Serie „Starke Frauen “

Bochumer Bildhauerin erschafft Figuren aus Stein und Ton

Dorothee Schäfers Leidenschaft gilt der Gestaltung von Figuren aus Stein, Gips, Beton und Ton.

Dorothee Schäfers Leidenschaft gilt der Gestaltung von Figuren aus Stein, Gips, Beton und Ton.

Foto: Kerstin Buchwieser

Bochum.   Die gelernte Steinmetzin lebte fünf Jahre lang in einem Steinbruch, kehrte dann nach Bochum zurück. Ihr Geld verdient sie mit Grabsteinen.

Hoch oben auf einer Orgelempore erschafft die Künstlerin Dorothee Schäfer figürliche Kompositionen aus Stein, Ton, Gips und Beton. Hier im Q1, dem Haus für Kultur, Religion und Soziales in Bochum-Stahlhausen, ist ihr Atelier.

Seit 2015 ist Dorothee Schäfer Residenzkünstlerin der evangelischen Kirchengemeinde in Bochum Mitte. Neben Zeichnungen liegt ihr Schwerpunkt auf dem klassischen Material Stein, den sie zu figürlichen und abstrakten Werken verarbeitet. Die Steinarbeiten entstehen in der Werkstatt hinter dem Kirchengebäude, wo sie auch ihre Grabsteine anfertigt. Im Q1 bietet sie auch Kreativkurse zum Steinhauen und Töpfern an. Ihr neustes Projekt: Gemeinsam mit ein paar Frauen knüpft sie einen Teppich zum Thema Frieden und Menschenrechte. Außerdem gehört die 63-Jährige zu den Mitbegründerinnen der ersten BO-Biennale.

Situation der Frauen im Handwerk

Zur Bildhauerei kam Dorothee Schäfer damals eher zufällig. Aufgewachsen ist sie in Bochum. Nach dem Abi zog sie mit ihren Eltern nach Süddeutschland. Ein Job musste her. „Und da bin ich zufällig über einen Steinmetz-Betrieb in München gestolpert.“ Ihr Arbeitgeber habe zunächst zögerlich reagiert: „Außer seiner Tochter hatte er noch nie eine Frau zur Steinmetzin ausgebildet.“ Doch nach einem Jahr erhielt sie ihren Lehrvertrag. Sie half damals dabei, das Münchener Rathaus zu sanieren. „Es war manchmal ganz schön hart auf den Baustellen unter den ganzen Männern“, erinnert sich die gebürtige Bochumerin.

Der ein oder andere Kommentar fiel, was denn eine Frau auf solch einer Baustelle zu suchen hätte. Die Situation der Frauen im Handwerk habe sich aber gebessert, meint Schäfer. „Die Männer begreifen langsam, dass sie ihre Hände bei sich behalten sollten.“

Man biete ihr oft Hilfe an, wenn es darum geht, Steine zu schleppen. „Aber das muss man können und vorsichtig dabei sein“, so Schäfer. Nicht immer freut sie sich über die Hilfsangebote der Männer, die es sicherlich nicht böse meinen würden, aber „es demonstriert schon eine gewisse Überlegenheit.“

Mit Grabsteinen verdient sie ihr Geld

Die Einladung zu einem Symposium öffnete ihr Türen. Das Ziel: Kunst aufs Dorf in Mittelhessen bringen. Dorothee Schäfer: „Danach war mir klar, dass ich als Künstlerin leben will.“ Da stellt sich die Frage: Kann sie damit ihren Lebensunterhalt verdienen? „Nein, ich erstelle auch noch Grabsteine um Geld zu verdienen.“ Allein von dem Verkauf ihrer künstlerischen Figuren könne sie nicht leben.

Inhaltlich habe sie bei der Gestaltung von Grabsteinen andere Gedankengänge als bei ihrem rein künstlerischen Schaffen, bei dem sie sich auch mehr Zeit nimmt, Ideen reifen zu lassen.

Eine weitere wichtige Station in ihrem Leben: Sie zog in den hessischen Steinbruch Michelnau, lebte dort fünf Jahre lang in einem Häuschen inmitten der Steine. Für fließend Wasser sorgten sie und ihr Mann selbst. Draußen und im Erdgeschoss werkelten sie an ihren Skulpturen, das Rohmaterial stets vor der Nase. Miete mussten sie keine bezahlen. „Das hat den Druck genommen, dass man viel verkaufen muss“, sagt die 54-Jährige und fügt hinzu: „Das war eine tolle Zeit.“

Rückkehr in die alte Heimat

Als Schäfer schwanger wurde, trennte sie sich von ihrem Mann. Sie zog mit ihrem Sohn zurück nach Bochum. „Ich habe dann alte Bekanntschaften wieder aufgewärmt und schnell eine Werkstatt gefunden.“ Schwierig sei es gewesen, ihren kleinen Sohn bei der Arbeit dabei zu haben, „denn die Arbeit ist laut und dreckig, man arbeitet mit schweren Maschinen.“ Auch Ausflüge zu Vernissagen beispielsweise nach Düsseldorf waren fast nie möglich.

Eine besondere Verbundenheit hat sie mit Athen. „Ich wollte schon länger in das Land reisen, in der die ganze antike Kunst ihren Ursprung hat.“ In einem Athener Seniorenheim verbrachte sie sechs Wochen, vermittelte den Bewohnern Kunst – erhielt dafür freie Kost und Logis. Die Kunstwerke dort an den Ausgrabungsorten haben Dorothee Schäfer tief beeindruckt: „Sie sind zwar alt – aber irgendwie auch modern.“

Mehr Ausstellungen von Männern

Inwieweit unterscheiden sich männliche und weibliche Künstler? „Frauen fokussieren sich nicht so stark auf ihre Arbeit, wie es die Männer tun, aber sie nehmen dafür mehr ihre Umgebung und die Menschen darin in den Blick“, so Schäfer. Das habe Auswirkungen auf die Inhalte der Werke. Als Frau müsse man sich entscheiden: Entweder eine erfolgreiche Künstlerin werden oder Mutter sein und im Hintergrund bleiben. Es sei denn, die Frau erhalte Unterstützung beispielsweise vom Ehemann.

Auch in der Kunst zeige sich ein Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern: „Wenn ich durch meine Kunstzeitschriften blättere, entdecke ich viel mehr Ausstellungen von Männern als von Frauen.“ Dabei seien es meist die Frauen, die Kunst als Hobby betreiben. Es sei noch ein langer Weg bis zur Gleichberechtigung, auch in der Kunst. Dorothee Schäfer: „Solange wir die Frauenquote und Frauenmuseen brauchen, stimmt irgendwas in unserer Gesellschaft nicht.“

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