Rückenleiden

Bochum: Schmerzen durch „Corona-Stress“ und Homeoffice

Gerade in diesen Zeiten vergessen viele Berufstätige, dass manchmal schon leichte Übungen, die Muskulatur verbessern können. (Symbolbild)

Gerade in diesen Zeiten vergessen viele Berufstätige, dass manchmal schon leichte Übungen, die Muskulatur verbessern können. (Symbolbild)

Foto: Christin Klose / dpa

Bochum.  Stress, weniger Bewegung, falsche Haltung: Die Corona-Pandemie bringt schmerzliche Begleiterscheinungen mit sich. Zwei Ärztinnen berichten.

Höchst unterschiedlich verlaufen Covid-19-Erkrankungen – von unbemerkt bis tödlich. Mediziner beobachten Spätfolgen, Berichte über langwierige Regenerationen bei „offiziell Genesenen“ mehren sich. Auf Begleiterscheinungen durch das „Dauerthema Corona“ ohne Infektion macht Dr. Meike Diessner, Fachärztin für Physikalische und Rehabilitative Medizin, aufmerksam: „Schmerz und psychosoziale Stressbelastung sind ein untrennbares Team.“

Praxis ist häufig voll

Hochbetrieb herrsche in der „Praxis für Integrative Orthopädie“ im Viktoria Haus, die Dr. Diessner zusammen mit Dr. Alexander Rosenthal leitet. „Nach einem leichten Rückgang der Patientenzahlen zu Beginn der Corona-Krise im März ist es aktuell so voll wie kurz vor den Feiertagen im Winter. Auffällig ist, dass uns vermehrt Patienten konsultieren, deren Erkrankungen des Bewegungsapparates mit emotionalen Faktoren korrelieren.“ Beschwerden im Rücken-, Schulter-, Nacken- und Lendenbereich nehmen stark zu, sagt Dr. Diessner: „Man trägt die Last wortwörtlich auf dem Rücken. Viele leiden aktuell unter beruflichen und wirtschaftlichen Einschnitten. Im mittelständischen Bereich stehen ganze Existenzen auf dem Spiel.“

„Viele Menschen leiden“

So gehe es nicht mehr ausschließlich um körperliche Behandlungen: „Unsere Aufgabe ist es, die Patienten aufzufangen, auch mental, ihnen Sicherheit zu geben und zu vermitteln, dass es normale Vorgänge im Körper sind, unter denen aktuell viele Menschen leiden.“ Themen seien neuerdings auch die „Stärkung des Immunsystems und ernährungstechnische Fragen.“

Stressoren blocken Regeneration

Auf die psychischen Belastungen – Angst vor Ansteckung oder Übertragung, finanzielle Einbußen – reagiert der Körper über das vegetative Nervensystem: „Sind wir zu vielen ‚Stressoren‘ausgesetzt, kommt es zur vermehrten Ausschüttung von Stresshormonen wie Adrenalin oder Glutamat. Die ausgleichende Regeneration fehlt, was zu chronischem Stress führt.“ Das bedeutet: „Anspannung, Ängste oder Depressionen haben einen wesentlichen Einfluss auf unser vegetatives Nervensystem, den Muskeltonus und die Entstehung von Schmerz.

Durch Ausschüttung eines Stresshormon-Cocktails spannen Menschen mit emotionalen Belastungsfaktoren oft unbewusst eine Vielzahl von Muskeln an.“ Über „reihenweise“ Patienten, die aktuell vermehrt unter Rückenbeschwerden leiden, berichtet auch Dr. Aiga Pilchner von der Gemeinschaftspraxis „Orthopädie Bochum“ (Huestraße 18). „Patienten mit chronischen Rückenbeschwerden, die ihre Schmerzen seit Jahren durch sportliche Aktivität im Griff hatten, klagen aktuell über Verschlechterungen.“

Prävention ist wichtig

Yoga oder Rehasport könnten jedoch von vielen nicht mehr so ausgeführt werden, wie vor der Pandemie. Einige verzichten aus Vorsicht, da sie selbst zu Risikogruppen zählen, anderen fehlen Angebote und Möglichkeiten. Für Dr. Pilchner ergibt sich hieraus eine „interessante“ Beobachtung: „Das zeigt, wie wichtig Vorbeugung und Prävention sind, dass diese funktionieren. Durch die Corona-Pandemie haben wir leider zwangsläufig diesen Vergleich bekommen.“

Schlechte Haltung im Homeoffice

Eine zweite Ursache für steigende Rückenbeschwerden sieht die Fachärztin für Orthopädie im Homeoffice: „Um es bildlich auszudrücken: viele Patienten sitzen seit Monaten mit ihrem Laptop am Küchentisch oder haben ihn auf dem Schoß. Das führt zu verschiedensten Beschwerden im Bereich der gesamten Wirbelsäule, aber auch der Schultern, Ellenbogen und Handgelenke durch die unphysiologische Haltung. Nur Wenige haben auch zuhause höhenverstellbare Tische und ergonomische Stühle.“

Lediglich in den ersten drei Wochen der Pandemie sei das Patientenaufkommen auf rund 30 Prozent gefallen. „Jetzt sind wir fast wieder auf normalem Niveau und müssen erhebliche Stresserkrankungen durch den Lockdown – berufliche und gesundheitliche Angst, zunehmender Frust – feststellen.“

Ungünstige Kombination

Der Stress wirke sich in Verbindung mit der Fehlbelastung im Homeoffice und der fehlenden Bewegung negativ auf den gesamten Bewegungsapparat aus. „Besonders häufig sind nach unserer Beobachtung deshalb derzeit akute Beschwerden im Bereich der Hals- und Lendenwirbelsäule. Das ist der Grund, warum in unserer Praxis auch in Zeiten von Corona viele Patienten versorgt werden müssen.“

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