„Es war ein ekelhaftes Gefühl. Doch gleichzeitig ist man überwältigt von dem superkrassen Vertrauen, das die Leute einem entgegenbringen. Und man bekommt Ehrfurcht vor der unglaublichen Stärke dieser Menschen.“

Nicole Sievert ist Teil des Foto-Kollektivs „World Unlimited“ und hat im Mai 2016 am Rande eines Türkei-Aufenthalts das Flüchtlingslager Idomeni an der griechisch-mazedonischen Grenze besucht. Ihre Eindrücke hat sie mit Kollegen fotografisch festgehalten; die bewegenden Bilder sind jetzt im Kulturbistro Neuland zu sehen.

Das Thema Flucht aus Sicht von Künstlern

Das Neuland, die Goldkante, das Eiscafé Kugelpudel, das Atelier Automatique und das Alsenwohnzimmer: Diese fünf Lokale widmen sich dem „Blick ins Ungewisse“, einer künstlerischen Auseinandersetzung mit dem Thema Flucht. Veranstaltet wird die Aktion von der Kulturfabrik Bochum, die sich 2016 gegründet hat.

Alex Porten hat seine Auswahl realer und fiktiver Portraits von jungen Geflüchteten „Übermorgen weiblich“ genannt. Die Portraits sind stark verfremdet, die Abgebildeten fixieren den Betrachter gleichsam; ihr Blick wirkt nackt, schonungslos und verletzlich. Eine Wand weiter hängt ein großformatiges Bild, das bekannt vorkommt. Porten hat Caravaggios „Paradise Lost“ bearbeitet. Eine passende Wahl zum Thema. Die Bilder sind in der Goldkante zu sehen. Verlorenes Paradies, naja. Syrien, Afghanistan, Irak – das sind sicherlich keine Paradiese, zumindest derzeit nicht. Einem Paradies will man wahrscheinlich nicht entkommen. Aber es ist dennoch stimmig, was die Kulturfabrik sich ausgedacht hat.

Holzverschlag als „Duldungsmühle“

Unter einem Bild im Neuland wird Abdelilah aus Syrien zitiert, der 2016 in Idomeni war. „Ich hätte in Syrien bleiben sollen. Dort wäre ich einmal gestorben – hier sterbe ich jeden Tag.“

In ihrer Installation Duldungsmühle befasst sich Künstlerin Carina Hommel mit dem Thema Duldung in Deutschland, zu sehen zeigt in der Eisdiele Kugelpudel.
In ihrer Installation Duldungsmühle befasst sich Künstlerin Carina Hommel mit dem Thema Duldung in Deutschland, zu sehen zeigt in der Eisdiele Kugelpudel.

Im Kugelpudel steht Carina Hommels „Duldungsmühle“, ein heller, grob zusammengezimmerter Holzverschlag. Wer ihn betritt, sieht einen großen Bildschirm, der auffordert: „Stempel drücken!“ Drückt man auf den Stempel mit der Aufschrift „Duldung“, umrahmt von einem Bundesadler, erscheint auf dem Schirm ein junger Mann. Er sagt: „Ich bin in Deutschland geboren. Meine Eltern sind libanesische Kurden. Ich habe bis heute keinen deutschen Pass.“ Weitere Bilder zeigen Alltagssituationen in Ländern des Orients; auch sie sind beeindruckend. An einer Wand klebt ein Spruch: „Refugees welcome“ (Flüchtlinge willkommen). Aber der klebt immer da.

>> WO DIE AUSSTELLUNG ZU SEHEN IST

Die Ausstellung ist noch bis zum 10. Februar zu sehen, im Atelier Automatique endet sie indes schon am 4. Februar. Ausgerichtet wird sie von der Kulturfabrik Bochum (www.kulturfabrik-bochum.org).

Stationen sind: Lokal Neuland, Rottstraße 15; Eisdiele Kugelpudel, Dorstener Straße 1; Gaststätte Goldkante, Alte Hattinger Straße 22; das Alsenwohnzimmer, Alsenstraße 27, und Atelier Automatique an der Rottstraße 14.