Prozess

Arnsberg: Zeugen schildern Messerstecherei im „Herr Nilsson“

Der Eingang zum Club „Herr Nilsson“ im Arnsberger Brückencenter: Im Inneren kommt es im August 2019 zu einer Messerstecherei.

Der Eingang zum Club „Herr Nilsson“ im Arnsberger Brückencenter: Im Inneren kommt es im August 2019 zu einer Messerstecherei.

Foto: Wolfgang Becker

Arnsberg.  Eine Partynacht in Arnsberg endet für zwei Männer mit lebensgefährlichen Stichverletzungen. Jetzt schildern sie die Tat im „Herr Nilsson“.

Eine Messerstecherei im Arnsberger Club „Herr Nilsson“ hätte zwei junge Männer im August 2019 fast das Leben gekostet. Was genau sich in jener Partynacht im Untergeschoss des Brückencenters abspielte, soll nun im Gericht aufgeklärt werden. Ein 21-jähriger Sunderner muss sich wegen versuchten Totschlags verantworten. Zwei Tage nach der Tat hatte er sich der Polizei gestellt und sitzt seitdem in Untersuchungshaft.

Am ersten Prozesstag im Landgericht Arnsberg lässt der Angeklagte über seinen Anwalt einräumen, dass er damals im Club insgesamt drei Personen mit Messerstichen verletzt hat. Doch in Details unterscheide sich seine Erinnerung von der Anklageschrift.

Zu klären bleibt außerdem: Was führte zu der Eskalation, die ein Mitarbeiter des Sicherheitsdiensts als „Riesen-Tumult“ bezeichnet, den er in zwei Berufsjahrzehnten so noch nie erlebt habe? Warum lagen zwei Gäste am Ende der Nacht mit lebensgefährlichen verletzt und stark blutend auf der Treppe des Clubs?

Videoaufnahmen zeigen die Tat im Club

Der 21-jährige Sunderner I. sitzt in weißem Poloshirt, Jeans und Turnschuhen neben seinem Verteidiger. Von der Anklagebank aus muss er sich an diesem Vormittag wieder und wieder Videoaufnahmen ansehen, die ihn bei seiner Tat zeigen – aufgenommen von zwei verschiedenen Überwachungskameras.

Zu sehen ist zunächst eine vermeintlich typische Partyszene. Rund 350 Personen sollen sich bei der „La Bamba“-Party amüsiert haben. Einige stehen im Raum und unterhalten sich, andere tanzen ausgelassen. Doch gegen 2.15 Uhr in der Nacht kippt die Stimmung.

Im Bereich der Tanzfläche entsteht ein Gerangel, immer mehr Gäste mischen sich ein. Unter ihnen ist auch der Angeklagte. Er holt plötzlich aus und versetzt dem 25-jährigen Neheimer A. Stichverletzungen an der linken Halsseite. Später wird sich herausstellen: Es ist eine zwölf Zentimeter lange Wunde, die Klinge durchtrennt einen Muskel gefährlich nah an der Halsschlagader.

„Ich weiß nicht, wann er das Messer gezogen hat“, sagt A. nun als Zeuge im Gerichtssaal aus. An seinem Hals ist eine lange Narbe zu sehen, der Bereich sei immer noch taub. Im Club bemerkte er seine Verletzung zunächst gar nicht, bis er an sich herunterschaut und das Blut sieht. Vor ihm entdeckt sein Kumpel M. die klaffende Wunde und läuft dem Angeklagten hinterher, nach eigener Aussage, um ihn aufzuhalten.

Im Flurbereich kommt es dann zu einer weiteren Auseinandersetzung, bei der M. selbst zwei Stiche in die linke Schulter abbekommt. Er läuft seinem Kontrahenten zunächst noch nach, irgendwann verliert er aber das Bewusstsein. Im Krankenhaus müssen ihm die Ärzte von Blut befreien, das in einen seiner Lungenflügel hineingelaufen war – auch das ein lebensbedrohlicher Zustand.

Aufeinandertreffen in der Dortmunder Nordstadt

Beide Männer überleben dank Not-OPs und gehören nun zu den Zeugen im Prozess. Sie sagen beide aus, dass der Angeklagte ursprünglich gar nichts mit dem Gerangel auf der Tanzfläche zu tun gehabt habe. Einen Anlass für die Messerstecherei hätten sie nicht gesehen, sie hätten nicht einmal Worte mit dem Angeklagten gewechselt.

Während der an der Schulter verletzte M. den Angeklagten an dem Abend im Club zum ersten Mal gesehen haben will, sagt der Neheimer A. aus, er sei ihm etwa einen Monat zuvor in der Dortmunder Nordstadt begegnet. Damals habe es einen Streit zwischen seinen eigenen Kumpels und denen des Angeklagten gegeben – woraufhin dieser auch damals bereits ein Messer gezogen habe. Den Anlass des Streits kenne er nicht.

Familie des Angeklagten will Opfern Geld zahlen

Vor Gericht entschuldigt sich der Angeklagte bei den beiden Männern, die nach eigener Angabe auch ein halbes Jahr nach der Tat noch körperliche Schmerzen haben sowie in psychologischer Behandlung sind, um die Eindrücke der Tatnacht zu verarbeiten. A. etwa berichtet von Ängsten und Schlafproblemen. Auch deshalb habe er das Angebot eines Täter-Opfer-Ausgleichs der Familie des Angeklagten nicht angenommen.

„Mir geht es nicht um Geld“, sagt er. „Mit Geld kann man das gar nicht wiedergutmachen.“ Der Verteidiger schildert es etwas anders: Ein solcher Ausgleich sei an unterschiedlichen finanziellen Vorstellungen gescheitert – er habe 7.500 Euro angeboten, doch A.s Anwalt fordere 60.000 Euro. In jedem Falle sei der Angeklagte weiterhin an einer Einigung interessiert.

Am nächsten Prozesstag, 4. März, will der Sunderner I. selbst schildern, wie er die Nacht im „Herr Nilsson“ erlebt hat. Für die Verhandlung vor dem Schwurgericht sind zudem bereits drei weitere Termine angesetzt.

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