European Championships

Triumphe, Stürze und neue Helden: Das war die EM in Glasgow

Miriam Welte freut sich über ihre Bronzemedaille im Teamsprint.

Miriam Welte freut sich über ihre Bronzemedaille im Teamsprint.

Foto: Reuters

Glasgow.  Die European Championships waren sowohl für Athleten als auch Zuschauer ein Erfolg. Ein Rückblick auf die zurückliegenden zehn Tage.

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Zehn Wettkampftage sind absolviert, die erste Multisport-Europameisterschaft ist Geschichte, und dass das Event, das in Schottlands größter Stadt die kontinentale Spitze im Schwimmen, Kunstturnen, Rudern, Radsport, Triathlon und Golf zusammenführte, ein Erfolg war, ist schon mehrfach beschrieben worden. Das angesichts der zeitlichen Abstimmung und Bündelung der Wettkämpfe gesteigerte Interesse der Öffentlichkeit, das den übertragenden Fernsehsendern starke Quoten und den Athleten und Sponsoren deutlich mehr Aufmerksamkeit brachte, hat dem olympischen Sommersport ein Format gegeben, das seine Fortsetzung in vier Jahren finden dürfte.

Sport lebt indes nicht nur vom Gewinnen und Verlieren, sondern auch von den Emotionen und Erfahrungen abseits des Medaillenkampfes. Deshalb erzählt dieser Rückblick auf die European Championships von den großen Momenten, die im Kleinen zu erleben sind.

Bahnradfahrer halten nach Vogels schrecklichem Unfall zusammen

Stark bleiben: Die deutschen Bahnradfahrer hatten es schwer in der Vorbereitung. Wie eine Zentnerlast drückte der furchtbare Trainingsunfall ihrer Kollegin Kristina Vogel (27/Erfurt) auf die Stimmung. Die zweifache Olympiasiegerin hatte sich am 26. Juni in Cottbus bei einem Zusammenstoß mit einem niederländischen Nachwuchsfahrer das Brustbein zertrümmert und schwere Wirbelsäulenverletzungen erlitten. Niemand wusste einzuschätzen, was die psychische Belastung dieses Unglücks mit den Teamkollegen machen würde. Dann gewann am ersten Wettkampftag Vogels langjährige Rennpartnerin und Zimmerkollegin Miriam Welte (31/Kaiserslautern) Bronze im Teamsprint. Es war ein Befreiungsschlag für die gesamte Equipe, die zahlenmäßig die meisten Medaillen (elf) holte und Rang drei in der Nationenwertung schaffte. Viel wichtiger aber war das Zeichen des Zusammenhalts, das die Athleten sendeten, indem sie Helme, Lenker und Schuhriemen mit dem Hashtag #staystrongkristina schmückten. Alle für eine – diese Botschaft kam an.

Schwimmer holen endlich wieder Medaillen

Wieder aufgetaucht: Auch die deutschen Schwimmer gingen mental belastet in die Titelkämpfe, waren sie doch in den vergangenen Jahren bei internationalen Großevents stets die Verlierer der Nation gewesen. Die überraschende Goldmedaille in der Mixedstaffel über 4x200 Meter Freistil am vorvergangenen Sonnabend feierte die ganze Mannschaft als Initialzündung. „Das hat die Stimmung komplett gedreht und alle beflügelt“, sagte Bundestrainer Henning Lambertz. Mit achtmal Edelmetall ist man europaweit zwar auch nur Achter – aber immerhin wieder im Medaillenspiegel zu finden. Darauf, vor allem aber auf dem neu gewonnenen Teamgeist lässt sich in Richtung Tokio 2020 aufbauen.

Keine Ausreden: Ein Wasserfleck auf dem Schwebebalken, der Weltmeisterin Pauline Schäfer um ihr erstes EM-Gold brachte. Ein Reck, an dem das Magnesium nicht haftete und von dem deshalb viele Athleten abstürzten. Ein viel zu heller Belag, der bei der Bodenkür irritierte. Ausflüchte, um ihr medaillenloses Abschneiden zu erklären, hatten die deutschen Turner einige gefunden. Schön zu hören war dann jedoch, dass die Bundestrainer Ulla Koch und Andreas Hirsch davon nichts hören wollten. „Wenn ich im Glashaus sitze, werfe ich nicht mit Steinen. Wir müssen uns an die eigene Nase packen“, sagte Hirsch, während Koch ankündigte, vor der WM Ende Oktober in Doha (Katar) die Trainingsintensität deutlich anzuheben. Manchmal hilft eben doch nichts anderes als harte Arbeit.

