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Die Verfolgung der Juden mit dem Handy dokumentiert

Die Werbung für ein neues Holocaust-Gedenkprojekt in Israel hängt an einer Wand. Auf dem digitalen Plakat steht auf Hebräisch: "Evas Story. Wenn ein Mädchen während des Holocaust Instagram gehabt hätte". ·Evas Story" basiert auf dem Tagebuch eines 13-jährigen jüdischen Mädchens aus Ungarn, das 1944 im deutschen Vernichtungslager Auschwitz ermordet wurde. Ihr Schicksal wird in Instagram-Stories in englischer Sprache nacherzählt. Foto: Robert Messer/dpa

Die Werbung für ein neues Holocaust-Gedenkprojekt in Israel hängt an einer Wand. Auf dem digitalen Plakat steht auf Hebräisch: "Evas Story. Wenn ein Mädchen während des Holocaust Instagram gehabt hätte". ·Evas Story" basiert auf dem Tagebuch eines 13-jährigen jüdischen Mädchens aus Ungarn, das 1944 im deutschen Vernichtungslager Auschwitz ermordet wurde. Ihr Schicksal wird in Instagram-Stories in englischer Sprache nacherzählt. Foto: Robert Messer/dpa

Die Geschichte von Éva Heyman wird in Instagram-Stories erzählt. Mit dem Handy interagiert nicht nur die Hauptdarstellerin, sondern auch Nazis.

Jede Generation hat ihre eigene Form von Dokumentation. Tagebücher, virtuell oder analog und handgeschrieben, Videos mit dem Camcorder oder dem Handy. Das Medium für audiovisuelle Dokumentation des Jahres 2019 sind Instagram Stories. Filmschnipsel von 10 Sekunden, die auf der Plattform hochgeladen werden und normalerweise 24 Stunden zu sehen sind, es sei denn man packt sie in die „Highlights“, dann sind sie solange zu sehen, wie man will.

In den letzten Wochen hat ein Account namens eva.stories auf sich aufmerksam gemacht. Es geht um das jüdische Mädchen Éva Heyman, das im Ungarn von 1944 lebt. Éva möchte Nachrichtenfotografin werden wenn sie erwachsen ist. Von daher ist es nur logisch, dass sie alles dokumentieren will, was ihr und ihrer Familie widerfährt. Sie macht das über Instagram Stories.

Hauptdarstellerin ist zunächst glücklich

Éva ist 13, tanzt gerne und isst gern Eis, sie hat zwei beste Freundinnen, ihre Cousine Martha, die direkt zu Beginn nach Polen deportiert wird, und Annie, ein Mädchen aus der Nachbarschaft. Sie hat einen Schwarm namens Pista, der einige Jahre älter ist als sie, und lebt bei ihren Großeltern. Ihre Mutter und ihr Vater sind geschieden, ihre Mutter, die schöne junge Agi, ist zu Beginn unterwegs, um Évas Stiefvater, einen Schriftsteller, der der Räterepublik politisch nahe stand, aus dem Gefängnis zu holen. Als sie wiederkommt, ist Éva, trotz des Verlustes ihrer Cousine, glücklich.

Ihr Großvater ist einer der besten Apotheker der Stadt, wird aber früh enteignet, da Juden keine Geschäfte mehr besitzen dürfen. Éva stellt genau die richtige Frage: „Was sollen die Kinder essen, wenn die Eltern nicht arbeiten?“ Bisher sind die Nazis selbst noch gar nicht in Ungarn und der Stadt angekommen, die Gesetze kommen von Ungarn selbst.

Die Demütigungen beginnen

Als die Nazis da sind, geht alles Schlag auf Schlag. Die Demütigung beginnt mit dem Tragen des gelben Sterns auf dem Revers, gegen das sich Éva massiv wehrt. In dieser Szene fällt einer der Sätze, die mich am meisten berührt haben: „Woher wissen die eigentlich, dass wir Juden sind, ich wusste es nicht, man hat es mir in der Schule irgendwann gesagt.“ Évas Familie kann kaum anders bezeichnet werden als assimiliert und Teil der Bildungsgesellschaft. Religion spielt in der gesamten Serie von Stories keine Rolle.

