Sterbebegleitung

Bochum: Intensivstation startet Projekt für einsam Sterbende

Auf der Intensivstation des Bochumer Knappschaftskrankenhauses sollen Patienten ohne Angehörige nicht allein ihre letzten Atemzüge tun.

Auf der Intensivstation des Bochumer Knappschaftskrankenhauses sollen Patienten ohne Angehörige nicht allein ihre letzten Atemzüge tun.

Foto: Daniel Reinhardt / dpa

Bochum.  Menschen sterben ganz allein – das ändern im Bochumer Knappschaftskrankenhaus nun Ehrenamtliche: vom Geschäftsführer bis zur Reinigungskraft.

Allein sterben – das ist für die meisten Menschen eine unerträgliche Vorstellung. Und doch liegen in Seniorenheimen und den Krankenhaus-Intensivstationen Menschen, die nie von Angehörigen oder Freunden besucht werden. Professor Michael Adamzik vom Bochumer Knappschaftskrankenhaus will das auf seiner Intensivstation ändern.

„Bei uns geht keiner allein“ heißt das Projekt, das der Direktor der Klinik für Anästhesiologie, Intensivmedizin und Schmerztherapie ins Leben gerufen hat. Sterbenskranken Menschen soll auf der Intensivstation ein würdevoller Sterbeprozess in einer ruhigen und stressfreien Umgebung ermöglicht werden. Kopfhörer drängen das Piepsen der Überwachungsgeräte in den Hintergrund – ehrenamtliche Sterbebegleiter die Einsamkeit.

„Ein Patient war ein halbes Jahr hier und wurde weder von Angehörigen besucht, noch hatte er sonstige Betreuung“, sagt Adamzik. „Er war wirklich auf seinen letzten Metern, dann habe ich gesagt ,Meine Güte, das geht nicht’, habe mich neben ihn gesetzt und ihn in den letzten Minuten begleitet“, sagt Adamzik, „Mir ist aufgefallen, dass das den Patienten enorm beruhigt und auch mir gut tut.“

Pfleger, Techniker und Geschäftsführer wollen einsame Patienten begleiten

Daraufhin stellte er seine Idee auf der Weihnachtsfeier des Krankenhauses vor: Freiwillige Mitarbeiter können sich in einen Online-Kalender eingetragen. Wenn dann ein einsamer Patient im Sterben liegt, wird der Mitarbeiter angerufen und kann dem Sterbenden in den letzen Minuten beistehen. „Alle haben spontan gesagt ,Wir machen mit’: Pfleger, Ärzte, Reinigungskräfte, Techniker und sogar unser Geschäftsführer“, sagt Adamzik.

Auch in der vergangene Woche kam der Kalender zum Einsatz: Auf der Liste stand Thomas Hilgenstöhler, stellvertretender Leiter der Intensivstation. „Am letzten Donnerstag hat sich schon im Frühdienst abgezeichnet, dass eine Dame ohne Familie wohl im Laufe des Tages versterben würde“, sagt Hilgenstöhler, „Ich habe mich dann nachmittags nach meiner Schicht an ihr Bett gesetzt, beruhigende Worte gesprochen und versucht, das Gefühl zu vermitteln, dass sie auf so einer Station nicht allein sein muss.“

Hilgenstöhler weiß aus 20 Jahren Intensivpflege: Ein Pfleger hat in seiner Schichte nicht die Zeit, sich für 20 Minuten ans Krankenbett zu setzen. „Das geht im Arbeitsalltag unter – insbesondere bei dem einsamen, stillen Patienten, der sich nicht artikuliert“, erklärt Hilgenstöhler, „Paradoxerweise sind die Pfleger eher im Patientenzimmer wenn Angehörige dabei sind, um diese zu begleiten und zu beruhigen.“

Thomas Hilgenstöhler ist sich sicher, dass die Einsamkeit in der Gesellschaft weiter zunimmt. „Auf das Jahr gerechnet sind es noch nicht so viele – aber es ist für jeden schade, der diese Welt allein verlassen muss“, sagt Hilgenstöhler.

„Intensivkälte“ soll durch das Projekt überwunden werden

Professor Michael Adamzik will mit dem Projekt die „Intensivkälte“ überwinden. „Auf der Intensivstation herrscht, auch durch die Gerätemedizin eine hohe Professionalität“, sagt Adamzik, „Wir wollen versuchen, mehr Empathie den Patienten entgegenzubringen, saloppe Sprüche zu lassen und problematische Diskussionen mit den Angehörigen nicht am Krankenbett zu führen.“

Für die ehrenamtliche Sterbebetreuung brauche man keine pflegerische Ausbildung. Freie Termine im Kalender könnten auch mit Ehrenamtlichen außerhalb des Krankenhauses gefüllt werden. Wen die Sterbebegleitung belaste, könne sich an die Krankenhaus-Seelsorger und Psychotherapeuten im Haus wenden.

Für Adamzik ist wichtig, dass die Begleitung einsamer Patienten durch Ehrenamtliche erfolgt: „Warum sollte es dafür eine Stelle geben? Das ist die gesellschaftliche Verantwortung von allen,“ so Adamzik, „Das schafft Bewusstsein, das sollen wir nicht abgeben.“ Kürzlich hätte sich ein Arzt im praktischen Jahr bei der Visite „ausgeklinkt“ und zu einem Todkranken ans Bett gesetzt. „Da habe ich gesagt, ,Mensch! Das wird ein ganz toller Arzt’“, sagt Adamzik.

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