Lindemann beweist große Moral

Nie aufgeben: Dass Laura Lindemann hart arbeitet, hat noch niemand bezweifelt. Den Lohn dafür streicht die Triathletin aus Potsdam zu selten ein. In Hamburg verpasste sie im Juli den Sieg im WM-Sprint, weil sie beim Wechsel vom Rad zum Laufen einen Schuh nicht schnell genug überstreifen konnte. In Glasgow wurde die 22-Jährige im Einzelrennen unverschuldet in einen Sturz auf der Radstrecke verwickelt. Die angepeilte Medaille war verloren, dennoch kämpfte sie unverdrossen, um wenigstens den Endspurt im Verfolgerfeld zu gewinnen. So ist ein hart erarbeiteter Rang vier für das eigene Selbstvertrauen manchmal mehr wert als eine durch das Unglück der Konkurrenz gewonnene Medaille.

Kinder warten: Sportler wie Elisabeth Brandau sind die wahren Helden des Alltags. Die 32-Jährige ist Mutter von zwei Kindern. Vier Wochen im Jahr nimmt sich die Schwäbin Zeit, um auf der ganzen Welt Mountainbike-Wettkämpfe zu bestreiten. Zur EM kam sie ausgelaugt von einem Magen-Darm-Infekt, den ihr Nachwuchs aus der Kinderbetreuung eingeschleppt hatte. Das hinderte sie nicht daran, auf Rang fünf vorzupreschen – und am nächsten Morgen um sechs Uhr früh zum Weltcup nach Kanada weiterzureisen. Wer so ein Programm schafft, lächelt müde über die kleinen Sorgen des Normalbürgers.

Die freiwilligen Helfer sind die heimlichen Helden

Willen gezeigt: Große Sorgen hatte Trixi Worrack im März 2016. Nach einem Sturz bei einem Rennen in Italien musste der 36-Jährigen aus Cottbus eine Niere entfernt werden. Das Stück, das der viermaligen Zeitfahrweltmeisterin danach auf die Spitze fehlte, hat sie in Glasgow nun aufgeholt. Bronze im Einzelzeitfahren bedeute ihr mindestens so viel wie die WM-Medaillen, sagte Trixi Worrack, die nach dem Unfall beschlossen hat, nicht mehr allzu weit vorauszuplanen. „Fate“, das englische Wort für Schicksal, hat sie sich aufs linke Handgelenk tätowieren lassen. Ein Wort kann manchmal ein ganzes Leben zusammenfassen.

Freiwillige Helfer: Ein ganzes Leben kann man auch in einer halben Stunde erzählen. John, pensionierter Ingenieur, der 18 Jahre lang in der Royal Airforce diente, war einer der 4000 freiwilligen Helfer, die in Glasgow dafür sorgten, dass die Organisation so gut wie reibungslos funktionierte. Er war als Chauffeur dafür zuständig, Athleten, Funktionäre oder Journalisten, die die regulären Shuttlebusse verpassten, an ihren Bestimmungsort zu fahren. Mit dem Navigationsgerät konnte John zwar nicht umgehen, dafür kannte er den Weg aus dem Kopf – und freute sich über den Gast aus Deutschland, an dem er das Vokabular ausprobieren konnte, das von seinem dreijährigen Armeedienst in der Nähe von Mönchengladbach Ende der Siebzigerjahre geblieben war. Am Ziel angekommen hatte er davon erzählt, wie er im Dschungel Borneos aus Neugier Pythons hochgehoben und auf Zypern den Konflikt zwischen Griechen und Türken verstehen gelernt hatte. Das angebotene Trinkgeld lehnte er mit der Begründung ab, er sei schließlich freiwillig im Dienst und der Reporter aus Hamburg nicht, so dass eigentlich der Gast ein Trinkgeld fürs Zuhören verdient hätte. Begegnungen wie diese sind unbezahlbar. Und sie unterstreichen, dass man kein Athlet sein muss, um von einem internationalen Sportereignis profitieren und zehren zu können.

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