Nach dem gelben Stern kommen Ausgangsverbote, Plünderungen und schließlich der Transport ins Ghetto. Dort ist sie zusammen mit Annie, Pista und ihrer ganzen Familie.

Transport nach Auschwitz

Die Geschichte endet im Juni mit dem endgültigen Bruch, dem Transport nach Polen, nach Auschwitz. In deinem dunklen, mit 80 Leuten vollgepackten Viehwaggon. Genau am 6. Juni 1944, dem Tag der Landung der Alliierten in Frankreich, beginnt für dieses Mädchen die schlimmste Zeit ihres Lebens.

Die Geschichte von Éva ist nicht erfunden und auch nicht aus vielen Geschichten zusammengeschnitten. Sie basiert auf den Tagebucheinträgen von Éva Heyman, die 1931 in Oradea zur Welt kam und es, ähnlich wie Anne Frank, als ihre Pflicht ansah, die Ereignisse zu dokumentieren. Ihr Tagebuch konnte sie kurz vor der Deportation nach Polen der ehemaligen Haushaltshilfe der Familie zur Verwahrung geben. Es ist mittlerweile veröffentlicht.

Deportation nach Auschwitz

Éva wurde nach Auschwitz-Birkenau gebracht und war dort Versuchsperson für den „Arzt“ Mengele. Als ihre Füße anschwellen von seinen Experimenten, ist sie wertlos und wird in die Gaskammer gebracht, wo sie stirbt. Diese Erzählung basiert auf Augenzeugenberichten.

Ihre Mutter und ihr Stiefvater schafften es dem Transport zu entkommen und überlebten den Krieg, Passagen im Tagebuch, die auf diesen Verrat hindeuten könnten, wurden möglicherweise im Nachhinein vom Stiefvater redigiert, das Originalmanuskript ist verschwunden. Die Großeltern wurden kurz nach der Ankunft in Auschwitz getötet, Annie starb nach einigen Wochen in Évas Armen.

Makaber aber gut gewählt

Die Serien-Éva hat mit der echten Éva auf jeden Fall gemeinsam, dass ihr Lebenswille ungebrochen ist.

Das Format Instagram-Stories ist gut gewählt, wenngleich es an manchen Stellen mehr als makaber wirkt, wenn sich der Standort „Ghetto“ und der Hashtag #lifeduringwar etablieren. Es hat definitiv etwas Groteskes, wenn aus der Ich-Perspektive gefilmt wird, aber niemand das Handy wahrzunehmen scheint, wobei das nicht ganz stimmt. Sowohl die Gruppe um Éva, als auch die Nazis interagieren mit der Kamera, nehmen sie wahr und nutzen sie als Plattform, sie wird aber nie infrage gestellt als Wertgegenstand, wahrscheinlich muss man die Kamera als normales Tagebuch interpretieren.

Éva nutzt alle möglichen Funktionen, die Instagram-Stories bieten. Boomerangs, Fragen und Antworten, Frontkamera, Filter, das ist echt gut gemacht und wirkt authentisch, wie 13 jährige Mädchen das eben machen würden.

Authentisch und sympathisch

Größtenteils wird Englisch gesprochen, die Darsteller haben dabei einen tollen Akzent. Die Nazis sprechen Deutsch, ohne Akzent (soweit ich das beurteilen kann). Oft wird das Gesagte zusätzlich schriftlich festgehalten, außerdem gibt es hebräische Untertitel.

Die Macher von eva.stories beschreiben am Ende die Augenzeugenberichte für alles, was nach dem Transport nach Auschwitz passiert ist, und hoffen, dass das Projekt in Évas Sinne ist und ihren Traum, Nachrichtenfotografin zu werden, erfüllt.

Eine Stunde Laufzeit der Geschichte

Die Serie ist gut gemacht, die Schauspieler sind authentisch, sympathisch und schaffen es, die Gefühlswelt der Charaktere deutlich darzustellen. Besonders ins Herz trifft die Szene, in der Éva sich gegen den Judenstern wehrt und in der die Wohnungen der jüdischen Familien geplündert werden. Für einen kompletten Durchlauf der Geschichte braucht es nur etwa eine Stunde.

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