Stadtgeschichte

Uni-Phantom entwischte Polizei Bochum trotz größter Fahndung

Das „Uni-Phantom“ wurde mit verschiedenen Phantombildern gesucht. Zwischen 1994 und 2002 überfiel der Serien-Vergewaltiger 22 Frauen in Bochum, Sprockhövel, Hattingen, Witten, Gevelsberg und Dortmund.

Das „Uni-Phantom“ wurde mit verschiedenen Phantombildern gesucht. Zwischen 1994 und 2002 überfiel der Serien-Vergewaltiger 22 Frauen in Bochum, Sprockhövel, Hattingen, Witten, Gevelsberg und Dortmund.

Foto: Polizei Bochum

Bochum.   Das „Uni-Phantom“ überfiel zwischen 1994 und 2002 mindestens 22 Frauen. Der Serien-Vergewaltiger wurde nie gefasst. Ein Ermittler blickt zurück.

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„Das ist der Fall meines Lebens“, sagt Ralf Brüggemann. Der Polizeihauptkommissar (56) meint das „Uni-Phantom“, den Serienverbrecher, der mindestens 22 Frauen und Mädchen überfallartig mit einem Messer von der Straße weggezerrt und mit äußerster Kaltblütigkeit vergewaltigt hatte.

Oder dies zumindest versucht hatte. Jahrelang hielt der mysteriöse Täter die Polizei in Atem. Nie wurde er geschnappt, obwohl die Kripo ihn mit für Bochum beispiellosem Aufwand gejagt hatte. Bis heute ist der Mann mit dem Oberlippenbart und dem Ruhrpott-Slang ein Phantom.

Brüggemann, heute Leiter der Wache Langendreer, gehörte damals zur Ermittlungskommission „EK Messer“. „Ich bin 40 Jahre bei der Polizei. Das waren die aufregendsten, erfahrungsreichsten und intensivsten Jahre.“

Obwohl der Täter das letzte Mal vor 16 Jahren zuschlug, spricht Brüggemann noch immer mit einer Lebendigkeit und einem Detailwissen über ihn, als sei er ihm weiter aktiv auf der Spur. Mehr als zweieinhalb Jahre hatte er damals in der EK Messer nur an diesem Fall gearbeitet.

„Uni-Phantom“: erstes Opfer war 1994 ein Mädchen

Am 7. Januar 1994 fällt der Täter über sein erstes Opfer in Obersprockhövel her. Es ist ein zwölfjähriges Mädchen. Zu diesem Zeitpunkt weiß keiner, dass der Täter ein Serien-Vergewaltiger werden wird.

Ab Juni 1996 schlägt er auch in Bochum zu, zunächst in Langendreer, dann, ab Mai 1997, vor allem in Querenburg in Uni-Nähe. Immer holt er sich Opfer, die nachts allein unterwegs sind.

Von einem sicheren Ort aus beobachtet er die Frauen, wie sie an Haltestellen aus Bussen oder Bahnen aussteigen. Dann verfolgt er sie heimlich. In einem günstigen Moment schleicht er sich von hinten an, bedroht sie mit einem Messer und zwingt sie an abseitige Orte ohne jede Wohnbebauung. Er wählt das Laerholzwäldchen, Grünflächen hinter der Uni und auch welche parallel zur Universitätsstraße.

Serien-Vergewaltiger trug anfangs keine Maske

„Anfangs hat er die Frauen gefesselt“, sagt Brüggemann. Zunächst verzichtet er auf eine Maskierung, bei den letzten Taten nicht mehr.

Er wird immer vorsichtiger, wohl auch wegen der Medienberichte. Bei der kleinsten Störung – das Rascheln eines Tieres im Laub, ein fahrendes Auto – lässt er von seinem Opfer ab und flüchtet. Fühlt er sich ungestört, dauert das Martyrium für die Frauen sehr, sehr viele Minuten.

Einzelheiten sind absolut furchtbar, die Machtbedürfnisse des Täters vollkommen abartig.

Serie des Täters von 1997 bis 2000 unterbrochen

Die Frauen hatten die pure Todesangst. 17 Mal schaffte er es, seine Opfer zu vergewaltigen, fünfmal blieb es beim Versuch. Die Opfer waren zwischen elf und 44 Jahre alt, die meisten zwischen 15 und 33, darunter Studentinnen, aber auch Angestellte. Im ganzen Uni-Bereich verbreitete der Mann ein mindestens mulmiges Gefühl.

Einmal, von 1997 bis 2000, wurde die Serie zweieinhalb Jahre unterbrochen.

Doch dann tauchte das Phantom wieder in Bochum auf: Am 18. August 2000 um Mitternacht steigt eine 24-jährige Frau nach einem Kinobesuch an der U 35-Haltestelle „Hustadt“ aus. Sie sieht, dass ihr Fahrrad mutwillig beschädigt worden ist. Zu Fuß macht sie sich auf den Heimweg. Zwischen der Lennershofstraße und „Auf dem Kalwes“ hält ihr der Täter ein Messer an den Hals. Auf einer Wiese vergewaltigt er sie. Er ist rund 30 Jahre alt, rund 1,80 Meter groß und schlank.

