70 Jahre WAZ

Die WAZ im Nachkriegs-Bochum: Konkurrenzkampf in Trümmern

Der Autor und erste Redaktionsleiter der Bochumer WAZ-Lokalredaktion, Georg-Wilhelm Kruse (4. von links), mit Redakteuren und Mitarbeitern.

Der Autor und erste Redaktionsleiter der Bochumer WAZ-Lokalredaktion, Georg-Wilhelm Kruse (4. von links), mit Redakteuren und Mitarbeitern.

Bochum.   Zum 70. Geburtstag der WAZ geben wir Erinnerungen an die ersten zehn WAZ-Jahre in Bochum wieder, die 1958 ihr erster Lokalchef aufschrieb.

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Am 3. April 1948 erschien die erste Ausgabe der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung. Georg Wilhelm Kruse (1911 – 1980) baute die Bochumer WAZ-Lokalredaktion als erster Redaktionsleiter mit auf. Zum zehnten Jahrestag des ersten Erscheinungstages, zum 3. April 1958, hatte Kruse einige Erinnerungen an die Anfangsjahre der WAZ-Redaktion in Bochum und das Leben in seiner Stadt aufgeschrieben. Ein Auszug – zum 70. Jahrestag am 3. April 2018:

„Mit fliegendem Bleistift schreibt ein Mädchen Namen in eine Kladde. In einem mäßig hellen Zimmer in der ersten Etage des Vorderhauses, Rathausplatz 8. An einem Märztage des Jahres 1948 Tausende von Namen. Die ersten 20.000 „lizensierten“ Abonnenten einer neuen unabhängigen Tageszeitung in Bochum.

Hätte der Verlag nur unbedrucktes Papier geliefert – drei Ausgaben in der Woche zu vier oder sechs Seiten (Berliner Format) und für zwei Reichsmark – der Erfolg wäre möglicherweise nicht geringer gewesen. Alle Gebrauchsgüter waren begehrt. Zwei RM – Entgelt für zwei Maurerstunden. Da es aber (in unserer Zeit der Fülle kaum noch vorstellbar) kein Angebot gab – höchstens tauschte man in oft grotesken Kreisen –, hatte jedermann genug Geld, und das legte man an, wo sich eine annehmbare Chance bot. Eine „Aktive“ kostete in jenen Tagen, sie war fabriziert und nicht gedreht („Drehnussi“), etwa sieben Reichsmark.

Zigaretten und Schnaps für die Bauleute

Meistenteils lag Bochum noch auf der Nase. Die BMW-Union (Bäcker, Metzger, Wirte) baute klein auf. Jene also, die Nahrungsmittel besaßen. Wobei die Bauleute neben den Mahlzeiten auch Zigaretten und Schnaps erhielten – paradiesisch ferne Güter damals für Normalverbraucher.

Auch das Haus Rathausplatz 8 hatte nur in Teilen den Bombenkrieg heil überstanden. Wie sein großmächtiger Nachbar in Muschelkalk – das Rathaus. Aber das Hinterhaus, das früher die Redaktion des „Bochumer Anzeiger“ (Verlag: Laupenmühlen & Dierichs) beherbergt hatte, war in den oberen Etagen ausgebrannt. Wie es der Verlag geschafft hat, ist unbekannt. Jedenfalls war, als wir die erste Nummer vorbereiteten, die zweite Etage teilweise ausgebaut.

Das letzte Zimmer rechts war Lokal-, Sport- und Bezirksredaktion zugleich. Eine enorme Konzentration. Die Lokalredaktion war außerdem ein Holztisch mit einer Preßstoffplatte und die übrigen Redaktionen saßen an einem etwa doppelt so langen Tisch. Dr. Ernst Weisenfeld, Leiter der Bezirksredaktion, dessen Stimme stets aus einem Kühlschrank zu kommen schien, schlug einmal so kräftig auf den Tisch des Hauses, daß seine Hand, wie weiland Barbarossas Bart, durch die Tischplatte fuhr.

Gegenüber der Redaktion lag die Welt in Trümmern

Nebenan saß, durch eine halbverglaste Tür von unserem redaktionsreichen Raum getrennt, allein der Initiator und Chef des neuen Unternehmens – Erich Brost. Ein Zimmer weiter waren Carl Bertram Hommen und Chefsekretärin Anneliese Brinkmann untergebracht. Dann folgten in zwei Räumen Politik und Wirtschaft.

