IQ

Hochbegabtes Mädchen aus Brilon: Das Dilemma, schlau zu sein

Charlotte im Garten an der Gitarre, die Mutter an der Gießkanne – alles ganz normal bei den Krögers in Brilon-Alme. Trotz Hochbegabung. Foto:MATTHIAS GRABEN

Charlotte im Garten an der Gitarre, die Mutter an der Gießkanne – alles ganz normal bei den Krögers in Brilon-Alme. Trotz Hochbegabung. Foto:MATTHIAS GRABEN

Brilon.   Viele hochbegabte Kinder bekommen Probleme. Charlotte aus Brilon wurde durch Unterforderung in der Schule krank. Die Familie half ihr.

Normalerweise ist es ja eher blöd, doof zu sein. Doch Intelligenz löst nicht alle Probleme. Manche schafft sie sogar erst.

Bei Charlotte war das so: Kopfschmerzen. Dann Bauchschmerzen. Dann wieder Kopfschmerzen. Dann beides. Kein Arzt konnte helfen. Und irgendwie schien es mit der Schule zusammenzuhängen. Aber wie? Ein Psychotherapeut brachte Charlottes Mutter, Bianka Kröger, auf die Idee, ihre Tochter auf eine eventuelle Hochbegabung testen zu lassen. Davon spricht man bei einem IQ von über 130, den zwei bis drei Prozent der Menschen erreichen. Charlotte gehört dazu. Und nun wurde klar: Charlotte war in der Schule unterfordert. Deshalb ging sie ungern hin. Und darauf reagierte ihr Körper mit Schmerzen.

Die Deutschen Gesellschaft für das hochbegabte Kind

„Ich habe mich immer gelangweilt“, erzählt die 13-Jährige. „Dauernd wurde wiederholt, was ich schon wusste. Ich fand es nur blöd. Ich wollte da nicht hin.“ Da war sie acht Jahre alt, am Ende des zweiten Schuljahrs. Die Eltern mussten etwas tun. Aber was? Sie ließen sich beraten von der Deutschen Gesellschaft für das hochbegabte Kind (DGhK) und vom Schulamt in Meschede. Die Empfehlung: eine Klasse höher springen.

Viele Missverständnisse über Hochbegabung

„Wir waren skeptisch“, erinnert sich Bianka Kröger. Weil sich Charlotte eigentlich wohl fühlte mit den Kindern in ihrer Klasse. Weil man befürchtete, es könnte Gerede geben im Dorf. „Es gibt viele Missverständnisse über Hochbegabung“, weiß die Heil- und Begabtenpädagogin, die einen Gesprächskreis für Eltern von Hochbegabten anbietet und als Lerncoach arbeitet. Das war dann aber kein Problem in Brilon-Alme.

Doch die Überlegungen zogen sich hin. Charlotte war inzwischen in der vierten Klasse. Immer noch unterfordert. Aber der Test hatte ihr schon gut getan: „Ich wurde vorher nie richtig ernst genommen. Danach war das etwas anders.“ Und endlich war es auch so weit: eine sechswöchige Probezeit am Gymnasium in Büren. Danach sollte sie selbst entscheiden dürfen, wie es weitergeht. „Aber schon nach zehn Tagen wusste ich: Hier bleibe ich.“ Sie musste etwas Englisch nachholen. Kein Problem. „Endlich gab es neuen Stoff“, freute sie sich. Und mit der Gesundheit ging es schnell aufwärts.

Charlottes Schulfreundinnen sind jetzt meist 15

Charlottes Schulfreundinnen sind jetzt meist 15. Und haben manchmal Freunde, die schon 18 sind. Das macht der Mutter bisweilen Sorge. Aber sie sieht, dass ihre Tochter gut klarkommt, die Dinge im Griff hat: „Als wir mit der Familie in London waren, hat sie alles gemanagt. Seitdem machen wir uns weniger Gedanken, wenn Charlotte wieder nach Rostock oder Berlin fährt.“

Anderer Input

Die 13-jährige ist sehr aktiv. Das hängt damit zusammen, dass in der achten Klasse wieder die Unterforderung drohte. Noch einmal weiter springen? Das wollten weder die Schülerin noch ihre Eltern. Dann wäre der Altersabstand noch größer. Und Charlotte hatte sich doch so gut eingelebt. „Sie brauchte anderen Input“, war der Mutter klar. Musik hatte sie schon als kleines Kind gemacht. Jetzt lernt sie noch E-Gitarre und Bass, spielt in einer Big Band, engagiert sich bei der katholischen Landjugend, organisiert den Jugendteil der Briloner Hansetage 2020 mit, interessiert sich für Kunst, Sprachen, Informatik, Geschichte und Politik, tauscht sich mit Gleichgesinnten über Skype aus. Sie hat halt mehr Zeit als andere, weil sie den Schulstoff schon während des Unterrichts kapiert und nicht nacharbeiten muss.

Physik und Chemie abwählen

Immer reicht es aber nicht. Einmal gab es eine 4 in Latein, weil sie keine Vokabeln gelernt hatte. Und sie interessiert sich nicht für alles. Sie freut sich, dass sie Physik und Chemie abwählen kann, wenn sie nach den Sommerferien in die Oberstufe kommt. Sie ist eben auch ein normales Mädchen. Und das sehen die anderen genauso? „Ich denke nicht, dass man mich besonders behandelt. Außerdem ist es ja keine Schande, schlau zu sein.“ Sieht die Mutter ebenso: „Es ist ein Geschenk. Prinzipiell. Aber ich weiß auch von vielen Familien, die Schwierigkeiten haben.“ Entscheidend sei es, die Interessen und Fähigkeiten hochbegabter Kinder zu fördern, aber zugleich auf Entspannung und Ruhe zu achten. Auf Normalität: „Eine musische und sportliche Begabung ändert ja auch nicht alles.“ Und das Wichtigste seien Freunde. Was allerdings für alle Kinder gilt.

Folgen Sie der Westfalenpost im Altkreis Brilon auch auf Facebook .

Leserkommentare (1) Kommentar schreiben
    Aus der Rubrik