Stolpersteine

Was Bochumer Förderschüler mit einem Nazi-Opfer verbindet

Lehrer Moritz Ludwig drapiert die Rosen rings um den Stolperstein für Theodor Welbhoff. Die Bochumer Mansfeld-Schüler haben sein Schicksal während der Nazizeit akribisch recherchiert.

Lehrer Moritz Ludwig drapiert die Rosen rings um den Stolperstein für Theodor Welbhoff. Die Bochumer Mansfeld-Schüler haben sein Schicksal während der Nazizeit akribisch recherchiert.

Foto: Gero Helm / FUNKE Foto Services

Bochum-Innenstadt / Langendreer.  Bochumer Förderschüler weihen einen Stolperstein für ein Nazi-Opfer ein. Bei der Recherche entdeckten sie Parallelen, die nachdenklich machen.

Vielleicht stolpern auch Sie bald darüber: Mit der Verlegestelle Kortumstraße 68 – mitten in der Fußgängerzone der Bochumer Innenstadt – sind zumindest gute Voraussetzungen geschaffen, dass der Stolperstein von Theodor Welbhoff gesehen wird. Das jedenfalls wünschen sich die Schüler der Mansfeld-Schule, die den Stolperstein dort am Donnerstag eingeweiht haben.

Einfach war das nicht, denn: Die Schüler sind sich der schrecklichen Konsequenz bewusst, die ein Leben in Deutschland zu Zeiten des Nationalsozialismus auch für sie gebracht hätte: „Wir Schüler einer Förderschule für emotionale und soziale Entwicklung wären in dieser Zeit wahrscheinlich zwangssterilisiert oder sogar getötet worden“, sagt Justin Loseries. Er und seine Mitschüler hätten im 21. Jahrhundert die Chance, dass aus ihnen etwas wird – anders als Welbhoff.

Bochumer erfahren, wie es ist, ein „Schandfleck“ zu sein

Der wurde am 16. Februar 1916 an der Kortumstraße 68, gleich neben dem heutigen „C&A“, geboren. „Die Menschen im Nationalsozialismus, deren Geschichten unseren ähneln, hatten diese Chance nicht und darum wollen wir die Erinnerung wachhalten“, erklärt der 16-Jährige Loseries. Etwa ein Jahr lang haben sich die ehemaligen Zehntklässler deshalb mit der Biographie von Welbhoff beschäftigt – einem Euthanasieopfer, das nach dem Tod seines Vaters unter Anfällen litt, straffällig und gewalttätig wurde.

„Er ist auf die schiefe Bahn geraten“, sagt René Buzinski. Deshalb gäbe es Parallelen zu eigenen Biographien. „Ich bin froh, dass ich viele Jahre später geboren bin“, sagt der Schüler. Trotz der späteren Geburt hätten aber auch er und seine Mitschüler zum großen Teil erfahren, wie es ist, ein „Schandfleck“ zu sein – in der Familie, im Schulsystem, bei Hobbys.

„Für diese Menschen gibt es in Bochum kaum Stolpersteine, deshalb wollen wir deutlich machen, dass Menschen, die ein auffälliges Verhalten zeigen, Unterstützung von Ärzten und Psychologen benötigen, mit dem Gesetz in Konflikt geraten sind oder noch nicht gelernt haben, wie man sich in unserer Gesellschaft richtig verhält, trotzdem ein lebenswertes Leben haben“, erklärt Loseries.

Recherche im Stadtarchiv

Durch Recherchen in Archiven, Gedenkstätten, und im Internet haben die Schüler herausgefunden: Nachdem Welbhoff als Jugendlicher bei Fahrraddiebstählen erwischt wird, mit denen er den Alkohol finanzierte, wird er zu kleineren Haftstrafen verurteilt und im Erziehungsheim untergebracht. „Auch von uns haben schon mal welche geklaut, deshalb geht uns die Biographie besonders nah“, sagt Loseries. Welbhoff verlässt das Heim mit 19 Jahren, wird in der Uniklinik Münster hinsichtlich seiner geistigen Gesundheit begutachtet und Elektroschocks unterzogen.

Weg endet in der Tötungsanstalt

Zuhause begeht er wieder Straftraten und kommt 1935 in ein Arbeitshaus – einer Einrichtung für „geisteskranke, asoziale“ und politische Häftlinge. „Misshandlungen und unwürdige Behandlungen waren hier an der Tagesordnung“, weiß Loseries. Welbhoff flieht aus dem Lager. „Zuhause fällt er wieder mit der nächsten Straftat auf: Dem Diebstahl von 200 Reichsmark aus einem Obstgeschäft“, erzählt der Förderschüler weiter. Nach einem Hitlerjugendlager, Arbeitsdienst und einem Aufenthalt in einer Heilanstalt landet Welbhoff in der „Irrenabteilung“ der Strafanstalt Münster.

Sein Weg endet schließlich in der Tötungsanstalt Hadamar, auch flehende Briefe an seine Mutter bewirken nichts mehr. „Wir haben die Tötungsanstalt in Hadamar besucht“, erzählt Kevin Klöcker. Welbhoff wurde dort 1941 vergast – als einer von 10.021 Menschen.

Abraham-Pokal erhalten

„Seine Biographie konnte den Schülern besonders viel lehren“, sagt Klassenlehrerin Katja Wiemers. Sie ist nicht nur stolz auf die Arbeit der letzten Monate, sondern auch auf das, was nun kommen wird: „Wir haben als erste Förderschule den Abrahampokal erhalten“, so Wiemers. Der vom Kinder- und Jugendring vergebene Pokal erteile ein Jahr lang den Auftrag gegen Rassismus und Intoleranz aktiv zu werden. Gute Vorarbeit haben die Schüler mit dem Stolpersteinprojekt schon geleistet – aber sie sagen einstimmig: „Es gibt noch genug zu tun.“

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