Aktion

Bochumer beweisen Solidarität nach dem Eierklau

Direkt nach der Arbeit hat Sigrid Koppka Schokolade eingekauft und sie ins Studio zu Moderator Ansgar Borgmann gebracht. Der ist von den Reaktionen der Hörer begeistert.

Foto: Dietmar Wäsche

Direkt nach der Arbeit hat Sigrid Koppka Schokolade eingekauft und sie ins Studio zu Moderator Ansgar Borgmann gebracht. Der ist von den Reaktionen der Hörer begeistert. Foto: Dietmar Wäsche

Bochum.   Radio Bochum rief seine Hörer per Wette zu Schokospenden auf. Ab acht Uhr dürfen Kinder im Stadtpark nach den 380 Kilo Süßigkeiten suchen.

Gewonnen haben die Bochumer bereits am späten Vormittag, genauer: um 11.47 Uhr. Unklar ist zu diesem Zeitpunkt nur noch, wie weit sie ihren Wettgegner übertrumpfen werden. Radio Bochum 98,5 hat seine Hörer herausgefordert: Moderatorin Anuschka Fritzsche wettete, dass die Bochumer es nicht schaffen würden, bis zum Abend 98,5 Kilogramm Schokolade in die Redaktionsräume zu bringen. Falls doch, wird sie ein paar Beiträge mit Heliumstimme moderieren.

Hintergrund des Aufrufs ist das Desaster, zu dem sich eine gut gemeinte Idee der Stadt am Ostersonntag entwickelt hatte: 5000 bunte Eier sollten im Stadtpark versteckt sein – doch offenbar hatten übereifrige Eiersammler das Gelände schon früh am Morgen abgesucht und leergeräumt. Kinder weinten, Eltern schäumten vor Wut. Dem habe man etwas entgegensetzen wollen, sagt Michael Klingemann, bei Radio Bochum Chef vom Dienst. „Wir wollten die Enttäuschung über diese Aktion in etwas Positives umkehren.“

Spenden von Unternehmen und Privatpersonen

Im Studio stapelt sich das „Positive“ nun in Kisten und Tüten auf dem Fußboden. Der 250 Gramm schwere Grundstein dieses Schokoladengebirges, der gegen halb sieben gelegt wurde, ist längst nicht mehr auszumachen. Auf einem Tisch drängen sich lilafarbene Hasen, bunte Schäfchen und grinsende Schokoeier. Zwischenstand um kurz nach 12: 115 Kilo.

Die Spenden kommen von Einzelhändlern und Supermärkten, von der Diakonie und städtischen Mitarbeitern, von Sportlern wie Diskuswerfer Daniel Jasinski und den Basketballern der VfL Astrostars Bochum. Zwei Landwirte wollen 1250 bunte Eier beisteuern.

Auch Nicole Ulrich vom Kinder- und Jugendring hat sofort mit ihrem Team gesprochen, als sie im Radio von der Aktion hörte. „Klar machen wir da mit“, lautete die einhellige Reaktion.

Sigrid Koppka ist direkt nach der Arbeit zum Studio gefahren, hat extra Schokolade eingekauft: „Es war einfach zu traurig, wie diese Sache im Stadtpark gelaufen ist.“

Nicht nur Erwachsene gehen an diesem Tag im Studio ein und aus. Auch viele Kinder zweigen etwas aus ihren Osternestern ab. So wie die sechsjährige Vivien Wüst, die am Ostersonntag selbst zu denjenigen gehörte, die im Stadtpark leer ausgingen. „Jemand hat meiner Freundin Mieke dann zwei Eier geschenkt, und weil wir beste Freundinnen sind, hat sie mir eins abgegeben“, erzählt Vivien. Ehrensache also, dass Vivien von ihrer Osterschokolade auch etwas für andere Kinder hergibt. „Eine ganz große Geste ist das“, meint Moderator Ansgar Borgmann.

Feuerwehr hilft beim Transport

Da der Schoko-Bestand mittlerweile im Fünf-Minuten-Takt wächst, kommt die Unterstützung der freiwilligen Feuerwehr wie gerufen: „Die Löscheinheit Querenburg stellt ein Fahrzeug und Männer, die beim Transport helfen.“

Ab acht Uhr dürfen Kinder die Hasen, Eier und Co. heute im Stadtpark rund um den Spielplatz einsammeln. Dass es so zugeht wie bei der städtischen Aktion, glaubt Klingemann nicht: „Wir sind uns sicher, dass die Bochumer ihre Fairness beweisen werden, und dass niemand mehr als familienübliche Mengen mitnimmt.“

Obwohl sich viele Hörer amüsieren dürften, wenn Anuschka Fritzsche ihren Wetteinsatz leistet, könnten die Bochumer am Ende mehr gewonnen haben als bloß eine Wette.

>>> Drei Fragen an Prof. Dr. Georg Juckel, ärztlicher Direktor der LWL-Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie:

1. Herr Juckel, was sagt es über Menschen aus, wenn sie bei einer Aktion, die Kinder glücklich machen soll, säckeweise Ostereier sammeln und wegschleppen?

Wir leben in narzisstischen Zeiten. In erster Linie wollten diese Sammler vermutlich sich selbst beweisen, wie toll sie sind. Dass sie klüger und besser sind als andere.

2. Wäre so etwas vor 30 Jahren demnach nicht passiert?

Die Neigung, sich vorwiegend um sich selbst zu kümmern, ist heute ausgeprägter als früher. Dieses Verhalten wird uns in der Werbung ja auch ständig vor Augen geführt. Meine Schönheit, mein Auto, meine Jacht. Psychoanalytisch betrachtet haben viele Menschen Frühstörungen aus der oralen Phase, in der sie den Mund vermeintlich nicht voll genug bekommen haben. Dabei haben wir als Nachkriegsgeneration ja nie gehungert.

3. Wie erklären Sie sich diese Veränderung?

Es hat natürlich mit unserer Leistungsgesellschaft zu tun. Viele Menschen stehen ständig unter Druck, befinden sich im Konkurrenzkampf um Arbeitsplätze und haben soziale Ängste. Dabei geht zunehmend unsere Fähigkeit verloren, sich in andere Menschen hineinzuversetzen. Und wir verlieren an Solidarität. Das war früher in Großfamilien oder auf dem Bergwerk gerade hier im Ruhrgebiet sicherlich anders. (thom)

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