WAZ-Nachtforum

Mediziner erklären, warum Prothesen nicht ewig halten

Über ein staatliches Implantat-Register referierte  Rüdiger Smektala beim WAZ-Nachtforum im Knappschaftskrankenhaus in Bochum.

Über ein staatliches Implantat-Register referierte Rüdiger Smektala beim WAZ-Nachtforum im Knappschaftskrankenhaus in Bochum.

Foto: Dietmar Wäsche

Beim WAZ-Nachtforum ging es um Entwicklungen und Defekte von Implantaten. Schweden sei ein Vorbild, fand ein Arzt des Knappschaftskrankenhauses.

„Wirbelsäule, Hüfte, Knie: Wie sicher sind Implantate?“ Eine Frage, die unsere Leser bewegt. Das zeigte eine rege Teilnahme von rund 170 Besuchern beim 55. WAZ-Nachtforum im Knappschaftskrankenhaus Langendreer.

Ende vergangenen Jahres deckte ein Rechercheteam aus Journalisten auf, dass immer mehr Menschen durch Implantate Gesundheitsschäden erleiden oder sogar sterben würden. „In Deutschland sind 14.000 Fälle von mangelhaften Implantaten bekannt. Die Dunkelziffer dürfte größer sein“, stieg Thomas Schmitt, Moderator und WAZ-Redaktionsleiter ein.

Von der Idee bis zum fertigen Implantat

Um gegen mangelhafte Implantate vorzugehen, werden die Hürden für die Zulassung neuer Typen in Deutschland ab kommenden Jahr höher, erklärt Prof. Kirsten Schmieder, Direktorin der Neurochirurgischen Klinik. Alle neuen Produkte müssen durch klinische Studien begleitet werden. „Das begrüßen wir“, sagte die Fachärztin.

Zudem veranschaulichte sie den Weg von der Idee bis zum fertigen Implantat, am Beispiel einer Wirbelsäulenprothese. Der beginnt mit einer Entwicklungs- und Designphase, auf die Tests folgen, die bis an die Belastungsgrenze des Implantats gehen. Schmieder: „Der Prototyp wird so lange einem Bruchtest unterzogen, bis er kaputt geht. So wird geschaut, wie belastbar er ist.“

Nutzen des Implantats muss höher als Risiko sein

Darauf folgt die Probe an einer sogenannten Wirbelsäulenmaschine, die in millionenfacher Wiederholung eine den Bewegung des Menschen ähnliche Belastung nachstellt – wieder bis zur Belastungsgrenze. Anhand der Dokumentationen der Tests müssen dann Prüfstellen entscheiden, ob das medizinische Produkt zugelassen wird – also das CE-Zertifikat bekommt, das bestätigt, dass das Produkt den EU-Verordnungen entspricht. „Wichtig ist, dass der Nutzen des Implantats größer als das Risiko für den Patienten ist“, sagte Schmieder und übergab an ihren Kollegen Prof. Rüdiger Smektala, Direktor der Klinik für Unfallchirurgie und Orthopädie.

Dieser erklärte, was es in Schweden schon lange gibt und hier erst

ab 2020 in Kraft treten soll: ein staatliches Register, in dem jede Operation mit Implantaten dokumentiert wird. Und auch, ob und wann diese entnommen werden. Das veranschaulichte er durch ein Diagramm: „Hier erkennt man gut: Wenn die Kurve nach einer Zeit nach oben geht, sind die Implantate schlecht und mussten getauscht werden.“ Als Richtwert für Deutschland nannte er nach 25 Jahren eine Auswechslungsquote von 58 Prozent. Alles darunter wäre schlecht.

Implantate müssen nicht immer getauscht werden

Defekte im Implantat können in der Produktion, ihrer Funktion und der Konstruktion entstehen, verdeutlichte im dritten Vortrag Dr. Christopher Brenke, Leitender Oberarzt der Neurochirurgischen Klinik. Zum Beispiel weil sie in der Bandscheibe verrutschen oder eine Verknöcherung entsteht – es sich also so viel Knochen um die Prothese bildet, dass sie nicht mehr beweglich ist. Sie versteift.

Ein Vorgang der manchmal auch durch den Arzt durchgeführt wird, wenn ein Implantat nicht mehr richtig funktioniert. „Doch nicht immer müssen Implantate ausgewechselt werden, nur weil sie defekt sind“, erklärte Brenke. Manche Patienten könnten trotzdem mit ihnen leben.

Patienten sollten Implantatausweis immer mitführen

Neben diesem Wissen gab er den Teilnehmern des WAZ-Nachtforums – viele von ihnen leben mit einem Implantat in Hüfte, Knie oder Bandscheibe – noch zwei Hinweise mit auf den Weg. Für alle Implantate bekommen die Patienten einen Ausweis, den sie immer mit sich führen müssen. Zudem sollten sie sich ihre Röntgenbilder beispielsweise auf einer CD mitgeben lassen, da die Klinik selbst sie laut Gesetz nur für insgesamt zehn Jahre verwahren muss.

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