Wohnen

Demonstranten nehmen Bochums Wohnungsunternehmen in Blick

Mit Einkaufswagen und Papphäusern sind Demonstranten durch die Innenstadt von Bochum gezogen. Am „Housing Action Day“ haben sie er für bezahlbaren Wohnraum demonstriert.

Mit Einkaufswagen und Papphäusern sind Demonstranten durch die Innenstadt von Bochum gezogen. Am „Housing Action Day“ haben sie er für bezahlbaren Wohnraum demonstriert.

Foto: Dietmar Wäsche / FUNKE Foto Services

Bochum.  Mieterverein und Netzwerk „Stadt für Alle“ fordern am bundesweiten „Housing Action Day“ niedrigere Mieten und Gemeinwohlorientierung.

Sie schieben Einkaufswagen durch die Bochumer Innenstadt, in denen sich bunte Häuser aus Pappmaché und Plakate mit Aufschriften wie „Wohnraum ist keine Ware“ oder „Wohnungen für Menschen statt für Profite“ befinden: Mit ihren rollenden Gefährten sorgen die Demonstranten am „Housing Action Day“ zumindest schon einmal für den Mindestabstand von 1,50 Metern.

In Bochum schließen sich der Mieterverein und das Netzwerk „Stadt für Alle“ damit dem bundesweiten Aktionstag an, bei dem europaweit Menschen für eine „solidarische Stadtentwicklung und menschenwürdige Wohnverhältnisse“ auf die Straße gehen. Stattfinden sollte der eigentlich am 28. März, die Coronakrise machte eine Verschiebung notwendig.

Vor fast drei Monaten hätten die Aktivisten auf ihrem Weg vom Rathaus über den Dr. Ruhr-Platz bis zum Bahnhof angesichts leerer Innenstädte wohl auch deutlich weniger Aufmerksamkeit gefunden. Nun, im Juni ist die Innenstadt samstagmittags wieder gut gefüllt, klappernde Einkaufswagen und laute Forderungen sorgen immerhin für das Gehör von Eis essenden Passanten und sommerlich gekleideten Fußgängern.

Umbau der städtischen Wohnungsgesellschaft

„Eigentlich gilt Bochum nicht als Hotspot der angespannten Wohnungsmärkte: Aber auch hier steigen die Mieten seit zehn Jahren, der Quadratmeterpreis liegt mittlerweile im Schnitt bei 6,07 Euro!“, ärgert sich Aichard Hoffmann, Sprecher des Mietervereins. Das sei, verglichen mit den sonstigen Lebenshaltungskosten, der doppelte Anstieg. „In Bochum fehlen 25.000 Wohnungen, die sich Menschen mit geringem Einkommen leisten können“, so Hoffmann weiter.

Der Bestand an Sozialwohnungen sei massiv gesunken, während durch aktuelle Neubau-Projekte im höheren Preissegment das Mietpreisniveau weiter steige. Die Devise der Aktivisten – ganz Corona-getreu: „Shutdown Mietenwahnsinn!“. Die Situation erfordere zwar vor allem Änderungen auf Bundes- und Landesebene, für Rainer Midlaszewski vom Netzwerk „Stadt für Alle“ muss aber auch lokal gehandelt werden: „Die VBW Bauen und Wohnen GmbH muss zu einem gemeinwohlorientierten Unternehmen umgebaut werden“, sagt er.

Die VBW sei der größte Wohnungsanbieter in Bochum und gehöre zu 80 Prozent der Stadt. „Aktuell ist die VBW auf Profitmaximierung ausgelegt und zahlt Millionen an ihre Anteilseigner aus – vor allem an die Stadt und an die Vonovia“, sagt Midlaszewski. Würde die vom Stadtrat beschlossene, jährliche Auszahlung in Höhe von drei Millionen Euro nicht an die Anteilseigner ausgeschüttet werden, könnten die VBW-Mieten um 50 Cent pro Quadratmeter und damit etwa 400 Euro im Jahr fallen, rechnen die Demonstranten vor. Das komme auch dem Bochumer Mietspiegel zugute, denn andere Vermieter könnten die Miete dann nicht mehr so stark erhöhen. Aktuell nutze die VBW jede Änderung im Mietspiegel für größtmögliche Mieterhöhungen im Bestand, meinen die Demonstranten.

Verschärfung durch Corona

„Dennoch erwirtschaftete Gewinne sollen in neue, günstige Wohnungen und in den Bestand investiert werden“, wünscht sich Rebecca Sirsch. Zu den Forderungen in Bezug auf die VBW gehören außerdem die Einführung von Mietervertretungen und Mieterräten, die die Interessen der Mieter vertreten und sie in die Gestaltung ihres Lebensumfeldes einbeziehen. Mit ihren Forderungen adressieren die Aktivisten vor allem den Bochumer Stadtrat: „Die Bochumer Politik hat in allen Gremien der VBW die notwendige Mehrheit, um eine Umstrukturierung durchzusetzen“, schreiben die Demonstranten auf ihrem Flugblatt.

Doch es gibt noch weitere Themen: „Neben der VBW machen wir uns heute auch für die dezentrale

Unterbringung von Geflüchteten und Wohnungslosen stark“, sagt Sirsch weiter. Denn die Situation in Not- und Sammelunterkünften sei nicht hinnehmbar, in anderen Kommunen seien bereits Ausbrüche des Coronavirus gemeldet worden. Doris Betsch betont: „Sicherer Wohnraum ist durch die Coronakrise noch wichtiger geworden, denn die Krise verschärft für viele Menschen finanzielle Not.“ Zwar könne man Mietzahlungen aussetzen, diese müssten aber später zurückgezahlt werden – dann fielen unter Umständen Zinsen an.

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