Radtour

Bochumer bewältigt Strecke von 1230 Kilometern mit den Rad

Auf dem Rad ist er glücklich: Martin Rettberg aus Wiemelhausen ist keine Strecke zu weit.

Auf dem Rad ist er glücklich: Martin Rettberg aus Wiemelhausen ist keine Strecke zu weit.

Foto: Ingo Otto / FUNKE Foto Services

Bochum-Wiemelhausen.  Zwischen Glück und Schmerz: Auf seinem Rennrad fährt Martin Rettberg von Paris nach Brest und wieder zurück. Es ist die Tour seines Lebens.

Manche fahren mit dem Rad die Ruhr entlang und setzen sich dort in ein nettes Ausflugslokal, um beim Bier darüber zu fachsimpeln, welch gewaltige Anstrengungen sie gerade unternommen haben. Nicht so Martin Rettberg: Wenn er auf sein Rennrad steigt, dann werden die Strecken weit, richtig weit.

Bei den Radsportfreunden Wiemelhausen aktiv

Schon einige Langstreckenfahrten hat der 50-jährige Tischler, der bei den Radsportfreunden Wiemelhausen aktiv ist, mit Herz und Schmerz gemeistert. Doch keine hat ihn so gefordert wie die 1230 Kilometer von Paris nach Brest und zurück. Es ist die Tour seines Lebens.

Auf den Sattel hat es Martin Rettberg schon immer gezogen. „Mein erstes Rad bekam ich mit sechs Jahren, da war es um mich geschehen“, erzählt er. Das Gefühl von Freiheit und Bewegung, während gleichzeitig der Fahrtwind um die Nase weht: Auf dem Rad ist Rettberg glücklich. „Für mich ist das wie ein Road Movie“, sagt er. „Man nimmt die Landschaften ganz anders wahr als im Auto. Und man spürt Wärme und Kälte viel unmittelbarer.“

Spontan nach Holland geradelt

Dass Rettberg sein Rad nicht nur für die Fahrt zum nächsten Bäcker nutzen möchte, war ihm früh klar. Mit 13 Jahren kam er mit einem Schulfreund auf die Idee für einen spontanen Trip von Langendreer nach Winterswijk – einfach so zum Pommes essen. „Die Strecke haben wir damals völlig unterschätzt“, sagt er schmunzelnd. „Spät am Abend habe ich dann zu Hause angerufen, wo sich alle wahnsinnige Sorgen machten, und gesagt: Sorry, es dauert noch etwas.“

Erste richtige Langstrecke vor drei Jahren

Schon immer gut im Training, nahm er seine erste richtige Langstrecke vor drei Jahren ins Visier. 200 Kilometer führte sie von Duisburg über Belgien und Holland durchs Drei-Länder-Eck. Davon kräftig angespornt, trat Rettberg dann im August zu seiner im wahrsten Sinne abgefahrendsten Tour an: dem Radmarathon Paris-Brest.

Radmarathon wird auch Prüfung genannt

Alle vier Jahre treffen sich in der französischen Hauptstadt Tausende Hobby-Radsportler, um 1230 Kilometer bis an die Atlantikküste und wieder zurück zu fahren. Das Ganze ist kein Rennen, doch es gibt ein Zeitlimit: Maximal 90 Stunden darf jeder unterwegs sein. Wie man sich die Zeit einteilt, wann man fährt, isst und schläft, bleibt jedem selber überlassen. „Deswegen wird die Tour auf französisch als ‚Brevet‘ bezeichnet, also als Prüfung“, sagt Rettberg.

Einige regional ausgerichtete Qualifikationen sind nötig, um überhaupt an der berühmten Langstreckenfahrt, die seit 1891 existiert, teilnehmen zu können. Auch Martin Rettberg musste dafür von Januar bis Juli bereits kräftig in die Pedalen treten und Strecken von 200, 300, 400 und 600 Kilometern nachweisen, ehe es nach Paris ging.

Von Etappe zu Etappe denken

Dann der große Moment: Beim Start des „Brevet“ abends um 20.30 Uhr war Rettberg einer unter vielen aus 60 Ländern. „Um mich herum lauter Australier, Japaner und Franzosen. Mit einigen konnte ich ganz gut plaudern.“ Eine Lektion lernte er schnell: „Man darf bloß nicht das große Ganze im Blick haben, sondern immer nur Etappe für Etappe denken“, erzählt er. „Sonst schafft man das nie.“

Für den Notfall nicht vorgesorgt

Rettberg setzte die Pausen wohldosiert und teilte sich seine Kräfte ein. „Ich habe viele am Wegesrand gesehen, die aufgeben mussten, weil sie es am Anfang übertrieben hatten.“ Doch für ihn stand fest: „Aufgeben kommt nicht in Frage!“ Dies hatte auch einen ganz praktischen Grund, denn Rettberg hatte zuvor vergessen, ein Zugticket für den Notfall zu buchen, um mitsamt seines Rades überhaupt wieder zurück zu kommen. „Ich hätte zwei bis drei Tage auf den nächsten Zug warten müssen“, schmunzelt er. „Da bin ich dann lieber selber gefahren.“

Zwei Tage und drei Nächte gefahren

Und so fuhr und fuhr er: zwei Tage und drei Nächte lang. „Manch heftige Aufstiege waren dabei, mit denen ich gar nicht gerechnet hatte. Aber am Ende ist das alles Kopfsache.“ Der Nacken und das linke Knie schmerzten. Sein kleiner Finger und der Ringfinger sind auch drei Wochen danach noch etwas taub. „Aber das sind kleine Opfer angesichts dieses irren Erlebnisses.“

Ganz wichtig: etwas Schlaf muss sein. „Etwa sieben bis acht Stunden habe ich in den drei Nächten geschlafen“, sagt er. Dies meist in kleinen Kantinen oder an Versorgungsständen. „Da habe ich mir dann einen Tisch ausgesucht oder mich irgendwo in der Ecke auf einen Teppich gelegt.“ Für Radfahrer ist die Strecke optimal vorbereitet. „Es ist super, wie gastfreundlich dort alle sind“, sagt er. „Auch mitten in der Nacht stehen noch welche an der Strecke, haben etwas zu essen und zu trinken und feuern einen an.“

Ein neues Ziel schon im Blick

Nach 74,5 Stunden erreichte Rettberg müde, aber total happy das Ziel in Paris. Wieder zu Hause, schaute ihn sein zehnjähriger Sohn verdutzt an und sagte: „Oh Papa, ich glaube, da hast du dich aber übernommen.“ Ob er in vier Jahren wieder am Start ist? „Wenn ich gesund bleibe, warum nicht?“ Ein Ziel hat er aber vorher noch: Die wunderschöne Hafenstadt Brest, also den Wendepunkt seiner Reise, hat Rettberg bislang nur aus dem Augenwinkel gesehen. „Da möchte ich unbedingt nochmal hin“, sagt er. „Aber diesmal mit dem Auto.“

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