In einer der ersten Ausgaben war übrigens etwas vom Ruhrtarif zu lesen, eine Forderung, die auch heute noch nicht erfüllt ist. In ihrer Kombüse, rings von Flur umgeben, Steinchen am Telefon – Rettung für viele, denen vor dem Letzten das Geld ausgegangen war. (…)

Das Haus ist doppelhüftig angelegt, und gegenüber dem Redaktionstrakt lag die Welt noch in Trümmern. Ein Tatbestand, von dem sich Chefreporter Döring kräftig anregen ließ. Seine Trümmerreportagen wurden schnell „berühmt“ und sogar in der Schweiz nachgedruckt. Er schrieb einen „optischen“ Stil, der unserer Zeit sozusagen auf den Leib geschrieben ist, die lieber sieht als denkt. Inzwischen ist dieses Prinzip vervollkommnet und beinahe unerträglich zugespitzt. (…)

Ein Tisch, ein Sessel, eine gemietete Schreibmaschine

Die Lokalredaktion bestand aus einem Tisch, wie gesagt. Den Sessel – er steht heute noch in der Bochumer Redaktion und ist noch heftig und störend knarrend in Benutzung – stammte aus einem häuslichen Bestand. Die Schreibmaschine war gemietet. Der Boden nur grob zementiert, das Schuhwerk ständig grau gepudert.

Bevor es „Ernst“ wurde, hatten im März mehrere Besprechungen stattgefunden. Der Haufen war bunt genug. Nur zwei Bochumer: Hans Hornberg und Georg W. Kruse. Die anderen aus allen Weltgegenden.

Eines Tages tauchte z.B. ein schwarzhaariger junger Mann auf. Er kam gerade aus Berlin. „In einigen Wochen haben wir Krieg. Ich muß es wissen. Ich komme gerade von der „Front’“, jawohl „Front“ pflegte Gert Walleiser zu sagen. Er machte unglaubliche und erstaunliche Kurzmeldungen. So daß sogar dem Verleger Wortelmann die Haare zu Berge standen, und er sich in seiner „Bochumer Woche“ ab und an zum Nachdruck entschloß.

Zweckmäßigerweise wurden sie meistens weit ab von unserem Verbreitungsgebiet angesiedelt. Er ging bald wieder, und kürzlich wurde bekannt, daß er verhaftet worden ist. Für die Chefredaktion kam es darauf an, diesen „Haufen“ so zu dirigieren, daß eine Art einheitlicher Zeitung entstand. Am Druckort Bochum, dem Sitz der Chefredaktion, war diese Abstimmung nicht so schwer. Aber die Auswärtigen waren schwer in die Reihe zu bringen. Daher wurde die „starke“ Bezirksredaktion geboren. (…)

Ein „munteres Blättchen“ mit Konkurrenz

Nun – es wurde ein „munteres Blättchen“. Während die bereits in Bochum erscheinenden Zeitungen: „Westfälische Rundschau“ und „Ruhr-Nachrichten“ warteten, was auf den Tisch kam, gingen wir der Nachricht nach. (…) Was damals in der Zeitung stand, stand in der WAZ. Täglich fast fanden bei den Wettbewerbszeitungen Konferenzen statt. Das neue Blatt war eine „Wolke“. Es gab hier eine Rubrik: „Worüber man in Bochum spricht“. Der anfallende Stoff wurde so verarbeitet und „mit der Schreibmaschine redigiert“, daß er dreimal in der Woche auf eine halbe, auf drei Viertel oder eine ganze Seite paßte. Sie war stilistisch aus einem Guß und nach der Substanz sehr dicht.

Daß wir Erfolg hatten, läßt sich gut an der Auflagenbewegung ablesen. Sie erscheint auch heute noch wichtig. Beweist sie doch, wie das Blatt „ankommt“. Bis Ende 1948 stieg die Gesamtauflage auf 320.000, die Bochumer aber bereits auf 48.600, was damals schon publiziert wurde. Die gleiche Chance hatten die anderen Zeitungen. Aber sie blieben hoffnungslos zurück. (…) Die Zeitung wuchs. Und nach der Währungsreform gab es „richtige“ Anzeigen.

Zeitungskampf mit Bleistiften und Seifenzugaben

Chefredakteur Brost bezog ein neues Zimmer – mit Kassettendecke. Im Zimmer nebenan saß ganz allein Fräulein Brinkmann. Die Lokalredaktion zog um – in einen Raum mit Chef vom Dienst und Willibald Omansen. Ein erstaunlicher Mann. Den Sport machte Harald Landefeld, und als wir täglich erschienen, wurde das Gehalt um 50 DM erhöht (Anfangsgehalt 700 DM).

