Tour-Jubiläum

Tour-Sieg vor 50 Jahren: Als Eddy Merckx allen davon fuhr

Eddy Merckx fährt 1969 auf der 11. Etappe von Briancon nach  Digne-les-Bains im gelben Trikot vor dem Peloton

Eddy Merckx fährt 1969 auf der 11. Etappe von Briancon nach Digne-les-Bains im gelben Trikot vor dem Peloton

Foto: Witters

Brüssel.  Der Auftakt der Tour de France in Brüssel steht im Zeichen des Belgiers. Vor 50 Jahren gewann Eddy Merckx zum ersten Mal die Gesamtwertung.

Beim Start der 106. Tour de France treten die aktiven Radprofis in den Hintergrund. Ein 74-Jähriger wird stattdessen gefeiert: Eddy „der Kannibale“ Merckx. Vor 50 Jahren gewann der Belgier seine erste Tour de France. Er gewann sie überlegen, mit fast 18 Minuten Vorsprung, mit sechs Etappensiegen und dem Gewinn der anderen Wertungen (Punkte, Berge und Kombination, die sich aus den übrigen zusammensetzt).

Eine 140 Kilometer lange Solofahrt über die Pyrenäen

Zur Legende wurde seine 140 Kilometer lange Solofahrt über die Pyrenäen. Acht Minuten Vorsprung holte er bei seinem Parforceritt über Tourmalet und Col d’Aubisque heraus. Das Besondere: Schon vor dem Start der Etappe hatte er einen beruhigenden Vorsprung von etwa acht Minuten. Aber diesem Kraft strotzenden Burschen reichte das nicht. Deshalb zog er los, allein, und gegen jegliche Radsportvernunft.

Brief vom belgischen König an Eddy Merckx

Damit beeindruckte er die Zeitgenossen, die kleinen wie die großen. Belgiens König Philippe war so berührt, dass er Merckx noch jetzt zum Jubiläum einen Brief schrieb. „Ich möchte mich im Namen des Landes bedanken. Unser Land war auf Wolke 7 damals. Ich war neun Jahre alt, gerade alt genug, um die Wirkung zu ermessen, die es hatte. Ich erinnere mich noch heute an die Aufregung und die Freude, die die Menschen im Land hatten. Es war nur der erste von insgesamt fünf Siegen bei der Tour, aber 1969 wurden Sie wie ein Held willkommen geheißen“, erinnert sich Philippe.

Was der Monarch, der seit 2013 auf dem Thron sitzt, zu erwähnen vergaß, war, dass Merckx nur wenige Wochen zuvor sehr kleinlaut, zerknirscht und wütend ins Land gekommen war. Wegen einer positiven Dopingprobe war er beim Giro d’Italia ausgeschlossen worden.

Ein dubioser Doping-Fall vor dem Toursieg

Der Fall war dubios. Die Substanz, die bei ihm gefunden wurde, das Stimulanzmittel Fencamfamin, wurde im Jahr zuvor bei seinem großen Rivalen Felice Gimondi gefunden. Allerdings machte die Nachricht erst nach dem Giro die Runde. Gimondi wurde später sogar freigesprochen, weil das Mittel damals noch nicht auf der Dopingliste stand. Ein Jahr später war es verboten. Und die Analysen wurden, um schneller zu Ergebnissen zu kommen, in einem mobilen Labor getätigt. Ob hier die Standards immer eingehalten wurden, war fraglich. Schlimmer noch war, dass die B-Probe ohne die Anwesenheit von Merckx geöffnet wurde. Nach heutigen Maßstäben wäre der Test ungültig. Merckx aber wurde schuldig gesprochen. Er musste den Giro verlassen. Das italienische Fernsehen zeigte ihn mit Tränen in den Augen. Die belgische Presse schrieb von einem Komplott.

Immerhin brachte ihn eine Maschine des belgischen Königshauses in die Heimat, das schrieb zumindest Brendan Gallagher in seinem Buch „Corsa Rosa: A history of the Giro d’Italia“. Ganz Belgien war in Aufruhr damals. Merckx’ Frau Claudine sagte später, dass ihr Mann in jenen Wochen 10.000 Unterstützerbriefe erhielt und sie die gesamte Tour über beschäftigt war, all diese Briefe zu beantworten. Das waren die Zeiten, in denen eine Unterstützung nicht mit dem Klicken eines Like-Buttons zu erledigen war; man musste noch Papier kaufen, selber schreiben, eine Briefmarke besorgen, sie aufkleben und den Brief oder die Karte in einen Briefkasten einwerfen.

Sein Schatten macht die Fahrer klein

Der öffentliche Druck führte schließlich dazu, dass die UCI – der Weltverband des Radsports – die einmonatige Sperre so verkürzte, dass Merckx zur Tour kommen konnte.

Diese führte damals schon durch Belgien. Das Teamzeitfahren am zweiten Tag ging – wie in diesem Jahr übrigens auch – durch den Brüsseler Vorort Woluwe-Saint-Pierre, dort, wo die Eltern von Merckx einen Lebensmittelladen besaßen. Jetzt heißt der Platz vor dem einstigen Laden „Square Eddy Merckx“, Eddy-Merckx-Platz – noch so eine Ehrung für den großen Belgier. In seinem Schatten wirken die aktuellen Profis klein.

Kein Wunder also, dass bei diesem Grand Depart in Brüssel Eddy Merckx die beherrschende Figur ist, mit all seinen Siegen, und den Ecken, Kanten und Schattenseiten auch.

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