MILD-FEUCHTER HERBST

Balves Steinpilze sprießen rekordverdächtig

Hacki hat den sechsten Sinn für Steinpilze.

Hacki hat den sechsten Sinn für Steinpilze.

Foto: Jürgen Overkott / WP

Balve.  Sie mögen’s warm, und sie mögen’s feucht. Beides ist in diesem Herbst gegeben. Jetzt sprießen Steinpilze in Balve rekordverdächtig.

Reinhard Holewa ist ein Skeptiker. Berufskrankheit. Der 90-jährige Balver war einst Kriminalbeamter bei der Polizei. Aber jetzt klingt aus seiner Stimme pure Begeisterung. Seine Euphorie hatte einen starken Grund: In diesem Herbst gibt es im heimischen Forst so viele Steinpilze wie lange nicht.

Wir besuchen Reinhard Holewa. Gemeinsam mit seiner Frau Elisabeth und dem Balver Original Hacki sitzen sie in der guten Stube und können es immer noch nicht fassen. Ob frisch geputzt auf dem Wohnzimmertisch oder scheibiert und getrocknet auf einem Schränkchen: Überall liegen Steinpilze. Sie sind nicht nur zu sehen, sondern verbreiten zugleich auch ihren unverkennbaren Duft mit einer leichten Note von Moos und Holz.

Hacki strahlt. Jeden Herbst geht er, wie es im Hönnetal heißt, „inne Pilze“ – seit Kindesbeinen an. „Früher zogen wir morgens mit einem Bollerwagen los, und wenn wir Glück hatte, war es abends voll.“

Pilze sprießen in einer Übergangszeit. Die warme Jahreszeit ist noch nicht ganz weg – und die kalte noch nicht ganz da. Kenner wissen: Pilze, Steinpilze zumal mögen Temperaturen zwischen zehn und 25 Grad. Außerdem brauchen sie Nährstoffe und, noch wichtiger, Feuchtigkeit.

Tatsächlich gab es in den vergangenen Wochen Regen satt. Das statistische Oktober-Soll von 70 Millimetern Niederschlag pro Quadratzentimeter ist bereits jetzt fast erreicht. Die private Wetter-Station oberhalb der Pfarrkirche St. Blasius – die Daten sind im Netz kostenlos abrufbar: www.wetter-balve.de – kündigt für die kommenden Tage weitere Schauer an, bei unverändert milden Temperaturen.

Kein Wunder, dass die Pilze im Stadtgebiet zuweilen schneller wachsen, als sie Hacki sie abschneiden kann. „Innerhalb von fünf Tagen habe ich 50 Kilo gesammelt“, stellt er stolz fest. „Manchmal habe ich Pilze gefunden, und an derselben Stelle standen am nächsten Tage neue.“ Das Schöne: Zwar fehlt es borkenkäferbedingt an Fichten. Doch Douglasien sind für Steinpilze ein mehr als gleichwertiger Ersatz.

Und noch etwas schlägt die Herzen heimischer Pilz-Fans höher schlagen. Die Schwammerl glänzen mit herausragender Qualität. Reinhard Holewa kann sie präzise beschreiben. Obwohl seine Sehfähigkeit stark nachgelassen hat, verfügt er über ein unvermindert gutes Gefühl für einen guten Steinpilz. Der Ex-Ermittler kann Qualität ertasten. Junge Steinpilze zeichnen sich durch ein cremeweißen Stengel aus – und durch einen weißgelben Schwamm unter der waldbraunen Kappe. Zudem sind sie fest.

Farbe und Festigkeit ändern sich mit fortschreitendem Alter. „Der Pilz wird weicher – und der Schwamm auch.“ Obendrein dunkelt das – wie Fachleute sagen – „weiße Gold des Waldes“ nach. Der Stengel wird bräunlich, der Schwamm nimmt eine grün-bläuliche Färbung an. Essbar sind sie dennoch.

Vor der Zubereitung ist jedoch Putzen angesagt. „Bloß kein Wasser!“, mahnt Reinhard Holewa. Vielmehr setzt er ein scharfes Küchenmesser an. Ob Stamm oder Kappe: Der Pilz wird geschält, um ihn von Ungeziefer wie dem Fuchsbandwurm zu befreien und, natürlich, um Genießer vor ungewollten Überraschungen zu schützen.

Gewollt hingegen sind Geschmacksexplosionen auf der Zunge. Auch dabei kommt es, wie so oft, auf Feinheiten an. „Um die Pilze zu garen, nehme ich zuerst Öl. Butter gebe ich erst später dazu. Ich lasse sie braun werden. Das reicht“, weiß Reinhard Holewa. Von Speck als Würzmittel rät er dringend ab: „Das verdirbt den Geschmack der Pilze.“

Nebenher macht es ihm eine diebische Freude, die Prognose eines Pilz-Experten widerlegt zu haben. Dieser Tage noch hatte Volker Walther vom Pilz-Museum in Bad Laasphe getönt, für Schwammerl sei’s zu trocken. Und dann kam der Regen.

Konflikte um die besten Plätze im Wald gibt es übrigens nicht. Viele Balver mögen gar keine Pilze – etwa Franz-Josef Stein vom Landesbetrieb Wald und Holz: „Ich lasse der Natur, was der Natur gehört.“

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