Weihnachten 1948 besorgte die Sekretärin von Willibald Omansen eine Wurst – für 15 DM. Im Sommer 1949 konnte man schon wieder belegte Brötchen kaufen. Wie ein Spuk verschwand die Rationierung nach dem Katholikentag im September 1949. Damals war die Redaktion voller Gerüchte. Die Altverleger wollten wieder verlegen. Mit der so erfolgreichen WAZ. Die große Fusion, die ein mächtiges grafisches Gebilde erzeugt hätte, zerschlug sich. In Bochum fand die Vereinigung mit dem Verlag Laupenmühlen & Dierichs statt, der um ein Haar seinen Besitz an den alten Konkurrenten Klagges verkauft hätte. Aber auch Zeitungen haben ihre Schicksale...

Es kam die Korea-Krise, teures Papier, rote Zahlen (sogar in Essen), höherer Bezugspreis. Die Bochumer Auflage fiel bis auf 28.000 (ohne Langendreer, wo auch irgendwie fusioniert worden war).

Am 13. September 1951 erschien dann eine neue Zeitung – die „Morgenpost“ von Giradet in Essen. Mit allen Leuten, die sonst hier nicht gebunden waren. Es ging mit viel Geld und mit einigem Getöse los. Sieben Ausgaben, 30 oder 40 Pfennige billiger, größerer Umfang. (…) Und natürlich ganze Scharen von Werbern, die in vier Taschen vier verschiedene Bestellblocks mit sich herumtrugen.

Es war ein heftiger Kampf mit Bleistiften, Seifenzugaben usw. Die „Morgenpost“ wurde die zweitstärkste Bochumer Zeitung. Aber der Durchbruch gelang nicht. Es fehlten die großen „Knüller“, die sich hätten ins Bewußtsein Bochums bringen können. Ich habe noch die Szene vor Augen: 1954 im Presseamt der Stadt, wieder geht eine Wahl zu Ende. Plötzlich verschwindet der „Morgenpost“-Vertreter – sie zeigten sich durchaus nicht immer sehr kollegial – im Nebenzimmer und kommt nach einiger Zeit verstört zurück und verabschiedet sich. Die WAZ hatte die „Morgenpost“ gekauft, wie sie vorher das Tageblatt“ und noch ein Blatt erworben hatte. (…)

Der „Heimat am Mittag“ das Feld überlassen

Von 100 Bochumer Zeitungslesern beziehen heute 77 unser Blatt. In verschiedenen Anzeigenarten ist der Anteil noch größer. Wir könnten noch einige Tausend mehr haben, wenn wir damals nicht etwas leichtsinnig unsere Ausgabe Süd aufgegeben und damit der „Heimat am Mittag“ das Feld überlassen hätten.

Personell war die Entwicklung so: Mit der Fusion kam F. H. Hans Schulte in die Lokalredaktion Bochum, den Sport machte seit dem täglichen Erscheinen Hans Gräwe. Als die Chefredaktion nach Essen zog, blieb Hans Gregor in Bochum Fotograf. Er wechselte später zu den „Ruhr-Nachrichten“ und ist durch W. K. Müller ersetzt worden. (…)

Mit dem Ankauf der „Morgenpost“ kam Kurt Dörnemann, der von Anfang an für die Kinderseite gearbeitet hat, auch als pauschaler Mitarbeiter zur Lokalredaktion Bochum. Nach dem Umzug des Verlages nach Essen betreut Frau Erna Schukar das Sekretariat.

Bochum, sozusagen als Vorhut der westfälischen Ausgaben (Industrie- und Handelskammer, Polizeipräsidium, Landgericht, Straßenbahn usw.) beliefert mit ansehnlichen Schriften (Dr. Uhlhorn je zur Hälfte Bochum und Nachbarausgaben) andere Redaktionen.“

>> Multimedia-Chronik: Bochum von 1948 bis 2018

Dieser Artikel ist Teil des ProBO-Projektes „70 Jahre WAZ – 70 Jahre Bochum“. Unser Zeitstrahl Bochum70.waz.de bietet zu Nachrichten und Ereignissen, die für Bochum(er) zwischen 1948 und 2018 wichtig waren oder wurden, historische Filmaufnahmen, Fotos und die alten WAZ-Zeitungsseiten zum Durchblättern. Auf dem Spezial können Sie auch eigene Bochumer Stadtgeschichten und Fotos hochladen. Das erste Jahresthema der Multimedia-Chronik: die Gründung der WAZ in Bochum im Jahr 1948

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