakt zeigt die Bochumer Bühne eine sehenswerte Revue. „Reise! Reiser!“ feiert die wundersame Kraft des Scheiterns – mit Musik.

Das nennt man einen Auftakt nach Maß: Mit einem so unterhaltsamen wie nachdenklichen Abend über die wundersame Kraft des Scheiterns startet das Prinz-Regent-Theater in seine Interims-Spielzeit.

„Reise! Reiser!“, das erste Gastspiel unter Federführung der neuen geschäftsführenden Leiterin Anne Rockenfeller, bietet viel Musik und einige Kurzweil. Es ist flott und fetzig, kokettiert mit sattem Hang zur Anarchie – und bietet nebenbei einen imposant aufspielenden Hauptdarsteller.

Sébastien Jacobi, diesen Namen sollte man sich merken, entwickelte das Stück in Eigenregie 2011 für das Schauspiel Frankfurt, dessen Ensemblemitglied er drei Jahre lang war. Seit der Premiere ist „Reise! Reiser!“ weit gereist, war in Hamburg und Berlin zu sehen, wurde mal zu dritt, mal zu viert aufgeführt und steht bis heute auf dem Programm des Staatstheaters Saarbrücken.

Spitzen in Richtung Schauspielhaus

Im Prinz-Regent-Theater zeigt Jacobi seine Inszenierung im Alleingang, begleitet nur von Christoph Iacono am Klavier und an diversen Schlaggeräten. Dabei gönnt sich Jacobi manch Bochum-spezifische Spitze. Ein Modell des Exzenterhauses (mit einem Turm aus Geldmünzen) findet ebenso Eingang wie das neue Spielzeitheft des Schauspielhauses, aus dessen Vorwort genüsslich zitiert wird. „Wir werden weniger produzieren und mehr in die Tiefe investieren“, steht da – und Jacobi muss schmunzeln.

Doch neben aller Lust am Jux ist „Reise! Reiser!“ auch eine ernsthafte Auseinandersetzung – mit einem fast vergessenen Roman sowie mit einem tragischen Pop-Helden der 70er und 80er Jahre.

Brachiale Sozialkritik

Denn was nicht jeder weiß: Rio Reiser (1950-1996), dessen brachiale Sozialkritik dem musikalischen Abend das entscheidende Feuer gibt, benannte sich einst nach dem Titelhelden Anton Reiser aus dem gleichnamigen Roman von Karl Philipp Moritz, der um 1790 entstand. Moritz beschreibt darin die Leidensgeschichte eines Außenseiters, der sich abstrampelt, um den kleinbürgerlichen Verhältnissen daheim zu entkommen, und sich nach mehreren erfolglosen Etappen schließlich einer Theatergruppe anschließt – was ebenfalls tragisch scheitert.

Rio Reiser scheint vom Geist dieses Unvollendeten beflügelt worden zu sein. Erstaunlich ist, wie wunderbar die Passagen aus dem Roman mit Reisers Songs harmonieren und wie wenig sich in den knapp 200 Jahren, die dazwischen liegen, geändert hat.

Reiser-Hits werden bewusst ausgespart

Die Hits sparen Jacobi und Iacono konsequent aus. Es gibt weder „Junimond“ noch „König von Deutschland“. „Zauberland“, den beide am Ende des rund 100-minütigen Abends beherzt anstimmen, ist noch der bekannteste Song. Dafür graben sie tief in Rio Reisers Schatzkiste und fördern manch versteckte Perle aus seiner Zeit mit „Ton Steine Scherben“ zutage. Wann etwa hat man zuletzt das Lied „Paul Panzers Blues“ gehört, der auf einen Rummelplatz führt? „Ich fahr’ ein paar Stunden lang mit der Achterbahn und schau mir die schöne Scheiße mal von oben an“, heißt es da. „Am Autoscooter fahr ich ‘nen dicken Wagen. Ich fahr das ganze Jahr nur Mofa, jetzt kann ich auch mal jagen.“ Großartig. Viel Beifall.

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