22 bekannte Fälle, doch „es gibt mehr Geschädigte“

Ein weiteres Beispiel: Am 9. Juli 2002, 1 Uhr nachts, geht eine Studentin (19) von der Arbeit nach Hause. Zur Abkürzung nutzt sie einen Weg durchs Laerholzwäldchen. Dort bemerkt sie einen Mann hinter sich. Sie will schnellstens bewohnteres Gebiet erreichen, doch der Mann holt sie ein und hält sie fest. Mit einem Messer zwingt er sie, sich auszuziehen, und vergewaltigt sie.

„Er roch seltsam nach Leder und Schweiß“, schrieb die Polizei. In weiteren Fällen wurden „auffallend starker Mundgeruch“ und „fleischige große Hände“ festgestellt.

Die 22 bekannten Fälle sind nicht die einzigen, da ist sich Brüggemann sicher: „Es gibt auf jeden Fall mehr Geschädigte. Aber nicht jede Frau entscheidet sich für eine Anzeige, weil sie Mittel und Wege findet, sich selbst mit der Tat auseinanderzusetzen.“ Oder zumindest mit Beratungsstellen außerhalb der Polizei.

Die Kripo scheute keine Kosten und Mühen, das Uni-Phantom zu fassen. Sie spielte auf ganzen Klaviatur der damaligen kriminalistischen Mittel. Die Beamten wollten den Täter auf frischer Tat erwischen, indem sie sich nachts auf die Lauer legten. Sie setzten sogar Wärmebildkameras ein.

Scotland-Yard-Profiler und Massen-Speicheltest

„In Hochzeiten wurden mehr als 100 Beamte jeden Abend eingesetzt im Bereich der Uni“, erzählt Brüggemann. „Trotzdem ist es uns nicht gelungen, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein.“

Außerdem hat die EK Messer mehr als 21 000 Spuren überprüft und 10 000 Speichelproben von Männern aus Bochum und Sprockhövel genommen. Die Proben wurden mit der Täter-DNA abgeglichen, denn der Täter hatte fast immer Körperspuren hinterlassen. „Mehr als 500 000 Euro haben wir nur für DNA-Untersuchungen ausgegeben.“

Einen Treffer spuckte aber auch dieser Massentest nicht aus. Sogar ein Fachmann von Scotland Yard, ein „Geo-Profiler“, wurde engagiert, um vom Täter anhand der Tatort-Auswahl ein schärferes Bild zu erhalten. Aber auch seine Dienste führten zu keinem Erfolg.

Ende 2002 endet die Vergewaltigungsserie

„Die ganze Uni war betroffen, die Bogestra, ein ganzer Stadtteil“, sagt Brüggemann. Die Unsicherheit übertrug sich auf die ganze Stadtbevölkerung. „Jeder hat sich Sorgen gemacht.“ Bringdienste wurden eingerichtet, um Frauen zu schützen.

Ende 2002 riss die Vergewaltigungsserie plötzlich ab. Zurück blieben traumatisierte Opfer und ganz viele Fragezeichen. Nicht einmal die Identität des Täters wurde bekannt. 15 der 22 bekannten Taten sind bereits verjährt.

„Uni-Phantom“ lässt viele Rätsel zurück

Wer ist dieser Mann? Lebte er allein? Hatte er einen Beruf? Warum hatte er so viel Zeit gehabt, sich nachts stundenlang auf die Lauer zu legen? Warum hat er plötzlich aufgehört? Ist er weit weg gezogen? Hat er andere Möglichkeiten gefunden, seine sexuellen Machtfantasien auszuleben? Und vor allem: Lebt er überhaupt noch? Hat er vielleicht Suizid begangen, weil er dem Fahndungsdruck nicht standhielt?

„Es gibt keine gesicherten Erkenntnisse“, sagt Brüggemann – fast 16 Jahre nach der letzten bekannten Tat.

>> Multimedia-Chronik: Bochum von 1948 bis 2018

Dieser Artikel ist Teil der Serie „70 Jahre WAZ – 70 Jahre Bochum“. Der Zeitstrahl Bochum70.waz.de bietet zu Nachrichten und Ereignissen, die für Bochum(er) zwischen 1948 und 2018 wichtig waren, historische Filmaufnahmen, Fotos und alte WAZ-Zeitungsseiten zum Durchblättern. Auf der Seite können Sie auch eigene Bochumer Stadtgeschichten und Fotos hochladen. Das erste Jahresthema der Multimedia-Chronik: die Gründung der WAZ in Bochum im Jahr 1948.

>> ZDF-Beitrag über das "Uni-Phantom" in "Aktenzeichen XY":

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