Autobahnkirche an der A 40

Bochum: Epiphanias-Kirche im Bauhaus-Stil wird 90 Jahre alt

Im Juli 2010 im Kulturhauptstadt Jahr gab es das „Stilleben“ auf der A 40. Drei Monate zuvor war die Epiphanias-Kirche in Bochum-Hamme als Autobahnkirche eröffnet worden.

Im Juli 2010 im Kulturhauptstadt Jahr gab es das „Stilleben“ auf der A 40. Drei Monate zuvor war die Epiphanias-Kirche in Bochum-Hamme als Autobahnkirche eröffnet worden.

Foto: Epiphanias-Gemeinde

Bochum-Hamme.  Die Gemeinde gründete sich aus Protest gegen einen spielsüchtigen Pfarrer. Seit zehn Jahren ist die Kirche in Bochum-Hamme eine Autobahnkirche.

Seit 90 Jahren gibt es die Epiphanias-Kirche in Hamme, die überdies seit zehn Jahren Autobahnkirche ist. Dass sie überhaupt gebaut wurde, ist dem sogenannten Hammer Kirchenstreit zu verdanken: 1926 gab es nur eine evangelische Gemeinde im Ortsteil mit einem Pfarrer, der zwar als guter Prediger galt, aber zugleich die Frauen und die Spiele nach Auffassung vieler Gläubiger zu sehr liebte. Die meisten der gut 10.000 Gemeindemitglieder wandten sich ab und gründeten eine neue Gemeinde.

Der Bau in Bochum-Hamme dauerte nur wenige Monate

Diese Epiphanias-Gemeinde schloss sich 1928 der altlutherischen Kirche in Preußen an. Bald nach der Neugründung begann die Gemeinde mit dem Bau einer Kirche nach den Entwürfen des Architekten Wilhelm Tiefenbach aus Castrop-Rauxel. Ein Landwirt hatte den Baugrund gespendet. Der erste Spatenstich erfolgte laut Chronik im Mai 1929, das Richtfest im September desselben Jahres.

Der Bau dauerte, so weiß Niels Nabring (74) zu berichten, nur wenige Monate – das Kirchweihfest war am 2. Februar 2030. Nabring spielt seit 50 Jahren die Orgel, war lange Jahre Kirchenvorsteher und fungiert als stellvertretender Vorsitzender des Trägervereins für die Autobahnkirche. Seit 2004 steht hier eine Schuke-Orgel, die der Friedenskirche in Essen abgekauft worden war; über eine weitere Schuke-Orgel verfügt die Christuskirche in der Innenstadt.

Die Kirche entstand im Bauhaus-Stil und fügte sich optisch in die damals durch Industriebauten geprägten Umgebung ein. Seit 15 Jahren steht sie unter Denkmalschutz. Nabring: „Zum Glück hat das Gebäude den Zweiten Weltkrieg weitgehend unbeschadet überstanden. Auch die Glocken, gegossen im Bochumer Verein, blieben erhalten. Lediglich das Pfarrhaus wurde zerstört und das Dach in Mitleidenschaft gezogen.“ Weil die Amerikaner nach dem Krieg die Bevölkerung mit Care-Paketen versorgten, die in der Kirche an der Dorstener Straße verteilt wurden, gab der Volksmund der Kirche den Namen „Paketkirche“.

Saal dient Veranstaltungen im Stadtteil

Ihren heutigen Namen Epiphanias („Erscheinung“) bekam die Kirche Anfang der 50er Jahre. Sie hat die Besonderheit, dass der Gemeindesaal unter der Kirche (statt wie üblich in einem eigenen Gebäude) liegt und genauso groß ist wie das Gotteshaus. Der Saal wird sehr rege für Veranstaltungen im Stadtteil genutzt.

2010 war das Kulturhauptstadtjahr im Ruhrgebiet. Damals war Andreas Volke, Pastor aus Essen, zuständig für das kirchliche Programm dieses kulturellen Großereignisses. Dazu musste er täglich nach Dortmund fahren, weil dort alles koordiniert wurde. „Und jedesmal fragte er sich bei seinen Fahrten, was das wohl für eine Fabrik da in Bochum ist so nah an der Autobahn.“ Dann entdeckte er das Kreuz auf dem Turm und fuhr ab. Mit Pastor Karl-Heinz Gehrt nahm der Essener Kontakt auf und konnte ihn für seine Idee gewinnen, die Epiphanias-Kirche zur Autobahnkirche zu machen, der ersten im Ruhrgebiet und zur 34. bundesweit. „Doch ist sie die einzige mitten im Stadtgebiet“, betont Niels Nabring.

Trägerverein sorgt für die Finanzierung

Mit diesem Zusatztitel waren aber auch Auflagen verbunden. So muss eine Autobahnkirche zwölf Stunden am Tag offen sein, muss durchweg beheizt und beleuchtet werden. Um dies finanzieren zu können, gründete sich parallel der Trägerverein, dem sowohl die katholische Kirche als auch die evangelische Landeskirche angehören. Denn während die Epiphanias-Kirche der selbstständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche angehört, ist die Autobahnkirche ökumenisch. So gibt es im Kirchenraum auch eine Ikone der Orthodoxen Gemeinde.

Heute nutzen viele Menschen die Kirche; um zu beten, innezuhalten oder sich zu besinnen. „Komm zur Ruhe“: Diese drei Worte prangen an der Autobahnbrücke nahe zur Abfahrt Bochum-Hamme und finden sich auch an der Kirchenfassade wieder. „Keine andere Autobahnkirche findet sich so nah zur Autobahn“, sagt Niels Nabring. Wirkt das Gebäude von außen schlicht und geometrisch, öffnet sich dem Besucher im Inneren eine lichte Architektur mit farbigen Fenstern, die sich wie Stoffbahnen vor dem Altar herabziehen.

Anliegenbuch zeugt von den Nöten der Gläubigen

Einmal im Jahr, am ersten Sonntag im November, gibt es einen Gottesdienst für die Opfer des Straßenverkehrs. Als vor drei Jahren ein Kind an der Haltestelle direkt vor der Kirche von einer Straßenbahn erfasst worden war, ließen die Eltern eine Andacht in der Autobahnkirche halten.

Das sogenannte Anliegenbuch, das in der Kirche ausliegt, zeugt in vielen verschiedenen Sprachen von den Nöten der Menschen, die herkommen. Das Deutsche Bergbaumuseum hat die erste Sammlung dieser Inschriften in seinem Neubau ausgestellt.

Die Autobahnkirche Ruhr erhält keinerlei staatliche oder kirchliche Zuschüsse. Die zusätzlichen Kosten kommen vom Trägerverein. Der würde sich über neue Mitglieder freuen: Der Jahresbeitrag liegt bei 24 Euro (Familien: 36 Euro). Kontakt: niels_nabring@web.de .

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