Premiere

„Angst essen Seele auf“ am Prinz-Regent wirkt unentschlossen

Hinreißend: Linus Ebner und Doris Plenert (rechts) als Ali und Emmi in „Angst essen Seele auf“. Anne Hoffmann und Maximilian Strestik, die alle übrigen Rollen spielen, müssen außerdem ein Moderatoren-Paar geben

Foto: Sandra Schuck

Hinreißend: Linus Ebner und Doris Plenert (rechts) als Ali und Emmi in „Angst essen Seele auf“. Anne Hoffmann und Maximilian Strestik, die alle übrigen Rollen spielen, müssen außerdem ein Moderatoren-Paar geben Foto: Sandra Schuck

bochum.   Regisseurin Romy Schmidt gelingt am Prinz-Regent-Theater eine feine Hommage an den Fassbinder-Film. Nur die alberne Rahmenhandlung nervt.

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Ist es eine tiefe Verbeugung vor dem legendären Fassbinder-Film oder eine halbgare Comedy-Show? So richtig scheint sich Regisseurin Romy Schmidt nicht entscheiden zu können. Als letzte Premiere in dieser Spielzeit bringt sie „Angst essen Seele auf“ im Prinz-Regent-Theater auf die Bühne, und nach zwei Stunden und einem herzlichen Schlussapplaus lässt sich festhalten: Die Aufführung kann sich auf ein hervorragendes Ensemble verlassen, das jeden Beifall verdient, wirkt aber auch unentschlossen und irrlichtert umher.

Dabei: Die Vorlage ist klug gewählt. Denn Rainer Werner Fassbinder beschrieb in seinem Film aus dem Jahr 1974 einen Konflikt, der heute genauso aktuell ist wie damals. Emmi, eine verwitwete Putzfrau jenseits der 60, verliebt sich in einer Bar in den 30 Jahre jüngeren Ali, einen marokkanischen Gastarbeiter von äußerst höflicher Gestalt.

Während Emmi die zarten Gefühle, die sie für den jungen Nordafrikaner empfindet, völlig überwältigen, beäugen die Nachbarn und ihre Familie die Beziehung kritisch und zeigen offene Abneigung gegenüber dem Fremdling. Der Tratsch im Treppenhaus nimmt beklemmende Züge an.

Zuschauer sitzen in einer Art Show-Revue

Ob Romy Schmidt dieser zeitlos starken Geschichte nicht so ganz vertraut hat? Statt den Fokus auf Fassbinders Vorlage zu legen, erweitert sie ihre Aufführung um eine weitere Spielhandlung. Vor großen Spiegelwänden und einem glitzernden Vorhang (Bühne: Sandra Schuck) sitzen die Zuschauer nämlich in einer Art Show-Revue, die von zwei Moderatoren (Anne Hoffmann und Maximilian Strestik) geleitet wird. Unentwegt bahnen sich die beiden den Weg durch die Reihen und löchern die Zuschauer mit Gaga-Fragen wie „Wohin fahren Sie in den Urlaub?“ oder „Haben Sie zu Hause eine Bohrmaschine?“. Dazu singt Wolfgang Petry tatsächlich „Hölle, Hölle, Hölle...“.

Für ihren oftmals überbordenden Einfallsreichtum wird die Regisseurin geschätzt, die gewitzte Romy-Schmidt-Ideenmaschine ist ein Markenzeichen ihrer Theaterleitung geworden. Doch was bei „Die Verwandlung“ und zuletzt bei „Die Schöne und das Biest“ bestens funktionierte, wirkt diesmal seltsam deplatziert. Und viel schlimmer: Die alberne Show bremst die Handlung und den Fluss der Aufführung erheblich.

Fans des Films erkennen viel wieder

Doch immer wenn auf der Bühne der sprichwörtliche Schalter umgelegt wird (ohne Quatsch: Man hört ihn wirklich!) und endlich Fassbinders Stück wieder Fahrt aufnimmt, entdeckt man staunend, was für eine wundervolle, fein gesponnene Inszenierung Romy Schmidt hier geglückt ist.

Fans des Films erkennen viel wieder: die schillernden Nebenfiguren von der Nachbarin bis zum depperten Schwiegersohn Eugen (damals von Fassbinder selber gespielt) und das 70er-Jahre-Ambiente mit heute kurios klingenden Kneipenpreisen (neun Bier = 10,80 Mark). Sogar Vico Torrianis „Du schwarzer Zigeuner“ erlebt feierliche Wiedererstehung.

Schauspielerin Doris Plenert vollbringt sogar das Kunststück, leichtfüßig in die immensen Fußstapfen von Brigitte Mira zu treten, die die Rolle in dem Film unvergesslich ausfüllte (am Rande: Mira und Fassbinder lernten sich 1972 am Schauspielhaus kennen). Plenert gibt ihrer Emmi etwas mehr Kante und Schärfe als Mira es tat, überzeugt aber auch in stilleren Momenten.

Anrührendes, zärtliches Spiel

Die Idee, den Gastarbeiter Ali von einem deutschen Darsteller spielen zu lassen, irritiert zunächst, ist aber klug durchdacht. Der adrette und vor allem sehr blonde Linus Ebner gibt den Ali stilsicher, zurückhaltend und mit viel Würde. Alis Zusammenbruch im zweiten Teil gelingt ihm bemerkenswert. Überhaupt: Die beiden sind auf der Bühne ein hinreißendes Paar, ihr Spiel ist emotional, zärtlich und rührend anzuschauen.

>>>> Prinz-Regent-Theater mischt bei BO-Biennale mit

Die nächsten Vorstellungen von „Angst essen Seele auf“ am 20. und 21. Juni sowie am 1. und 2. Juli jeweils um 19.30 Uhr. Am 20. Juni ist ein Inszenierungsgespräch geplant. Karten (16, erm. 8 Euro) unter 0234 / 77 11 17 oder info@prinzregenttheater.de.

Bei der BO-Biennale, dem großen Festival der freien Szene, ist das PRT mit dabei. Beim Open-Air-Tag auf dem Springorum-Radweg am 15. Juni ist die „Prinz-Bar“ ab 12 Uhr geöffnet. Die Vorstellung von „Bilder deiner großen Liebe“ beginnt um 18 Uhr.

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