Friedhofs-Treff

Friedhofs-Treff in Werne weckt Lebensfreude unter Trauernden

Pfarrerin Gisela Estel (von links), Erika Schiefel, Annemarie Seifert, Karin Schäfer, Helmut Neumann, Brigitte Lebert und Helga Großmann bieten seit 15 Jahren auf private Initiative zweimal monatlich den „Treffpunkt“ an.

Pfarrerin Gisela Estel (von links), Erika Schiefel, Annemarie Seifert, Karin Schäfer, Helmut Neumann, Brigitte Lebert und Helga Großmann bieten seit 15 Jahren auf private Initiative zweimal monatlich den „Treffpunkt“ an.

Foto: Kerstin Buchwieser

Werne.   Seit 15 Jahren sorgt ein kleines Team in Werne für gute Stimmung unter Trauernden. An der Kaffeetafel bleibt für gedrückte Stimmung kein Platz.

Traurige Stimmung gibt es beim „Treffpunkt“ am städtischen Friedhof in Werne nicht: Etwa 30 Damen und auch immer mehr Herren treffen sich hier jeden zweiten Samstag, um den Verlust ihres Lebenspartners zu verarbeiten. Das Beisammensein tröstet und wirkt automatisch als Seelsorge. Die evangelische Pfarrerin Gisela Estel war von Beginn an Teil des Projektes: „Am Anfang haben wir versucht, aktive Trauerarbeit zu leisten, aber das wollten die Leute gar nicht. Sie wollen einfach zusammen und glücklich sein.“ Mittlerweile kommen nicht nur Witwen und Witwer, sondern auch immer mehr Ehepaare.

Hospiz unterstützt

Ins Leben gerufen wurde der „Treffpunkt“ unter anderem von Annemarie Seifert und Karin Schäfer. Dieses Jahr sind es 15 Jahre, in denen die beiden Frauen mit tatkräftiger Unterstützung durch Pfarrerin Estel und weiteren Helfern Kaffee ausschenken und belegte Brötchen sowie Kuchen in den Räumen links vor dem Eingang des Friedhofs verteilen. Durch diese private Initiative konnten bereits der Kinderhospizdienst Ruhrgebiet und das Hospiz St. Hildegard unterstützt werden.

Erste Anschaffung: 200 Gießkannen

Mit den ersten Einnahmen kauften Annemarie Seifert und ihre Unterstützer 200 Gießkannen für den Friedhof. In den Kammern, die zur Aufbahrung der Verstorbenen dienen, gibt es jetzt auch mehr Farbe: „Vorher sah es ein bisschen aus wie in einem sterilen Keller oder Krankenhaus. Durch die Einnahmen konnten wir die Kammern dekorieren – Kerzen und Blumen machen schon eine Menge aus“, findet Gisela Estel. All diese Errungenschaften und das Glück, durch gemeinsames Beisammensein neue Lebensfreude zu erlangen – das soll an diesem Tag beim 15. „Jubiläum“ der Privat-Initiative gefeiert werden.

„Es tut so gut, hier beisammen zu sein“

„Es ist eine tolle Runde“, findet die 77-jährige Brunhilde Fischer, die der 83-jährigen Ilse Pöppe soeben Fotos ihres neugeborenen dritten Ur-Enkels gezeigt hat. Die beiden Frauen sind durch den „Treffpunkt“ Freundinnen geworden. Ebenfalls seit sechs Jahren regelmäßig dabei ist Christa Scholle. „Mein Mann starb vor elf Jahren. Als ich vom ,Treffpunkt’ hörte, scheute ich zunächst, herzukommen. Heute bin ich froh, dass es diese Möglichkeit gibt. Es tut so gut, hier beisammen zu sein“.

Heute ist der letzte Samstag, an dem die Runde zusammen trifft – über den Sommer pausiert die Veranstaltung, bevor sie Ende September weitergeht. „Im Sommer halten sich alle draußen auf, gehen auf dem Friedhof spazieren und sitzen bei den Gräbern. Der Treffpunkt ist für die dunklen, einsamen Wintermonate gedacht“, so die 78-jährige Annemarie Seifert.

Räume werden eh kaum genutzt

Auch wenn den „Treffpunkt“ ein überwiegend fester Stamm von Damen und Herren besucht, kommen auch immer wieder neue Leute hinzu. „Wir sind froh, dass die Stadt uns die Räume zur Verfügung stellt. Aber sie werden auch sonst nicht wirklich genutzt, weil sie eigentlich für die Mitarbeiter des Friedhofs gedacht sind – es arbeiten auf dem Friedhof mittlerweile aber nur noch zwei bis drei Leute. Ziemlich wenig für die ganze Arbeit, die da ansteht“, so Seifert.

Projekt „Komm mal auf meine Bank“

Auch weitere Initiativen für Trauernde seien geplant, verrät Pfarrerin Estel. „Wir ziehen ein Projekt in Erwägung, dass man ,Komm mal auf meine Bank’ nennen könnte. Auf dem Friedhof sitzt ein Seelsorger auf der Bank und die Trauernden, die das Bedürfnis haben, zu reden, setzen sich zu ihm und können ihre Sorgen dort lassen.“

In der dunklen Jahreszeit gemeinsam Lebensenergie tanken

Nach Kaffee und Kuchen verteilen Annemarie Seifert und das „Treffpunkt“-Team Sektgläser. „Jetzt gibt es Champagner“, scherzt Helmut Neumann, der Hahn im Korb des Teams. Er sorgt bei jedem Treffen dafür, dass die Tische und Stühle stehen und deckt die Tische ein. Jeder hat seine Aufgabe. Gemeinsam sorgt das Team dafür, dass es den Leuten, die kommen, besser geht. Die Damen und Herren stoßen auf 15 Jahre „Treffpunkt“ an. Ende September, wenn sich die dunkle Jahreszeit ankündigt, treffen sie dann alle wieder aufeinander, um gemeinsam weitere Lebensenergie zu tanken.

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