Baustelle

Abriss des alten Justizzentrums in Bochum schreitet voran

Aluminiumberge im Innenhof landen im Container. Etwa 30 unterschiedliche Fraktionen werden auf der Baustelle getrennt.

Aluminiumberge im Innenhof landen im Container. Etwa 30 unterschiedliche Fraktionen werden auf der Baustelle getrennt.

Foto: Gero Helm

Bochum.   Der Abriss des alten Justizzentrums in Bochum läuft seit Wochen. Bevor das Gebäude dem Erdboden gleich gemacht wird, gibt es noch viel zu tun.

„Rrrummms.“ Wie ein Donnerhall tönt es aus dem Hintergrund, unwillkürlich schnellt der Kopf herum. Ein Blick in Richtung hinterster Innenhof des alten Justizzentrums und schon ist klar, woher der laute Knall rührt. Soeben hat der Greifarm eines Baggers einen ordentlichen Batzen Aluminium in einen Container fallen lassen. Und das scheppert gewaltig.

Es sind seit einigen Tagen vertraute Geräusche für die Anwohner der Junggesellenstraße, in deren Richtung der Schall als Folge aller rabiaten Klopf-, Brech- und Abreißbewegungen aus dem Hof des Komplexes herüber hallt. „Abbruch ist ein grobes Geschäft“, sagt Baustellenleiter Magnus Konrad. Und ergänzt: „Aber eigentlich geht es nicht um Abbruch. Wir betreiben kontrollierten Rückbau.“

41.000 Tonnen Stein und Beton

Vor vier Wochen hat die Moß Abbruch-Erdbau-Recycling GmbH mit dem Abriss des Justizzentrums begonnen. 41.000 Tonnen Stein und Beton wird sie brechen. 177.000 Kubikmeter umbauten Raum verschwinden lassen.

Später. „Erst einmal wird alles entkernt und werden die Altlasten aus den Gebäuden geholt“, sagt der Bauleiter, blickt gemeinsam mit seinem Besucher in die Runde und zieht genüsslich an seinem Zigarillo. Auf geht’s zur Besichtigung einer Baustelle, an der erst einmal nicht gebaut, sondern abgerissen wird.

Vorbei an Containern

Vorbei geht es an Containern und Kisten: für Holz, für Glas, für Neonröhren, für Aluminium, für was auch immer. „Wir haben etwa 30 Fraktionen, die wir trennen“, erklärt Konrad. Dazu gehören Altlasten. Säckeweise liegen sie auf dem Hof und in den Fluren und warten darauf, abtransportiert zu werden.

Erst wenn alle belasteten Stoffe raus sind – Asbest, Mineralfasern und Materialien, die bei den Voruntersuchung vielleicht noch gar nicht bemerkt worden sind. „Bei einem Altbau gibt es immer Überraschungen. Da weiß man nie“, sagt Konrad. Erst einmal werden alle Stoffe säuberlich getrennt, ehe es dem Gebäude an den Kragen geht. Und das wird noch einige Zeit dauern.

Das Amtsgericht soll als erstes fallen

Die Reihenfolge des Abrisses steht. Erst wird das Amtsgericht fallen – von innen heraus sozusagen, ehe der Riegelbau zum Husemannplatz dem Erdboden gleich gemacht wird. Danach folgt das Landgericht mit seinem markanten, 55 Meter hohen Haupthaus – immerhin noch das achthöchste Gebäude der Stadt. Ende des Jahres soll alles dem Erdboden gleich gemacht sein.

Wir lassen den Hauptgang am Husemannplatz hinter uns und tauchen ein in die schier endlosen Gänge mit den kargen Betonwänden. Es ist still in diesem Teil. Fast so still und so bedrückend wie später beim Blick in einige der fast 70 Zellen, in denen die aus den Gefängnissen hergebrachten Angeklagten früher die Zeit zwischen Ankunft im Justizzentrum und Verhandlung verbrachten.

