Schule

Abschied vom Gymnasium am Ostring mit Werner Schulz in Bochum

Das Lehrerzimmer vom Gymnasium am Ostwall in Bochum: Nur die Einbauschränke sind geblieben. Foto: Monika Kirsch

Das Lehrerzimmer vom Gymnasium am Ostwall in Bochum: Nur die Einbauschränke sind geblieben. Foto: Monika Kirsch

Foto: WAZ FotoPool

Bochum.   Ein letzter Rundgang durch das leergeräumte Traditions-Schulgebäude des Gymnasiums am Ostring hat einen überraschend wenig sentimentalen Beiklang.

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In einem schmalen Raum im Verwaltungstrakt hat jemand einen leeren Pizza-Karton an die Wand genagelt. Darunter hängt eine wilde Collage ganz unterschiedlicher Utensilien. Drei Zimmer weiter stehen im Schulleiterzimmer die Original-60er-Jahre Holzeinbauschränke offen, leer und sinnentleert. Schulleiter und Stellvertreter durften, wie so üblich, ihre Hände in ihren ganz persönlichen (Einbau-)Waschbecken benetzen.

Werner Schulz ist gekommen, der letzte Schulleiter des Gymnasiums am Ostring (2000 - 2010). Bei diesem Abschieds-Rundgang dabei ist Michael Bienias, Hausmeister, der die kleinen Geheimnisse seines Kabäuschens in der ehemaligen Pausenhalle erklärt. Das kreisrunde Loch im Nebenzimmer ist nicht etwa ein Spion zu Schülerbeobachtung. Nein, dort ratterte früher ein Ventilator, um die Luft zum Zirkulieren zu bringen. Der Zigarettenrauch der Handwerker, die sich hier in ihrer Pause bei Kaffee mit dem Hausmeister zurückzogen.

Die letzten Abiturienten haben das Gebäude verlassen

Gekommen an diesem sonnigen Montag ist Schulverwaltungsamtsleiter Ulrich Wicking, den manche in der monatelangen Auseinandersetzung um die Schließung/Zusammenlegung der Schule mit etlichen wenig schmeichelhaften Titeln versehen hatten, wobei das Wort „Totengräber“ noch die harmloseste Bezeichnung war.

Der Strom ist abgestellt, die letzten Abiturienten haben das Gebäude verlassen: Stühle, Pulte, brauchbare Tafeln, die naturwissenschaftliche Sammlung, das Archiv, Computer und was sonst noch alles beweglich ist an einem Gymnasiums ausmacht, sind verstreut in alle Winde. Feuerlöscher, ein ganzer Haufen davon, liegen in der Pausenhalle aufgestapelt, wohin ihre Reise geht, ist ungewiss. Niemand hat eine Verwendung für die Dutzenden Schlüssel, Lehrertoilette, Stufenraum, Klassenräume, Heizungskeller. Hausmeister Michael Bienias: „Am meisten Probleme hatten wir zum Schluss mit den Toiletten. Die waren dauernd verstopft.“ Manchmal schlugen frustrierte Schüler schon mal die Keramik in tausend Stücke.

"Das Kollegium war toll"

Im hellen Lehrerzimmer erinnert sich Wicking: „Hier saß ich vor der Schulkonferenz als es um die Schließung ging.“ Wicking, der – wie sich in der Stadt längst herumgesprochen hat – selbst Ostringschüler war, erinnert sich an einen Raum, „wo wir manchmal vor schweren Arbeiten lieber aus dem Fenster hinaus die Flucht ergriffen haben“. Heute geht das nicht mehr, denn das Fenster ist zugemauert. Draußen prangt das schwere Bronze-Relief mit dem Porträt des Lehrers und Stadthistorikers Franz Darpe an der Fassade.

Als Höhere Bürgerschule begann der Schulbetrieb am 4. Oktober 1860. 51 Schüler in zwei Klassen wurden von zwei Lehrern unterrichtet. In den 1980 zeigt der Ostring Stärke: Mehr als 130 Lehrer unterrichteten rund 1300 Schülerinnen und Schüler. Zuletzt waren es deutlich weniger, mit einem Kollegium von rund 50 Pädagogen. Ob er jetzt sentimental werde, beim letzten Gang durch seine alte Wirkungsstätte? Oberstudiendirektor Werner Schulz hält kurz inne: „Nein, sentimental wegen des Gebäudes bin ich nicht. Aber das Kollegium, das war toll, das vermisse ich schon sehr.“

Michael Bienias schließt ab, mit dem einzigen Schlüssel, den er noch benötigt. Kaum zum letzten Mal, denn die Bauleute kommen auch durch diese Glastür. Schon bald.

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