Bergbau-Kultur

Bergbau-Museum Bochum bietet Grubenalltag zum Anfassen

Im Schaubergwerk unter dem Bergbau-Museum in Bochum lässt Ex-Kumpel Willi Fockenberg (hinten links) seine Besucher die originalen, schweren Steinbohrer ausprobieren.

Im Schaubergwerk unter dem Bergbau-Museum in Bochum lässt Ex-Kumpel Willi Fockenberg (hinten links) seine Besucher die originalen, schweren Steinbohrer ausprobieren.

Foto: André Hirtz / FUNKE Foto Services

Bochum.  Ein Bergbau-Arbeitstag zum Nacherleben – damit lockt das Deutsche Bergbau-Museum in Bochum seine Besucher unter Tage, fast wie vor Corona.

Schritt für Schritt geht es tiefer in den Stollen, weg vom Schacht. „Sie merken, es wird immer kleiner, schmutziger und wärmer, je weiter wir uns vom Einstieg entfernen“, sagt Willi Fockenberg, der vorweg läuft. Er weiß, wovon er redet. Der Zuständige für die Instandhaltung des Schaubergwerks im Deutschen Bergbau-Museum Bochum war selbst einmal Bergmann. „Ich vermittle hier auch etwas über meinen Berufsstand“, erklärt er.

Seit Ende 2018 ist der deutsche Steinkohlebergbau Geschichte, doch Anschauungsbergwerke wie dieses, 17 Meter unter dem Bergbau-Museum, machen die Welt unter Tage erlebbar, auch wenn an dieser Stelle nie abgebaut wurde. Wie sich einst die Morgenschicht auf den weiten Weg zu ihrem unterirdischen Arbeitsplatz machte, durchläuft auch die kleine Besuchergruppe das 1,2 Kilometer große unterirdische Streckennetz.

Bergbau-Experte führt an 306 Millionen Jahre alten Brocken vorbei

„Ein dreistöckiger Aufzug brachte 100 Kumpel in zwei Minuten runter“, sagt der 55-Jährige und führt vorbei an Grubenfahrrädern, 306 Millionen Jahre alten Steinkohlebrocken, Tunnelfräsern. An einer Grubenlok mit kleinen gelben Personenwagen macht er Halt. „Arbeiter mussten hinten sitzen. Vorarbeiter und Steiger durften in den Vorderwagen, denn der ist seltener entgleist“, erklärt Fockenberg vom Bergbau-Museum, „Die Lorenfahrt nutzten sie zum Dubbeln, zum Frühstücken.“ Wenn sie nicht gerade zu Fuß unterwegs waren.

Gerade will der Experte die Gruppe um eine Ecke führen, da zerreißt ein Poltern die Luft. Die Besucher zucken zusammen, fassen sich ans Herz, als der Motor eines Bohrwagens durch den Stollen dröhnt. „Bei der Lautstärke mussten die Bergleute den ganzen Tag arbeiten“, brüllt Fockenberg über den Lärm hinweg.

Technik, Sprichwörter und Anekdoten

1982 begann er seine Lehre als Bergmechaniker. Die Risiken unter Tage hat der Ex-Kumpel noch am eigenen Leibe erlebt, berichtet Fockenberg vom Bochumer Bergbau-Museum während er neben einem druckluftbetriebenen Bohrwagen zum Stehen kommt, den er früher selbst im Streckenvortrieb nutzte. Einmal geriet ein Kollege unter eine Walze und starb. Ein anderes Mal traf ihn ein Steinbrocken am Kopf.

Doch nicht nur die Gefahr durch herabfallendes Gestein machte den Abbau zum Risikoberuf.

Der durch Bohr- und Sprengarbeiten entstehende Staub wurde vielen Kumpeln zum Verhängnis. „Eingeatmete Quarz-Kristalle ,versteinerten’ die Lunge des Bergmanns“, erklärt Fockenberg. „Sein Lungenvolumen nahm ab, er konnte kaum mehr Treppen steigen.“ Um überhaupt noch am Leben teilzuhaben, hätten Arbeiter zuhause oft mit einem Kissen am geöffneten Fenster gesessen. „Wenn einer dann starb, war er ‘weg vom Fenster’. Daher kommt das Sprichwort“, erklärt er.

