Corona-Krise

Wie ein Test für Neugeborene im Doping-Kampf helfen kann

Die „Dried Blood Spot“-Methode wird bei der Untersuchung von Neugeborenen eingesetzt. Sie ist auch eine Alternative im Anti-Doping-Kampf.

Die „Dried Blood Spot“-Methode wird bei der Untersuchung von Neugeborenen eingesetzt. Sie ist auch eine Alternative im Anti-Doping-Kampf.

Foto: dpa Picture-Alliance / Stefan Sauer / picture alliance / dpa

Essen/Köln.  Wegen der Corona-Krise finden kaum noch Kontrollen statt. Die Nada setzt eine neue Methode ein. Was sich dahinter verbirgt und was Experten sagen.

Die Liste der verschobenen Sportevents ist lang. An prominentester Stelle stehen die Fußball-EM, die Olympischen Spiele in Tokio und die Tour de France. Die Athleten müssen sich in der Corona-Krise gedulden, warten, trainieren und wieder warten. Doch nicht alle sind gut darin. Die lange Wettkampfpause bringt eine Sorge mit sich: Dass der Sport „dreckig“ wird.

Selten war die Gelegenheit so günstig wie jetzt. Wegen des Corona-Virus sind die Doping-Kontrollen weitestgehend ausgesetzt. Von den 30 akkreditierten Kontrolllaboren der Welt-Anti-Doping-Agentur sind nur 13 voll funktionsfähig. Auch das Dopingkontrolllabor in Köln meldet alarmierende Zahlen: „Im Vergleich zu den Vorjahren ist die Probenzahl auf ein Minimum zurückgegangen. Derzeit testen wir circa 95 Prozent weniger Dopingkontrollproben als zuvor“, sagt Professor Mario Thevis, Leiter des Labors, im Gespräch mit dieser Redaktion.

Doping-Experte mahnt

Doping-Experte Fritz Sörgel zeichnet ein betrübliches Bild. „Schwerpunktmäßig werden die profitieren, die in der zweiten Reihe stehen: Die nach vorne wollen oder verzweifelt sind“, sagt der Nürnberger Pharmakologe dieser Redaktion. Seine Prognose: „Eine Rückkehr zum Stand der Dopingkontrollen vor der Corona-Krise ist frühestens in zwölf Monaten möglich. Daraus folgt, dass Olympische Spiele im nächsten Jahr die blanke Wettbewerbsverzerrung darstellen, weil mehr als zwölf Monate vorher das Dopingtesten eingestellt wurde.“

Um die dunkle Lücke zu schließen, setzen die Kontrolllabore beispielsweise auf den biologischen Athletenpass. In ihm wird ein Blutprofil und Steroidprofil erkennbar. Unregelmäßigkeiten sollen so auch nach längerer Zeit offensichtlich werden. Sörgel ist skeptisch: „Der Blutpass muss sich erstmal einspielen. Jemand, der im Februar 2020 den letzten Eintrag hat, wird eine große Lücke im Pass haben. Nach einer langen Pause muss sich der Blutpass sozusagen wieder kalibrieren. Erst dann sind die Werte wieder aussagekräftig.“ Freie Fahrt also?

Nicht ganz. Eine Technik macht Hoffnung: Die „Dried Blood Spot“-Methode (kurz DBS/deutsch: „Getrocknete Blutstropfen“). Mario Thevis: „Die Analyse von Dried Blood Spots ist seit über fünfzig Jahren als Teststrategie bekannt. Sie wird regelmäßig beim Neugeborenen-Screening eingesetzt. Sobald das Neugeborene auf der Welt ist, wird meist aus der Ferse ein kleiner Blutstropfen mit einer Art Filterpapier entnommen, der dann in die Untersuchung gelangt. Ähnlich kann dies auch im Rahmen einer Dopingkontrolle erfolgen.“

Die Nationale Anti-Doping-Agentur (Nada) wendet die Methode derzeit an, wie sie auf Nachfrage mitteilt: „An dem Pilotprojekt nehmen mehrere Sportlerinnen und Sportler teil, die unter anderem zum Perspektivkader für die Olympischen Spiele in Tokio 2020 gehörten.“ Um Täuschungen zu vermeiden, würden die Athleten bei der DBS per Live-Videoübertragung bewacht.

Häufigere Kontrollen nötig

Die Vorteile der DBS: Der Eingriff ist minimal invasiv. Der Tropfen kann an verschiedenen Stellen entnommen werden, beispielsweise am Finger (wie bei Diabetes-Tests). Der Transport ist leichter, die Proben müssen nicht gekühlt werden. Auch die Langzeitlagerung stellt laut Thevis kein Problem dar.

Die Nachteile: „Die Masse an überprüfbaren Substanzen im Blutstropfen ist im Vergleich zu Vollblutproben begrenzter. Mit der derzeitigen Technik können etwa 60 Prozent der Substanzen erfasst werden, die üblicherweise in einer regulären Blutprobe untersucht werden können“, sagt Thevis. Auch das Nachweisfenster sei geringer, Kontrollen müssen häufiger erfolgen. „Die Methode kann die klassischen Dopinganalysen nicht vollumfänglich ersetzen. Das ist so aber auch nicht vorgesehen“, sagt Thevis.

Die Nada betont, dass sie noch andere Möglichkeiten der Verfolgung habe. Die Ermittler würden weiterhin allen Hinweisen nachgehen. Und für die Top-Athleten könnte gerade die Unregelmäßigkeit ein Problem sein, sagt Sörgel. „Spitzensportlern aus den A-Kadern dürfte bewusst sein, dass wenn wieder getestet wird, sie als Erstes dran sind. Für sie ist die Situation sogar noch schwieriger geworden. Je weniger getestet wird, desto unvorhersehbarer ist es.“

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