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Manuel Charr: Ein Koloss boxt sich durchs Leben

Köln.  Vor zwei Jahren wurde Manuel Charr in Essen angeschossen und notoperiert. Am 25. November will er in Oberhausen den WM-Titel holen.

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Zum Schluss der Pressekonferenz meldet sich Peter Therstappen zu Wort. Der Kölner Anwalt von Manuel Charr hat einen Umzugskarton bei sich, einen weißen, mit braunem Klebeband fixiert. Das dunkelste Kapitel des Schwergewichtsboxers liegt in der Kiste, blutbeschmiert, zwei Jahre alt. Es ist die Kleidung, die Charr trug, als er in Essen niedergeschossen wurde.

„Es scheint nicht jeden Tag die Sonne”, sagt Charr im Kölner Excelsior Hotel. Damals nicht. Vor fünf Monaten vor seiner Hüft-OP nicht. Während seiner Kindheit im Libanon nicht. Nach der Flucht in Gelsenkirchen nicht.

Aber am Donnerstag schien die Sonne: Da hat Charr offiziell verkündet, dass er am 25. November in der Oberhausener Arena gegen den Russen Alexander Ustinov um den WM-Titel des Boxverbandes WBA kämpft. Gewinnt Charr, könnte es zu einem Kampf gegen Klitschko-Bezwinger Anthony Joshua kommen. Seine größte Chance.

Schütze muss fünf Jahre in Haft

Die Kiste, die neben Therstappen steht, ist für Charrs Manager Christian Jäger. „Ich wollte sie einem Menschen geben, der mich nie aufgegeben hat”, sagt Charr, „einem Menschen, den ich liebe.”

Jäger hat den Koloss von Köln vor zwei Jahren in Seefeld in Tirol aufgenommen, als er fast für immer gefallen wäre. In einem Döner-Imbiss im Essener Stadtteil Altendorf schießt Youssef H. dem Boxer in den Bauch, nach einem verbalen Schlagabtausch in den Sozialen Medien. Charr muss notoperiert werden, die Bilder mit der riesigen Narbe am Bauch gehen um die Box-Welt. Der Schütze wird später zu fünf Jahren Haft verurteilt. Charr hat ihm da längst verziehen.

„Ich wünsche ihm alles Gute”, sagt Charr dieser Zeitung. „Ich hoffe, dass er eine Ausbildung machen kann, er eine Chance bekommt.” Kontakt habe er nicht zu ihm.

Als Charr in Seefeld ankam, sei er „eigentlich schon wieder sehr, sehr stark gewesen”, erinnert sich Jäger. „Das Mentale war das größere Problem.” Charr musste nachdenken, über die Nacht zum 2. September 2015, über sein Leben.

Flucht nach Deutschland

1984 wird der heute 33-Jährige im bürgerkriegsgeschüttelten Libanon geboren, drei Jahre später fällt sein Vater dem Krieg zum Opfer. Charrs Mutter packt 1989 die Koffer, flüchtet mit Charr und fünf seiner sieben älteren Geschwister nach Deutschland. Die Familie lebt erst in Berlin, dann in Gelsenkirchen. Charr putzt an Ampeln Autoscheiben, stiehlt Obst, um es zu verkaufen. 2005 wird er Profiboxer, 2006 ist die Karriere fast schon wieder vorbei.

Charr ist in Berlin nahe des Kurfürstendamms an einem Streit beteiligt, bei dem ein Mann schwer verletzt wird. Nach zehn Monaten kommt Charr aus der U-Haft frei – aus Mangel an Beweisen. Charr soll zugestochen haben, aus Notwehr, wie er im Prozess einräumt. 2011 sitzt er erneut in U-Haft, als er bei einer bundesweiten Razzia gegen Autoschieber festgenommen wird. Das Verfahren wird eingestellt.

In Seefeld ziehen die Momente eines bewegten Lebens an Charr vorbei. „Man sieht, ich bin ruhiger geworden. Die Berge haben das gemacht”, sagt er. Auf der Pressekonferenz spricht er viel über Willenskraft, über die Entscheidung zwischen Leben und Tod („Ich habe mich fürs Leben entschieden”), und über die Operation im April, bei der ihm zwei neue Hüftgelenke eingesetzt wurden. Arthrose im Endstadium. Bilder reihen sich im Promo-Video aneinander, wie Charr trainiert, schwitzt, Gewichte stemmt. Ein Koloss, der sich unaufhörlich durchs Leben walzt.

Keine Chance gegen Klitschko

Aber nicht unbesiegbar. 2012 erhält Charr seine erste große Chance, als er gegen Vitali Klitschko um den Weltmeistertitel des WBC kämpft. Klitschko verprügelt den „Arabischen Hengst” regelrecht. Der Kampf wird in Runde vier abgebrochen. Blutüberströmt will Charr sein Aus nicht wahrhaben.

In Köln spielt Charr auch diese Szene ein, wie er in einem Moment auf Klitschko einschlägt, den Kopf voller Blut. Sein kommender Gegner Alexander Ustinov hört und sieht sich das wie ein stiller Riese an. Womöglich, weil er kein Deutsch spricht, womöglich, weil er von 35 Kämpfen nur einen verloren hat. Charr hat vier seiner 34 Kämpfe verloren, dafür den Weg von ganz unten nach oben gefunden. Er ist sich sicher: „Ich werde Schwergewichts-Weltmeister.”

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