Guide im Bergbaumuseum berichtet von typischen Bergarbeiterkrankheiten

Einen Gang weiter dürfen die Bergwerk-Besucher, auch die jüngsten, die schweren, laut knatternden Steinbohrer ausprobieren. Ein Gast nimmt die Maschine in die Hände, die ähnlich einem Maschinengewehr starken Rückstoß hat. „Die Arbeit damit war für die Unterarme extrem belastend“, so der Ex-Kumpel.

Neben persönlichen Anekdoten und technischem Fachwissen erwähnt Willi Fockenberg auch traurige Tatsachen: Gegen Ende der Führung deutet er auf einen Stollen, in dem das wiehernde Pferdemodell „Tobias“ steht. „Um die Grubenpferde kümmerten sich die jüngsten Arbeiter. Die Pferde wurden besser versorgt als die Bergleute,“ sagt er. Dann führt er die Gruppe Schritt für Schritt wieder ins Tageslicht.

Bergbau-Museum Bochum: Hier sind alle Infos

  • Deutsches Bergbau-Museum Bochum, Am Bergbaumuseum 28 in 44791 Bochum
  • Das Bergwerk ist nur per Führung zu max. acht Besuchern betretbar (Dienstag bis Sonntag, Führungsbeginn je um 11, 12, 13 oder 14 Uhr)
  • Aufgrund der Corona-Abstandsregelungen kann der Seilfahrtsimulator-Aufzug derzeit nicht verwendet werden, daher ist die Führung aktuell nicht barrierefrei
  • Anmeldung: telefonisch an 0234 5877-220 oder per Mail an service@bergbaumuseum.de
  • Kosten: Eintritt nach dem Pay-what-you-want-Prinzip für die Ausstellungen im Bergbaumuseum Bochum + 3 € für die Führung unter Tage

Bergbauführungen in der Region: Hier geht es ebenfalls unter Tage

Trainingsbergwerk Recklinghausen

In Recklinghausen können Besucher mit einer „Schnupper-“, „Erlebnis-“ oder „Aktivführung“ auf die Spuren der Kumpel gehen.

Trainingsbergwerk, Wanner Str. 30, Recklinghausen. Anmeldung: info@trainingsbergwerk.de, 02361/3038910, www.trainingsbergwerk.de

Schnupperschicht im Bergwerk Dortmund

Ins Bergwerk Graf Wittekind geht’s auch als Helfer: ohne Platzangst, dafür mit alten Klamotten.

Besucherbergwerk Graf Wittekind in Dortmund-Syburg. Schnupperschicht Sa 8.30 Uhr. Anmeldung/Anfahrt: info@besucherbergwerk-dortmund.de, 02 31/71 36 96, www.bergbauhistorie.ruhr/

UNESCO-Welterbe Zeche Zollverein

Zeche Zollverein – der „Eiffelturm des Ruhrgebietes“ gilt als Aushängeschild der Bergbaukultur im Revier. Das Welterbe bietet Besuchern Museen, Führungen, Events und außerhalb von Corona sogar ein „Werksschwimmbad“.

Gelände gratis. Einzelpreise: www.zollverein.de

Grubentour im Bergwerk Bestwig

Fünfmal täglich bringt die Grubenbahn Sauerländer Besucher unter Tage.

Sauerländer Besucherbergwerk Ramsbeck, Glück-Auf-Str. 3, Bestwig-Ramsbeck, Anmeldung: info@sauerlaender-besucherbergwerk.de, 02905-250. Preise/ Infos: www.besucherbergwerk.eu/

Bergwerk Zeche Nachtigall in Witten

Ausgerüstet mit Helm und Grubenlampe geht es an der Zeche Nachtigall in Witten unter Tage: Di-So per Führung max. zu fünft.

Zeche Nachtigall, Nachtigallstr. 35, Witten. Anmeldung: 02302/93664-26, Infos: www.lwl.org/industriemuseum/standorte/zeche-nachtigall

Sprockhövels Tiefen durchwaten

Mit hohen Gummistiefeln lässt sich das Forschungs- und Besucherbergwerk im Stock und Scherenberger Erbstollen erkunden.

Forschungs- und Besucherbergwerk Stock und Scherenberger Erbstollen Sprockhövel, Anmeldung/ Anfahrt: 02324/569287-0, www.stockundscherenberg.de

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