Endlose Gänge mit kargen Wänden

Buchstäblich finster sieht es aus in dem engen, durch Gitter zweigeteilten Aufzug, mit dem die Angeklagten zu den Verhandlungsräumen in den oberen Geschossen gebracht wurden. Schleichweg für Angeklagte und Bewacher.

Und dann geht es hinauf in die Säle. Was haben diese Wände nicht alles gehört? Dreiste Lügen, kleinlaute Geständnisse, wütende Anklagen. Wer ist nicht alles über die Flure gestrichen und hat in den Sälen gesessen? Richter, Rechtsanwälte, Angeklagte – kleine Ganoven und große Verbrecher ebenso wie zu Unrecht Beschuldigte, Justizbeamte und natürlich Zuschauer.

Nur noch nackter Beton

Viele von ihnen sind zum sogenannten Arztgattin-Prozess gepilgert, haben Tag für Tag auf der Besuchertribüne den Prozess verfolgt. Heute ist der Raum leer. Richtig leer. Der Richtertisch ist ebenso schon verschwunden wie das Podest, auf dem er stand. Der Boden ist bis auf den nackten Beton herausgerissen, der abgehängte Decke samt Lampen geht es demnächst an den Kragen. Alles muss raus.

Gutachter wachen über Ausführung

Und damit ja ordentlich getrennt wird und vor dem Abbruch alle verwertbaren und alle gefährlichen Stoffe sauber getrennt und raus sind, haben Schadstoff-Gutachter immer ein Auge auf der Baustelle.

„Die Fremdfirma, die wir als Generalunternehmer mit dem Ausbau der Altlasten beauftragt haben, hat einen eigenen Schadstoff-Gutachter. Die Firma Moß hat einen eigenen Gutachter und HBB als unser Auftraggeber hat auch noch einmal einen Gutachter beauftragt“, erklärt der Baustellenleiter.

Und wenn sie alle am Ende ihr Okay geben, dann kommt die Abrissbirne.

Dicke Luft im Baubüro gehört dazu

Dicke Luft im Baubüro. Nein, es gibt keinen Streit. Die Luft ist buchstäblich dick. Dick vom Rauch. Denn Magnus Konrad ist passionierter Liebhaber aromatischer Zigarillos. Und die pafft der 54-jährige Bauleiter eben auch in seinem Büro.

Von dort geht es raus auf die Baustelle – nach sorgfältiger Prüfung der Ausrüstung. Der Helm ist Pflicht. So wie Warnweste und Sicherheitsschuhe. Sonst lässt uns Magnus Konrad nicht auf die Baustelle. „Sicherheit steht für uns an erster Stelle“, sagt er vor dem Streifzug durch das Justizzentrum. „Eigentlich ist das ja eine Baustelle wie viele andere“, sagt er beim Rundblick im Innenhof.

Jeden Tag gibt es neue Herausforderungen

„Aber dann auch wieder nicht. Ein Gericht oder ein Polizeigebäude abzureißen, ist schon etwas besonderes.“ Ein leises Lächeln huscht über das Gesicht des ansonsten eher nüchtern wirkenden Westfalen. Ist das ein Anflug von Anarchie? Der Gedanke ist schnell verschwunden.

Zumal der Herr über alles Treiben auf der Baustelle ergänzt, dass es immer eine Herausforderung sei, im Innenstadtbereich zu arbeiten. Schließlich gehe es bei allem Bemühen nie ohne Belastungen für die Umgebung ab. Ein Rückbau dieser Größe könne nicht geräuschlos über die Bühne gehen.

„Dabei vergessen die Leute häufig, dass wir auch zur Neugestaltung der Stadt beitragen.“ Seit 14 Jahren ist Magnus Konrad Bauleiter bei Moß. Und noch länger im Abrissgeschäft. Eigentlich hat er ja die Hotel- und Restaurantbranche von der Pike auf gelernt, hat eine Ausbildung als Bürokaufmann. Und irgendwann ist er auf dem (Ab-)Bau gelandet. „Ich liebe den Abbruch“ sagt er. „Weil es jeden Tag neue Herausforderungen gibt.“

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