Haus Kemnade

Bochumer Kunstverein wird zum spiegelnden Glaspalast

Ein betörender visueller Reiz geht von Jan Schmidts gläserner Raum-/Bodenskulptur aus.

Ein betörender visueller Reiz geht von Jan Schmidts gläserner Raum-/Bodenskulptur aus.

Foto: Svenja Hanusch

Bochum.   Jan Schmidt macht aus dem Holzfußboden im Kunstverein ein spiegelndes „Parkett“ aus Glas. 35 000 Mikroskop-Objektträger hat er dafür verlegt.

Minimalistische Kunst mit Tiefenwirkung präsentiert der Kunstverein in seiner neuen Ausstellung „Parkett“. Der Name ist Programm, denn der Künstler Jan Schmidt hat den 70 Quadratmeter großen Ausstellungsraum im Haus Kemnade neu ausgelegt – mit Objektträgern aus Glas.

Die Zeit, die verstreicht

Objektträger? Ja, genau: Das sind diese Glasscheibchen, die man aus dem Biologie-Unterricht kennt. 76 x 26 Millimeter groß, gerade mal 1,5 Millimeter dünn. Man kann sich vorstellen, welche geradezu meditative Arbeit es für den Künstler gewesen sein muss, den Riesenraum damit auszulegen. Akkurat, nach strengem Raster, bis in die Ecken und (schiefen) Winkel des uralten Gemäuers hinein. Stunden, Tage, zog sich die Vorbereitung hin. Das konzentrierte, für sich selbst stehende Tun ist eine Fertigkeit, die für gewöhnlich ZEN-Meister praktizieren. Oder eben Künstler. Das spiegelnde Parkett, das schließlich in Schmidts geduldiger Verlegearbeit entstanden ist, muss der Betrachter nun auf Abstand auf sich wirken lassen. Für dieses Kunstwerk gilt: Betreten verboten! Es könnte schließlich zerbrechen. Eine Kordel vor der engen Türeinfassung versperrt den Zugang.

Visuelle Wirkung

Die visuelle Wirkung, die von der hauchdünnen, gläserne Bodenoberfläche ausgeht, kann man kaum beschreiben. Der Raum, obschon eigentlich gar nicht angetastet, ist nicht mehr derselbe. Je nach dem, wie der Tag durch die Fenster fällt, ob es sonnig oder bewölkt ist, oder ob abends elektrisches Deckenlicht zugeschaltet wird, zeigt sich das Raum-Boden-Kunstwerk immer wieder anders. Mal wirkt der Fußboden wie eine filigrane Eisfläche, dann bricht doch das dunkle Braun des Ursprungs-Parketts schimmernd durch. Es entstehen Lichtlinien, die mit dem Stand der Sonne wandern, und Reflexe an der Decke, die oszillieren wie durchsichtige Flächen in einem Eispalast. Dieses Kunstwerk wirkt so schlicht, und doch ist seine Wirkung von einer emotionalen Qualität, die Staunen macht.

So viel Zeit der Künstler auf das Verlegen seiner 35 000 Objektträger verwendet hat, so viel Zeit sollte der Betrachter für den Besuch im Kunstverein mitbringen, um das Kunstwerk auf sich wirken zu lassen. Die Zeit, die vergeht, macht aus dem Schauenden einen Beteiligten. Ähnlich, wie wenn man eine schöne Landschaft oder das Wellenspiel am Strand auf sich wirken lässt. Die verstreichende Zeit selbst ist es, die in dieser stillen, sich minütlich verändernden Arbeit sichtbar zu werden scheint.

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